Dienstag, 20. Februar 2018
Lysistrata ist tot: Lang lebe Pandora!
Frau sein mag biologisch Vorteile haben, soziologisch kommt es - nach Meinung einiger narzisstisch gestörter Männer - einer Behinderung gleich.
Ich kann solches Hoden-Esperanto einfach nicht mehr hören, ohne mich erbrechen zu müssen. Diese dummdreiste Logik, mit der sich manche Mikropenisse hartnäckig für was Besseres und den Nabel der Welt halten und glauben, dass jede Frau unheimlich scharf darauf sein muss, ausgerechnet von ihnen gePIEPSt zu werden, scheißegal wie dumm, alt, fett, gestört, ungewaschen, unattraktiv man(n) daherkommt: All diese Recep Tayyips, Donalds, Jong Uns ... dieser Welt!

Als Frau braucht man nicht mal in die Ferne zu schweifen: Jede von uns kennt wenigstens einen narzisstisch gestörten Typen aus ihrem Familien-Freundeskreis oder Arbeitsleben, der mit den Parametern männlicher Dominanz daherschlawenzelt kommt und sich qua Geburt für den Punkt auf Mittelerde hält, um den Mädels sich zu drehen haben. Möglichst mit nacktem Hintern und freigelegten Möpsen.
Dagegen kommt man als Frau selbst mit sorgfältigst kultivierter Unsichtbarkeit nicht an. Selbst in Kleidung, die frau gerade aus einem Müllkontainer gefischt hat, auf der Flucht oder als Vertriebene, ungewaschen und fern der Heimat, irgendwo lauert immer so ein Kerl: „Willze ficken?“

Männer mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung haben das Gefühl der eigenen unantastbaren Größe und Einzigartigkeit und stechen durch selbst inszenierte Grandiosität und die ausschließliche Ausrichtung auf die eigene Person hervor. Durch ihre ausgeprägte Selbstverliebtheit und das Verlangen, von allen bewundert werden zu wollen, fallen sie auf - dass sie Frauen damit ganz schön auf den Wecker gehen, nehmen sie gerne in Kauf.
Sie sind nicht Papst, sie sind Erzengel, Luzifer und Godfather zugleich!
Als Ausgleich ihrer inneren Unsicherheit und Minderwertigkeit müssen sie sich ein positives Selbstbild von sich aufbauen, das durch exzessive Größenphantasien gestützt wird. Dadurch schaffen sie sich ein eigenes Idealbild, oder besser gesagt: ein Traumbild von sich und der Welt, wie sie sie gerne hätten.
Zeigt ihnen die reale Welt oder eine reale Frau jedoch ihre kalte Schulter, ignoriert sie sie gar, reagieren sie nicht wie ein enttäuschter Liebhaber, das wäre ihnen zu klein, zu banal. Wenn eine Frau die unverschämte Frechheit besitzt, sie, die Größten unter der Sonne (mit dem Größten in der Hose!) zu verschmähen, dann fühlen sie sich gleich von der ganzen Welt verschmäht!
Daraus kreieren sie ihr Recht, Frauen zu verachten, ganze Mädchenklassen zu entführen, zu vergewaltigen, zu versklaven, den Löwen zum Fraß hinzuwerfen und jede Frau, die es wagt, anderer Meinung zu sein als sie, erbarmungslos verbal oder in echt zu foltern und zu quälen - und hinterher final ans Kreuz zu nageln: „Die blöde Kuh hat es doch nicht besser verdient!“

Das Selbstwertgefühl solcher Großmäuler hängt fast ausschließlich von der Bewertung anderer ab: Solche Typen erwarten ständige und ununterbrochene Bestätigung - am Liebsten von willfährigen, untergeordneten Frauen. Selbstunsichere Männer können ihre Energie nicht aus dem Inneren beziehen und müssen zur Energiegewinnung Frauen „anzecken“ oder zum Opfer machen: Weibliche Aufmerksamkeits-Energie ist der Treibstoff, der sie nährt und antreibt - im Guten wie im Bösen: "Und bist du nicht willig, so brauch` ich Gewalt ...!"
Nur leider versiegt die Quelle abhängiger, unterwürfiger Frauen immer wieder und sie müssen sich ständig nach Nachschub umsehen: In Thailand, bei virtuellen Geishas oder sonst wo auf Ficki-Island …
Aus diesem Grund sind jederzeit bereit, sehr lange Wege und übermenschliche Anstrengungen auf sich zu nehmen, um die wirtschaftliche, private oder berufliche Abhängigkeit von Mädchen und Frauen anderer Länder auszunutzen, um für sich Aufmerksamkeit und Macht zu erschließen und sie zu erhalten.

Ihre als „Kritik“ getarnte Häme und Größenphantasien von sich und ihren Fähigkeiten verbreiten sie auch gerne in Großmanns-Manier auf einer anderen Baustelle: Am Arbeitsplatz. Als penible, kontrollierende Vorgesetzte, selbsternannte „Gurus“ oder „Heiler“ ...
Das gibt ihnen ein Gefühl grenzenloser Macht und Herrschaft. Durch maßlose Überheblichkeit und Selbstüberzeugung sowie einem unersättliches Anspruchsdenken stellen sie sich in Pose: „Mein Haus, mein Pool, mein Pferd, mein Auto, mein Doktortitel …!“ und erwarten dafür andächtige Bewunderung.
Für sie ist es lebenswichtig, dass alle Macht, jegliche Aufmerksamkeit, jedes Lob und jede Wertschätzung ihnen gelten. Sie können es einfach nicht ertragen, wenn nicht sie im Mittelpunkt stehen. Alle ihre Bemühungen richten sich darauf aus, machtvolle Positionen zu erreichen, einzunehmen, zu halten und zu verteidigen: Wehe dem, der ihre Kommentare, ihr Gesabbel und ihr Geschreibsel ignoriert, wer ihr grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit und Talente übersieht!

Mancher narzisstische Jungspund, der von Beruf Sohn ist, erwartet auch ohne entsprechende Leistung zu erbringen, als grandios und überlegen anerkannt zu werden. Mamas Liebling ist dermaßen selbstbesoffen und eingenommen von seinen Phantasien grenzenlosen Erfolgs, grenzenloser Macht, Brillanz, Schönheit, Talent oder idealer Liebe, dass er glaubt, besonders und einzigartig zu sein: Einfach, weil er daran glauben will.
Exzessive Bewunderung von Mama und allen Mama-Stellvertreterinnen ist sein tägliches Brot. Wer so einem Dieter-Bohlen-Verschnitt für Arme die Bewunderung seiner "Talente" verweigert, wird zur "Feindin No.One" erklärt. Mamasöhnchen haben das bewundernswert feindselige Talent, alles auf sich zu beziehen - und sei es noch so abwegig.

Wer schon einmal mit einem emotional Unbedarften eine Liaison eingegangen ist, weiß, dass frau besser Gespräche mit den Wollpullis in ihrem Schrank führen kann als mit manchen Männern: Männlicher Mangel an Empathie wird nur noch überragt durch männlichen Mangel an Emotion. In seinem hochnäsigen Auftreten blickt der Arrogante und Selbstgefällige und der passiv-aggressive Mann gerne auf Frauen herab. Durch seine kaltherzige Art und durch anmaßende und übertriebene Verurteilungen von weiblicher Intelligenz und Leistung fällt er auf - nur selten wird er öffentlich dafür gemaßregelt oder daran gehindert. Und wenn, winselt er schnellstmöglichst um Vergebung, gibt sich nach außen hin submissiv-gefügig - und lacht sich innerlich eins ins Fäustchen, weil Frauen so leichtherzig verzeihen.

Im Internet gefällt es Narzissten über die Maßen gut: Facebook, Twitter & Co stellen die Bühne zur Verfügung, die sie für ihre Selbstdarstellung und Großmannsphantasien brauchen.
Und niemand setzt sich ihnen zur Wehr und nur selten bietet ihnen jemand Paroli. So können sie weiterhin glauben, von allen weiblichen Usern um ihre Grandiosität, ihre Intelligenz, ihr Geld, ihre Titel, ihr Talent, ihren Besitz …angebetet zu werden.

Sie gehen gerne voran, übernehmen die Führerschaft und setzen sich über alles hinweg. Sie sehen nur ihre eigenen Interessen und ihre eigenen Ziele. Dabei ist der eigentliche Gegenstand des Zieles niemals primär. Für sie sind nur die Darstellung der eigenen Größe und die Lorbeeren, die sie durch Erfolge ernten, von Bedeutung. Genauso wesentliche Merkmale sind ihre übermäßige Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen jeglicher Art, ein großer Mangel an Einfühlungsvermögen anderen gegenüber sowie die derbe und schamlose Entwertung von Frauen.

Das Unglück mancher Frauen ist, dass manche negativen narzisstischen Eigenschaften eines "Mr. Big" erst nach längerer Zeit oder einer intensiveren Beziehung sichtbar werden, denn manche verstehen es hervorragend, sich in den Werbewochen Frauen gegenüber von ihrer brillanten Seite zu präsentieren. Ihre wahren Absichten bleiben lange Zeit im Dunkeln, so dass Frauen oft nicht vermuten, dass sich hinter der Fassade ein äußerst übles Potenzial verbirgt.

In Zeiten des Internets bringt es nichts (mehr), Typen, die verbal oder in echt kriegerisch-metzelnd unterwegs sind oder mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung hinter den Schreibtischen der Macht thronen, den Geschlechtsverkehr zu verweigern wie einst Lysistrata - oder eine weinerliche Mee-Too-Debatte anzukurbeln, in der Frauen, die privat oder beruflich Opfer männlichen Dominanz- und Imponiergehabes und gewaltsamer Überschreitungen sämtlicher Grenzen des Anstandes geworden sind, hinterher auch noch öffentlich an den Pranger der Boulevard-Presse gestellt werden.

Wir könnten sie auf zwanzig krasse Arten killen. Aber so leicht sollen sie uns nicht davonkommen, diese machtgeilen Narzissten, Vergewaltiger und Mädchenverführer, die mit dem Schwanz denken. Für sie habe ich mir die grausamste Art zu sterben ausgedacht: Wir werden sie, wie einst in der griechischen Antike, nicht durch das Schwert, sondern durch weibliche List und Tücke erledigen. Wir werden die Büchse der Pandorra wieder öffnen:
Clamydien, Genitalherpen, Syhillis, humanes Paillomvirus, Ulcus molle, Hepatitis B, HIV, Gonokokken, Gonorrhoe …
Das kann doch nicht soo schwer sein, Mädels: Öffnet die Büchse der Pandora - und schnackselt solche Recep Tayyips, Donalds, Jong Uns … einfach ins Jenseits!
Mögen ihre Gemächte verdorren und tausend Kamele auf ihre Gräber scheißen, Tschakka!

Ähm …ich muss jetzt nur noch herausfinden, wie wir an den unentdeckten Tripper rankommen, mit dem wir diese Vollhörste infizieren können, ohne dass sie `s merken. Das ist mein schöner, perfider Racheplan für die nächsten Jahre …
















Wir googeln zur Frauenfortbildung:
Mythos Pandora:
Auf Weisung des Zeus hatte Hephaistos aus Lehm die erste Frau geschaffen, Pandora. Sie war ein Teil der Strafe für die Menschheit wegen des durch Prometheus gestohlenen Feuers. Prometheus’ Bruder Epimetheus und Pandora heirateten.
Zeus wies Pandora an, den Menschen die Büchse zu schenken und ihnen mitzuteilen, dass sie unter keinen Umständen geöffnet werden dürfe. Doch sogleich nach ihrer Heirat öffnete Pandora die Büchse. Daraufhin entwichen aus ihr alle Laster und Untugenden. Von diesem Zeitpunkt an eroberte das Schlechte die Welt. Zuvor hatte die Menschheit keine Übel, Mühen oder Krankheiten und auch den Tod nicht gekannt. Als einzig Positives enthielt die Büchse die Hoffnung (griechisch ἐλπίς elpís). Bevor diese auch entweichen konnte, wurde die Büchse wieder geschlossen. So wurde die Welt ein trostloser Ort. Gelegentlich findet man in Sekundärliteratur die Behauptung, die Büchse sei ein zweites Mal geöffnet worden, sodass auch die Hoffnung entweichen konnte. Dabei könnte es sich um Versuche handeln zu erklären, warum die Menschen die Hoffnung kennen. Im Original von Hesiod gibt es keinerlei Hinweis auf eine solche zweite Öffnung. Unbekannt ist darum auch, welches Übel als letztes entweichen konnte. Demgegenüber steht die Auffassung von Nietzsche, nach der die Hoffnung in Wahrheit das größte Übel aller in der Büchse befindlichen Flüche ist: Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.



Lysistrata (altgr. Λυσιστράτη Lysistrátē, aus λύσις lysis „Auflösung“ und στρατός stratós „Heer“), Die Heeresauflöserin, gehört zu den bekanntesten Komödien des griechischen Dichters Aristophanes. Sie wurde von ihm im Frühjahr 411 v. Chr. – im zwanzigsten Jahr des Peloponnesischen Krieges – bei den Lenäen zur Aufführung gebracht. Im selben Jahr entmachteten in Athen Aristokraten durch einen Putsch die radikaldemokratische Regierung. Lysistrata ist das dritte der pazifistischen Stücke des Aristophanes, die den Krieg zum Thema haben.
Inhalt:
Das Stück thematisiert den Kampf einiger Frauen gegen die Männer als Verursacher von Krieg und den damit verbundenen Leiden. Getragen von dieser Erkenntnis verschwören sich die Frauen Athens und Spartas, um den Frieden zu erzwingen. Sie besetzen unter Führung der Titelheldin Lysistrata die Akropolis und verweigern sich fortan sexuell gegenüber ihren Gatten. In Sparta wird durch Lampito ähnliches veranlasst. Nach einigen Verwicklungen und Rückschritten – mehrfach versuchen liebestolle Frauen, die Burg in Richtung der Männer zu verlassen, oder die erbosten Herren, selbige zu erstürmen – führt der Liebesentzug tatsächlich zum Erfolg.

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Samstag, 17. Februar 2018
TV-Top-Tipps fürs Wochenende:
07:00 Die Sendung mit der Ratte
Klingt blöd. Ist aber so.
07:30 Volle Kanne. Frühstücksfernsehen
Manische Moderatoren servieren Senilfood für saublöde Senioren
9:00 Die letzte Kuh. Krimiserie
Wiederholung vom Vorabend: Der letzte Bulle trabt zum Besamungsfachwirt seines Vertrauens.
10:00 Welke Rosen. Telenovela für postmenopausale Mädels
10:30: Extrem leicht. Doku-Soap
Leichte Mädchen mit Menstruationshintergrund lernen unter Anleitung des Life-Coachs Felix Klemme, wie sie sich auf schweren Jungs anmutig bewegen
11:00 Verbotener Hass. Daily Soap
12:00 Gute Zähne, schlechte Zähne. Daily Soap
12:30 Bei Anruf Hiebe. Dating-Show
Heute kriegt Kevin hinter der Liebeswand von Chantal was auf die Fresse
13:00 Schlag mich doch! Doku Soap
Irene K. aus G. will`s hart und unbarmherzig. Doch Freund Dieter F. aus H. steht auf Blümchensex
14:00 Two and a Half Woman. Sitcom
Charly Sheen metzelt im Drogenrausch zwei Damen aus dem Vaginalbusiness ab, weil sie ihn verklagen wollten.
15:00 Shopping King
Jorge Gonzales und Bruce Darnell stöckeln auf high Heels durch Börlin und wollen an Guidos Designerstück
17:00 Explosiv – Laktose-Intoleranz und ihre Folgen
17:30 Exclusiv – das Amsel-Meise-Fink & Star-Magazin
18:00 Lasziv. Der König von Mallorca stellt auf dem Rentnerball seinen neuen Song vor: „Zu alt für Lambada, zu jung für den Seniorenteller“
18:30 Türkisch für Anfänger
Schimpfworte vom Bosporus, Lektion 1:
IschPIEPsedeineMutterduOpfa!
19:00 Henssler hinter Gittern. Kochshow
Knastjungfrau Ali steht vor seiner größten Herausforderung: Den Henssler richtig zu bedienen. Wird er es schaffen?
19:30 Bauer sucht Sau. Kuppel-Show
Heute: Bauer Heinrich isst wieder Schaf
20:00 Rach, der Raststättentoiletten-Tester
Der Kackerlakenprofi drückt es aus: Ihm stinkt`s gewaltig!
21:00 Sing my Song
Sara in Love und Yvonne Knatterfeld räkeln sich lasziv auf dem Schaffell vorm knisternden Kamin und Lederhosenrocker Thomas Gabalier kommt in Springerstiefeln reingeschuhplattelt und jodelt: “I sing a Liad für di, i hob a Engerl `gsehn, du geile Förschterin vom Pussywald!“ Im Hintergrund jammert ein selbstbesoffene Xavier Nadoo: „Sie wolln ons nech …dieser Weg wird kein seichter sein …“
22:00 Good bye Ausland! Reportagereihe
Heute: Daniela Katzenberger ist Kotza Kordalisübel: Ihre Schwester ist Dschungelkönigin! Daniela lässt sich spontan scheiden und heiratet auf Malle den Vater ihres unehelichen Kindes: Jens Büchner. Beide wollen jetzt ganz dolle Gas geben und bei POCO die Regale auffüllen
23:00 Auf und davon. Das Auswanderer-Magazin
Herrmann K. setzt alles auf eine Karte: Bevor er in Essen Alimente zahlen muss, will er in Portugal ein neues Leben beginnen. Oder in Korschenbroich …
24:00 The Gang Bang Theory
Damit Sheldon aufhört, sich immer wieder neue Krankheiten einfallen zu lassen, greift Stephanie zu einem Trick: Sie spielt nackt Klingonenscrabble mit ihm
1:00 How I Met your Samenspender. Sitcom
2:00 Auf Seife. Doku-Soap
Nachgestellte Szenen aus dem Polizeidienst. Heute: Ausgerutscht!
03:00 Arm & Hässlich
04:00 Leider geile Werbe-Titts! Erotikmagazin. Softpornos mit Dschungelkönigin Melanie Müller, mit Pöbelanrufen von Mark Madlock
05:00 Pups! Die Pannenshow.
06:00 Einsatz mit vier Händen – Spezial
Für Familie A. wurde ein Alptraum wahr: Wine Tittler stapft durch ihr Blumenbeet


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Donnerstag, 15. Februar 2018
Das Geheimnis der Begierde oder die Matrix der Lust
Wenn alle Männer Schweine sind - sind dann alle Frauen Perlen vor die Säue …?
Die Sendung „Das Geheimnis der Begierde oder die Matrix der Lust“ auf ARTE versucht darüber aufzuklären, dass im Tierreich als auch bei uns Menschen die Weibchen im gleichen Maße fremd gehen wie ihre männlichen Artgenossen:
Innerhalb einer Partnerschaft würden Frauen sogar früher daran denken als ihre männlichen Partner. Während Männer sich noch in der Partnerschaft wohlfühlen und alles prima fänden, machten ihre Frauen längst im Geiste den Einkaufszettel fürs Genshoppen ..
Wenn man den wissenschaftlichen Studien, die in der Sendung zitiert werden, glauben mag, gehen Frauen genauso gerne fremd wie Männer - nur behaupten sie gerne das Gegenteil. Schon rein rechnerisch ist das nicht valide, denn zu jedem Hetero-Mann, der sich fremdgehend ins Gebüsch schlägt, gehört auch eine Frau - zumindest eine.
An das Märchen, Frauen würden durch Pornos nicht erregt und zögen wegen Aufzucht der Brut die Monogamie vor, glaube heutzutage wohl keiner mehr, meint der Moderator. Statt auf Langeweile im Endzustand, die Ehe, seien Frauen ebenfalls auf serielle Monogamie und mehrere Lebensabschnittsgefährten ausgelegt. Spannend sei nach wie vor, warum Frauen das (immer noch) verheimlichen und Männer das (immer noch) nicht wahrhaben wollten.

Auch in der Primatenforschung tue man(n) sich schwer damit, wenn weibliche Lust offensiv eingefordert werde, wenn beispielsweise Herr Pavian von Frau Pavian zum Sex genötigt werde. Nichts sei im Tierreich so, wie es uns Dr. Grzimek früher Glauben machen wollte. Heute wisse man: Mme Pinguin sei lesbisch, Mrs. Schimpansin gehe fremd und Frau Kuckuck vögele lustig ohne Hochzeit - und lege hinterher ihre Brut einfach einer anderen ins Nest, die kleine Schlampe.

Eine weitere unangenehme Erkenntnis lauere in neuen Studien über die Sexualität der Frau: Frauen haben schmutzige Phantasien: Während er den doppelten Rittberger vom Schlafzimmerschrank in Szene zu setzen bemüht sei, rufe Madame in ihrer Phantasie die Herren Cloony, Schwarzenegger, Carpendale & Co zum Liebesdienst herbei. Will heißen: Während er glaube, seine Bettgenossin verdrehe in extatischen Wonnen die Augen, weil er sie gerade ins Nirvana schnacksele, gehe in Wahrheit in ihrem Frontallappen das Kopfkino ab – leider mit anderen Hauptdarstellern …
In Zukunft müsse er sich hinterher nicht nur fragen, ob die Frucht im Bauch seiner Angebeteten seinem Samen entspringe – er müsse sich auch Sorgen darüber machen, an wen sie währenddessen gedacht habe, während er sich auf/unter/neben ihr abgerackert habe.

Kleiner Tipp von mir an alle Männer, die diese Sendung auf allen Ebenen tief verstört: Seid wachsam!
Vor allem, was die vielfältigen Umstylingversuche eurer Liebsten an euren Astralkörpern betrifft: Erst wird ganz zufällig hier ein Pickelchen entdeckt und ausgedrückt, da eine Augenbraue gezupft …
Eines schönen Tages wird die Herzallerliebste übergriffig werden – und kalt lächelnd damit beginnen, Heißwachs auf eure Brust- und Beinbehaarung aufzulegen. Dabei handelt es sich nicht, wie ihr anfänglich glauben mögt, um geile SM-Spielchen, sondern um ein Ganzkörperwaxing - das mit der Enthaarung eurer Kronjuwelen endet.
Glaubt bloß nicht, dies entspringe dem fürsorglichen Pflegeinstinkt eurer Frau. Damit läst sie euch vier Liter Abführmittel schlucken und schickt euch anschließend zur Darmspiegelung ...
Die Enthaarungsarbeiten an ihrem Lebensabschnittsgefährten macht sie sich einzig und allein, um sein real existierendes Waschbären-Bäuchlein ihren Sexphantasien von halbnackten Fußballspielern anzugleichen.
Sie könnte ihm nachher auch ein: „Inspired by David Backham“ auf den nackten Hintern tätowieren lassen.

Auch für die Fortpflanzung seid ihr Jungs weitestgehend verzichtbar geworden: Eine Genshopping Queen kann das „Teelöffelchenvoll“ als Bestellung bei der Samenbank aufgeben (soll das `n Mädchen werden – oder kann das wech?) es einem A-Promi in der Besenkammer rauben oder mit C-Promis im Teppichgroßhandel ihres Vertrauens herumludern.
Die Dame von Welt braucht für ihre Lustentfaltung nur noch ein wenig Phantasie – und frische Batterien, mit denen sie den Schatterzapfen in ihrem Nachtschränkchen stets betriebsbereit hält.
Das war `s auch schon mit den schlechten Nachrichten.
Die gute Nachricht: „Fifty Shades of Grey“: Es soll noch Weibchen geben, die für gewisse sexuelle Präferenzen noch männliches Personal und Equipment aus Baumärkten brauchen.
Die auf primitivste Unterwerfungsrituale stehen und ihren „Sebästschän“ suchen - der morgens zur Arbeit geht und aussieht, wie der freundliche Herr von der Hamburg-Mannheimer – und abends als der geheimnisvolle Mr. Grey zurückkehrt, der sie mit Kabelbinder an die Waschmaschine tackert und ihnen anständig den nackten Hintern versohlt: Tschakkkkkkkkkaaaaah ...!






Anmerkung:
Die Sendung: „Das Geheimnis der Begierde oder: Die Matrix der Lust“ wurde zum ersten Mal auf ARTE am 10.06.2016 ausgestrahlt

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Sonntag, 11. Februar 2018
Konklusion
Hildegard ist sauer. Nichts Besonderes, nur eine plötzliche Verstimmung, eine knurrige Eingeschnapptheit … jedenfalls ist ihr Stimmungsbarometer in Richtung Übellaunigkeit umgeschlagen. Keine Ahnung, warum sie plötzlich so gereizt ist. So etwas kommt und geht bei ihr ...
„Was ist, Hilde? Heute keine Lust auf deine Tanzgruppe?“, frage ich.
Hilde macht ein fiependes Geräusch, schnalzt hörbar mit der Zunge, ihr linkes Auge zuckt nervös: „Aschloch – Schpass!“
Wenn sie nervös ist, laufen bei ihr solche Mechanismen ab, einschließlich dieser Floskel, die ihr aus dem Mund schießt wie ein Torpedo. Sie verliert leicht die Fassung - vor allem, wenn ich sie in die Klinik begleite. Habe ich sie jemals entspannt lächeln sehen? Öfter ist zu beobachten, wie sie andere barsch anfährt, herumkommandiert oder auftrumpft: „ICH bin betreutes Wohnen – ich bin nicht Patient!"
Dabei spuckt sie das Wort „Patient“ so verächtlich aus wie einen ausgekauten Kaugummi ...

Ihr halbes Leben musste Hilde hinter den Mauern der psychiatrischen Landesklinik verbringen – gegen ihren Willen und bereits in Zeiten, als Anstaltskleidung und Maßnahmen wie „Kalte Wickel“ und Fixierungen noch an der Tagesordnung waren. Erst mit fünfzig Jahren kam Hilde mit anderen Langzeitpatienten in die soziale Reha und ins betreute Wohnen, außerhalb der Klinik. Seitdem verbindet sie eine Art Hassliebe mit der „Klapse“, wie Hilde sie nennt.
Mit einer Mischung aus Sensationslust und unbewältigtem Kummer erzählt sie zuweilen von Demütigungen, Gewalt und Übergriffigkeiten, die ihr in ihrer Kindheit und Jugend durch medizinisches Personal widerfahren sind.
Dennoch zieht es Hilde immer wieder in die einst so verhasste Klinik zurück. Ich frage mich, warum. Vermutlich, weil es ihre Vergangenheit ist, ihre Kindheit, ihre Jugend -und weil sie keine andere hatte als diese ...

Vielleicht will Hilde auch nur deshalb an der Tanzgruppe in der Klinik teilnehmen, um dort ihre scheinbare Überlegenheit zu demonstrieren: Wenn der Kurs vorbei ist, müssen die Patienten bleiben – Hilde darf, in Begleitung, das Klinikgelände wieder verlassen. Für dieses Triumphgefühl nimmt sie den Aufwand in Kauf, ihre beste Kleidung anzuziehen, sämtlichen Schmuck anzulegen, sich zu parfümieren … um dann verdrossen neben mir an der Bushaltestelle zu hocken und auf den Bus zu warten.
„Wir können auch zurück gehen zur Wohngruppe, Hilde."
„Aschloch – Schpass! Bist du jetzt böse?“ Sie initiiert ein Grinsen und guckt finster.
„Was möchtest du: In die Klinik, zur Tanzgruppe – oder zurück zur Wohngruppe?“
„Nee, nicht zurück in die Scheißwohngruppe: Lieschen qualmt den ganzen Tag Zigaretten. Das stinkt. Und Ekki trinkt immer heimlich aus der Colaflasche ausm Kühlschrank. Das darf der nich`, der hat doch Zucker! Jasmin hat Herrn Garbelmann Geld geklaut, das hab` ich gestern selber gesehen …!"
Denunziation ihrer Mitbewohner scheinen Hildes liebstes Hobby. Das hat sie in der Klinik gelernt: Früher konnte sie sich damit erfolgreich beim Klinkpersonal anbiedern ...
Noch zehn Minuten bis der Bus kommt - so lange wird Hilde unverdrossen weiter versuchen, mir mit ihren Sensationsgeschichten eine Reaktion abzuringen
„… und Hitler hat gesagt …“
„Ähm …wer?“
„Hit-lor hat gesagt …“
„Meinst du etwa den neuen Mitbewohner? Der heißt: V-i-c-tor.“
„Ich hab` zu Fiktor gesagt: Du hast mir gar nichts zu sagen! Und Fiktor: Dohoch. Du bist nämlich behindert. Was heißt eigentlich „behindert“?“
Gute Frage.
Nächste Frage: Wie erkläre ich Menschen mit Doppeldiagnose: Chronische psychische Erkrankung und schwere kognitive Einschränkungen, dass sie eine psychische Erkrankung und schwere kognitive Einschränkungen haben?
Unser Bus biegt um die Ecke. Das kommt mir gelegen. Doch es ist nicht unsere Linie sondern der Bus der Lebenshilfe, dessen Türen sich gerade zischend öffnen.
Ein junger Mann klettert mühsam die Stufen hinab. Durch eine rechtsseitige Spastik ist er in der Bewegung stark eingeschränkt, sein Kopf ist zur rechten Schulter geneigt, der rechte Arm verkrümmt und in Pfötchenstellung zum Kinn gezogen.
Hilde macht ein fiependes Geräusch, schnalzt hörbar mit der Zunge, ihr linkes Auge zuckt: „Aschloch - Schpass!“
Sie fuchtelt mit dem Arm und zeigt auf den Jungen: „Der da – der is` behindert, nä?“
„Ja, Hilde, der junge Mann hat ein körperliches Handycap.“
Hildegard senkt den Kopf und überlegt. Dann schaut sie mich unverwandt an: „Und ich - wo bin ich denn behindert?“

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Freitag, 9. Februar 2018
Alberta erzieht
Alberta ist eine Frau mit guten Vorsätzen. Bis zum Abendbrot kann sie sich auch halbwegs daran halten. Doch bei der Geräuschkulisse entgleiten sie ihr langsam - die guten Vorsätze und die Snacks zum Rotwein.
Während sie sich schwerfällig bückt, um eine Olive unter dem Sofa hervorzufischen, wummern aus der Nachbarwohnung die Bässe im Takt ihrer geschwollenen Halsschlagader. Die neuen Nachbarn lärmen nach Kräften. Es scheint sich um diese Art Feierfreunde zu handeln, die gerne mal die Inneneinrichtung zu Bushiodo - Klängen auseinandernehmen und anschließend ihr Dönerscharfundmitalles und diverse Pils in den Flur erbrechen ...

Alberta hat einen anstrengenden Job. Nach Feierabend will sie wohnen: Im Walla-Walla-Gewand auf ihrem Sofa residieren; Rotwein, Oliven und Cracker in greifbarer Nähe, während aus dem Hintergrund die schwermütigen Gesänge eines Leonhard Cohen ins Gemüt tropfen.
Stattdessen horcht sie seit Stunden in Erdmännchenmanier zur Nachbarswohnung hinüber, aus der dumpfes Gepolter und alkoholisiertes Gegröle dringt. Es klingt, als ob Pogo getanzt wird ...
Verdrossen genehmigt sie sich ein weiteres Glas auf den nachbarlichen Krach, der ihr den gemütlichen Abend vergällt.

Um Mitternacht ist ihre Laune am Gefrierpunkt. In der Nachbarswohnung wird infernalisch mit Türen geknallt, enthemmtes Mädchengekreisch hallt durch den gutbürgerlichen Hausflur.
Wie man hören kann, sind nicht alle Probleme in Alkohol löslich: Manche können schwimmen …
Fast sehnt Alberta den Hausmeisterfaschismus ihrer Kindheit herbei, als ältere Herren im Graukittel noch energisch an Nachbarstüren klopften und Nachtruhe einforderten.
Sie gähnt herzhaft und schlurft in ihren Plüschpantoffeln ins Bad. Als sie sich anschließend in ihrem Bett auf die Matratze wuchtet, muss sie feststellen, dass sie nun direkt neben dem Epizentrum der nachbarlichen Orgie liegt, wo dumpfe Bässe auf ihrem Zwerchfell wummern: "Umpfumpfumpf dadadadada umpf umpf braaaaaahtbraaaaht umpf umpf ..."
Albertas Blutdruck schwillt in unangenehme Höhen, während ihr Herz beginnt, im ungewohnten Wacken-Rhythmus zu hämmern.

Gefühlte Stunden später ist man nebenan von Bushido auf Metallica und Subway to Sally umgestiegen und veitstanzt dazu:

"...Bluuut, Bluuut, Räuber saufen Bluuut
Raub und Mord und Überfall sind guuut.
Hoch vom Galgen klingt es
Hoch vom Galgen klingt es, Raub und Mord und Überfall sind guuut ..."

Unruhig wälzt sich Alberta von der Rücken- in die Bauchlage und wieder zurück. Was gäbe sie jetzt dafür, neben einem altdeutschen Ehebrocken zu liegen, den sie aus dem Schlaf rütteln und anmotzen könnte: „Geh rüber und beschwer dich!“
Stattdessen kramt sie in ihrer Nachtischschublade und sucht nach der Schachtel Oropax. Komisch, denkt sie, während sie sich hermetisch vom Rest der Welt abschirmt: Dabei haben die kleinen Arschrampen bei ihrem Einzug noch so harmlos ausgesehen wie die Stubenbesen …!

Einige Stunden später schreckt Alberta aus unruhigem Schlaf hoch: Weltuntergang!
Die rosa Geräuschabdichter hängen ihr auf Halbmast aus den Ohren, ihr Haar hat sich elektrisiert aufgestellt. Mit schreckensweiten Augen starrt sie ins Dunkel, wo gutturale Rülpsgesänge und entfesselte Falsetts, die geradewegs aus der Hölle zu kommen scheinen, durch die Wand dringen.
Es klingt, als habe jemand Hyronismus-Bosch-Bilder vertont: Bands wie „Freitod“ und „Luzifers Order“ brüllen ihre Harmageddon - Fantasien ins Mikro.
Mit zitternder Hand tastet Alberta zum Lichtschalter.
Nachdem sie sich vergewissert hat, dass die Welt nicht untergeht, sondern nebenan nur akustisch eine schwarze Messe zelebriert wird, schiebt sie energisch ihr Deckbett zur Seite. Um vier Uhr früh „Zeit des Gemetzels“ anhören zu müssen, ist nun wirklich zu viel!

Sie mus erstmal runterkommen - und ausgiebig frühstücken: Mit klassischer Musik auf den malträtierten Ohren!
In der Küche inspiziert sie den Inhalt ihres Kühlschranks. Alberta braucht jetzt Nahrhaftes!
Vor ihrer Haustür okkupieren Jugendliche den Flur, dort scheint einiges außer Kontrolle zu geraten: Der Geräuschkulisse nach sind alle ordentlich abgefüllt … vermutlich will man sich auf der Flurtreppe ein paar Stellungen aus dem Komasutra beibringen ...
Schrille Mädchenstimmen kreischen Unflätiges und erweisen sich als nicht beischlafkompatibel. Einige Möchtegern-Hulks lassen daraufhin ihren Frust an den Briefkästen aus.
Alberta sieht zur Küchenuhr: Morgens, halb fünf, in Deutschland ...
Auch die letzten Gäste verlassen die Wirkungsstätte des Grauens, nebenan läuft die Musik im Endlosmodus.

Nachdem Alberta geduscht und sich angezogen hat, startet sie einen Rundruf bei ihren Nachbarn – mit Ausnahme der Neuen nebenan. Die Gespräche sind kurz, man lacht und ist sich schnell einig.
Versonnen steht Alberta anschließend vor ihrer Stereo-Anlage und durchforstet ihre CD-Sammlung. Dort findet sie jedoch nicht das Richtige. Sie kramt so lange in Schubladen, bis sie einen Fund herauszieht, die ihr sichtlich gefällt: Ein spitzbübisches Lächeln umspielt ihre Lippen, als sie die CD der „Oberkrainer Volksmusikanten“ auflegt, auf „maximale Lautstärke“ einstellt und auf „endlos“ drückt ...

Eligst ergreift sie Tasche und Mantel und verlässt ihre Wohnung – um an der Wohnungstür der jungen Feierfreunde Sturm zu klingeln.
Keine Reaktion. Vermutlich ist man inzwischen mit dem Kopf in der Kloschüssel oder im Kartoffelsalat eingenickt ...
Alberta klingelt zuversichtlich weiter. Nach einer Weile ist drinnen Gepolter zu hören, dann wildes Fluchen und Flaschenklirren.
Als Alberta auf die andere Hand wechselt, weil ihr Klingelfinger einzuschlafen droht, wird die Tür aufgerissen:" Ey, was soll der Scheiß, Mann?!"
Ein junger Kerl in Unterhosen und verwahrloster Frisur starrt sie feindselig an.
"Schönen guten Morgen", flötet Alberta.
Der Bursche kratzt sich die zerstauste Mähne und kneift seine Augen vor dem grellen Flurlicht zusammen: "Und ...?"
"Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen: Ich bin jetzt mal wech!" Albertas Mundwinkel meyseln einen ältere-Damen-Charme.
Der Ungekämmte stützt seinen tätowierten Arm am Türrahmen ab: "Und, was geht mich das an, ey?"
"Na, Sie haben mich doch die letzten vierundzwanzig Stunden so nett an Ihrem Leben teilhaben lassen … da wollte ich mich jetzt mal revanchieren und Sie auch mal unterhalten. Leider ist meine Anlage schon etwas älter und hat nicht so tolle Bässe wie Ihre – aber schön laut ist sie auch ...

Verdutzt horcht der Unrasierte in den Flur. Aus Albertas Wohnung trompeten, posaunen und jodeln die Oberkrainer Volksmusikanten, dass die Fliesen im Flur vibrieren.
Alberta lächelt verzückt: „Schön, nicht? Da wird man doch gleich frisch und munter am Morgen! Ach, apropos: An Ihrer Stelle würde ich gar nicht erst versuchen, zu schlafen. Gleich fängt der Herr Schröder über ihnen an: Zu bohren. Der renoviert so gerne …
Nur die Frau Schröder, die ist leider so lärmempfindlich. Sie schreit immer so. Die Demenz, wissen Sie ... Deshalb will er sie gleich zu Ihnen bringen. Sie sind ja noch jung und mögen bizarre Geräusche, wie wir heut Nacht hören konnten ...
Auch Ihre Nachbarin, links neben Ihnen, will Sie besuchen: Ihre vier Kinder sind schon ganz wild auf Sie - bei Ihnen dürfen sie sicher schön laut und krawallig spielen ...
Apropos Geräusche: Ist das ihr Auto, das immer so laut aufheult, wenn Sie Gas geben? Sind Sie doch so nett und fahren unseren Opa Specht aus dem ersten Stock um zehn Uhr zu seinem Arzttermin. Ich mach` das ja sonst, aber heute kann ich leider nicht - ich hab` einen Termin zur Massage: Leider schlafe ich in letzter Zeit so schlecht ...
Ach, noch etwas: Legen Sie etwas Zeitungspapier auf Ihren Beifahrersitz. Sicherheitshalber. Opa Specht könnte ein klitzekleines bisschen auslaufen, falls die Fahrt zu rasant wird, Sie wissen schon:Inkontinenz …!“
Alberta lächelt wie die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch.
„Ach, Sie ahnen ja nicht, junger Mann, wie wir uns hier alle darauf freuen, Sie jetzt auch Tag und Nacht an unserem Leben teilhaben zu lassen …!“

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Dienstag, 6. Februar 2018
Ausgerechnet Sylt
Jede andere Frau hätte trunken vor Wonne Heim und Brut verlassen, ihre Scheckkarten gezückt und wäre mit dem bewilligten Kur-Antrag ab nach Westerland.
Doch sie stiert unmotiviert in ihren Kleiderschrank und konstatiert, dass sie klamottentechnisch allerhöchstens für eine meerumtoste Hallig oder ein sturmgebeuteltes Friesendorf gerüstet wäre – sie besitzt weder Hermes-Tüchlein noch Gucci-Sonnenbrille, mit der sie bei einer Magnum Pommery Brut im Sansibar auf Sylt abhängen könnte.
Am nächsten Tag stapft sie entschlossen durch Schnee- und Hagelstürme zur Krankenkasse ihres Vertrauens und erklärt dem Sozialversicherungsfachangestellten, dass die Bewilligung ihrer Reha ja nett gemeint sei, sie ihre Atemwegserkrankung doch lieber im Westerwald statt in Westerland auskurieren möchte.
Der Sachbearbeiter für die Buchstaben S-Z sieht sie an wie jemanden, der sich über Geschenke einfach nicht freuen kann: "Ich rate Ihnen dringend, nicht ohne triftigen Grund abzusagen. Wir haben Mitglieder, die schwer erkrankt sind und jahrelang auf einen Kurplatz warten."
Draußen klatschen eisige Graupelschauer ans Fenster. Sie atmet ein. Sie atmet aus. Ihre Bronchien fiepen "Kapitän von Bord". Sie nimmt einen Hub aus ihrem Inhalator, räuspert sich und sagt: "Verstehe: Wat mut, dat mut!"
Sich ihrem Schicksal ergebend versichert sie dem Angestellten, dass sie sich jetzt vor Freude kaum halten könne, bald aktiver Kurgast auf Sylt im Kreise der großen ASKLEPIOS - Familie sein zu dürfen. Außerdem könne man den Satz: „… als ich Zweitausenddrei nackt in den Sylter Dünen gelegen habe …“, ganz gut in seiner Biografie gebrauchen.
„Blöd nur, dass sie im Februar dort hinfahren“, meint der Angestellte säuerlich und händigt ihr den Reha-Antrag aus: "Einen angenehmen Aufenthalt auf Sylt!“



Die Zugfahrt von Köln bis Hamburg hat sie verdöst und ist erst wieder auf dem Hindenburg-Damm so richtig wachgeworden. Verwundert reibt sie sich die Augen und staunt nicht schlecht: All överall Nordsee ringsum: Wenn dat mol nich gediegen is`…!
Gleich nach ihrer Ankunft in der Reha-Klinik wird ihr im Speisesaal von einem Service-Mitarbeiter ein Tisch gezeigt, auf dem bereits ihr Namensschild aufgestellt ist. Unter ihrem Namen steht „Reduktionskost“. Das erinnert sie an ihre erste Kur an der See, als kleines Mädchen. Damals sollte sie noch an der Seeluft groß und stark werden - und alles essen, was auf den Tisch kam.
Heute ist sie das, was man mit einigem Wohlwollen "gut sichtbar" nennen kann. Deshalb hat die kranke Schwester bei der Eingangsuntersuchung wohl auch „adipös“ in ihrer Akte vermerkt. So ändern sich die Zeiten. Aber scheinbar nicht der übergriffige Charakter einer ärztlich verordneten Reha: Kaum angekommen, ist die Selbstbestimmung per du…
Sie ahnt bereits: Zu viel Fremdbestimmung wird ihren infantil-trotzigen Widerstand wecken – und sie zum gern gesehenen Gast sämtlicher Fress-Tempel zwischen Wenningstedt und Westerland machen ...

In ihrem spartanisch eingerichteten Zimmer studiert sie erst einmal in aller Ruhe den Hochglanz-Klinikprospekt. Zu ihrem Erstaunen entdeckt sie, dass sich im Anbau der Rehaklinik sehr schick und nobel eingerichtete Suiten mit Balkon und Meerblick befinden: Für Selbstzahler - nicht für Kassenpatienten. Denen macht man unmissverständlich mittels rigider Hausordnung klar, dass sie zur Reha geschickt wurden, nicht Kur. Erholung und Wellness steht hier wohl nur Privatpatienten zu. Die medizinische Leitung scheint jedenfalls fest entschlossen, ihre Rehabilitanten nicht in den Dünen brachliegen zu lassen: Ein straff organisiertes Sportprogramm und diverse Heilanwendungen sind ganztägig abzuarbeiten. Mangelnde Compliance in Form unerlaubten Alkoholgenusses, ungebührlichem Geräuschpegel oder romantischer Kerzenbeleuchtung auf dem Zimmer wird von der Klinik-Polizei mit Abschiebung geahndet.
Sie hatte es ja gewusst: Sylt ist nix für sie ...!
Mäßig begeistert packt sie ihre Koffer aus: Einschlägige Ware für den frühen Sylter Kurgast: Winter-Daunenjacke, Stiefel, Pudelmütze, warme Unterwäsche … und einen blau-weiß gestreiften Dittsche-Bademantel. Danach geht sie erstmal gucken, was die Nordsee so macht …


Mitten in der Nacht um sieben Uhr dreißig, schlurfen am nächsten Morgen kleine Grüppchen sportiv Gekleideter durch die Klinik. Frühturnen ist angesagt: „Rhythmische Früh-Gymnastik mit Frauke“.
Die erklärt auf friesisch-herbe Art, während sie Bälle, Keulen und Seile austeilt, dass es erst Frühstück gibt, nachdem Mensch und Material dreißig Minuten zum Einsatz gekommen sind.
Gleich nach dem Frühstück geht` s ab ins Reizklima: „Power-Walken mit Imke“. Erst gegen den Wind von Wenningstedt runter nach Westerland, dann mit Rückenwind von Westerland rauf, Richtung Wenningstedt. Nach einigen Tagen ersehnt man eine Alternative. Doch man ist ja auf einer Insel ...
Nach dem Walken schließen sich in bunter Reihenfolge diverse Vormittags-Termine an: Physiotherapie bei Sven, Yoga mit Henning, Sandliege bei Silke, Hydro-Jet bei Malte, kneippsches Wassertreten bei Ole, Atemgymnastik mit Birte, Muckibude mit Hinnerk …und last but not least: Inhalieren bei Sören: Fiepst du noch oder atmest du schon?

Nach dem Mittagessen schleppen alle ihre vollen Ranzen zum Tai Chi bei Wibke. Die mit der Reduktionskost haben ein gutes Chi, alle anderen liegen bei der anschließenden „Achtsamkeitsmeditation mit Heike“ übersäuert auf der Matte - mit und ohne lustige Schnarchgeräusche.
Anschließend muss in Windeseile die Sporttasche fürs Schwimmbad gepackt werden. Dort wartet bereits Schwimmnudel-Fiete mit der Aqua-Fitness. Mit einer Kleingruppe adipöser Mitstreiter werden sie mit Aqua-Jogging-Gürtel, Schwimmnudel und Kick-Box-Handschuhen zu Wasser gelassen und bewegt: DER Burner!
Am Spätnachmittag hastet sie mit nassen Haaren durch die Klinikflure, um noch rechtzeitig zur psychologischen Gesprächsrunde mit Frau Dr. Hansen zu kommen. Wer mag, kann hier tabulosen Seelenstriptease zelebrieren. Während andere ihr Leben ausbreiten, übt sie sich in teilnehmender Beobachtung und empathischem Schweigen. Danach erwartet man sie und andere Neuankömmlinge zum Gesundheitsvortrag von Herrn Professor Wedekind: „Teilnahme erwünscht!“
Der Professor sieht nicht gerade aus wie Doktor Strunzgesund aus der Schwarzwaldklinik. Selbstbewusst trägt er sein kugelrundes Bäuchlein vor sich her. Er darf das: Er ist Arzt. Wenn auch kein guter Werbeträger für Knäckebrot und Müsli, die er im Vortrag den Adipösen wärmstens ans Herz legt. Gefühlte Stunden referiert er über die bronchialen Wonnen eines täglichen Dauerlaufs entlang des Küstensaumes und gastroenteritische Wonnen eines Heb-Senk-Einlaufs zur Entschlackung.

Beim Abendbrot um achtzehn Uhr bespricht sie matt mit ihren den Tisch - und Leidensgenossen das abendliche Programm. Heute ist Ergotherapeutin Ute im Angebot: Töpfern und Korbflechten, bis der Arzt kommt … oder Volkstanz mit Inken. Man munkelt, da gingen nur postmenopausale Frauen hin, um dort eine Deppen-Choreo einzustudieren und händchenhaltend im Kreis zu veitstanzen. Kommt also beides nicht in Frage. Stattdessen findet sich am Abend eine kleine Schar Abtrünniger bei Fisch-Gosch in Westerland ein. Beim anschließenden Absacker in einer kleinen Kneipe gesellt sich ein hochgewachsenes Alphamännchen mit gepflegtem Erscheinungsbild und holländischem Akzent an ihre Seite. Und bleibt …
Er lässt sie wissen, dass er Jan-Willem van Helsen heißt, aus den Niederlanden stammt und in Bad Tölz hochpreisige Küchen vertickt. Als privater Kurgast residiert er in der gleichen Kurklinik wie sie – nur schöner. Generös lädt er sie zu einem Schnäpschen ein - und zu einer Besichtigung seines Luxusappartements in den nächsten Tagen. Das gibt ihr gleich das schöne Gefühl, minderprivilegiert zu sein. Auch weil Jan-Willem damit angibt, dass er in seiner Freizeit den Golfschläger schwingt und über einen imposanten, vierrädrigen Männerverschönerer verfügt, den er ihr neben anderem Bildmaterial: Mein Haus! Mein Garten! Meine Kinder! Mein letzter Urlaub! via Smartphone zur Ansicht unterschiebt.

Höflich nippt sie an dem spendierten Schnaps, lächelt sparsam über seinem Smartphone und überprüft dabei unauffällig mit der Zunge, ob nicht noch Matjesrestchen an ihren Zähnen kleben. Unterdessen ergeht sich Jan-Willem in detaillierte Schilderungen seiner Stirnhöhlen – und Atemprobleme. Fehlt nur noch, dass er ihr jetzt seine Verdauungsprobleme schildert!
Bevor das geschehen kann, wird sie von ihm zu einem Tänzchen aufgefordert. Beim Discofox geht aber beiden schnell die Puste aus. Lachend und verschwitzt lassen sie sich wieder auf die Barhocker plumpsen. Nach einigen Gläschen Schampus nennt sie ihn ihren "fiependen Holländer" und er sie „mijn schat“.
Zusammen mit den anderen Gästen und den "Ärzten" wird der Westerland-Song gegrölt, bis sie heiser sind, um sie herum steppt der Sylter Bär: Man tanzt auf dem schmalen Grat zwischen „noch nicht“ und „vielleicht“. Man klönt und trinkt sich gegenseitig beischlafkompatibel. Zwischendurch werden Matjes-Brötchen und Schampus geordert: "Noch `ne Runde, Frau Wirtin: Vor Mitternacht müssen wir im Klinikbettchen liegen - muss ja nicht das Eigne sein, wuharr, harrr ...!"

Am nächsten Morgen erscheinen die Feierfreunde sichtbar verkatert und vergrätzt zum Frühturnen. Frauke grinst, als sie die Untoten erblickt und verteilt unbarmherzig die Keulen: „Wer lange feiern kann, kann auch lang schwingen! Aufgepasst, Herrschaften: Und eins und zwoo …!“ Während das Gerät geschwungen wird, wünscht so mancher im Stillen die blonde Frauke an diesem Morgen auf einen fernen, ungastlichen Planeten …
Nur der fiepende Holländer Jan-Willem schwingt dermaßen beflissen die Keulen, dass in ihr langsam der Verdacht aufkeimt, dass er sie beeindrucken will. Warum ausgerechnet mit rhythmischer Sportgymnastik, bleibt ihr ein Rätsel.
Als Jan sie dann am Morgen – und später am Mittags-Buffet betreut, beim Power-Walken vor ihr hermarschiert und dabei auffällige Hüftarbeit demonstriert, ihr bei der Physiotherapie und beim Inhalieren galant den Vortritt lässt, ihr beim Thai Chi "die Wildgans breitet ihre Flügel aus" vorturnt, bei der Aqua-Fitness devot die Schwimmnudel reicht, in der Psycho-Gruppe neben ihr sitzt und teilnahmsvoll mitschweigt und sie beim drögen Vortrag von Professor Strunzgesund mit Mineralwasser versorgt, geht ihr langsam ein Licht auf: Der mittelalte Holländer ist im Flirtmodus!

Als sie am späten Abend in der kleinen Kneipe mit einer Gruppe Frauen aus der Klinik eng beisammen sitzen und er sie mit der Selbstverständlichkeit eines Galans flankiert, nimmt sie ihn im allgemeinen Trubel, leise flüsternd ins Kreuzverhör:" … und falls du hier nur rückgratlose Weibsbilder suchst, die du abschleppen kannst, Jan-Willem: Denk nicht mal daran! Jedenfalls nicht, was mich betrifft!"
"Warom niet?" erwidert Jan, lächelt unwiderstehlich und atmet tief und begehrlich den Duft ihres Parfums ein.
"Weil du bereits einen Ehevertrag mit deiner Frau abgeschlossen hast: Vor des lieben Gottes Antlitz in einer Bad Tölzer Gnadenkapelle!“
„Bad Tölz is so weit wech – un ik ben hier altijd zo alleen …!“ flüstert er ihr ins Ohr und knabbert dabei ganz zart an ihrem Ohrläppchen.
„Wenn du dich schon nach ein paar Tagen ohne deine Frau so einsam fühlst – warum rufst du sie nicht an, sie soll sofort herkommen?“, fragt sie und lächelt dabei süffisant.
"Ik zou liever bij je zin‎!", raunt der niederländische Frauenflüsterer.
Was für ein sexy Dialekt! Sie muss sich räuspern. "Hmm. Verstehe: Morgens Fango, abends Tango …?"
"Je bent schattig! Kom naar mijn kamer - da zin wir nich` so gestört." radebrecht er und lächelt dabei verführerisch.
"Ja. Nee. Ist klar: In deine Suite - NACH Mitternacht …!"
"‎Ben je bang?"
"‎Ich hab` keine Angst … sagte das Rotkäppchen und guckte ganz lieb!"
"Oh, maak je geen zorgen, ik will niet met je slapen. Ik ben impotent."
" …? "
"Seit die Sache mit die Prostata …"
Zu viele Informationen, denkt sie. Zu viele Informationen!
"Ik geh ganz open um damit."
Ja, denkt sie. Leider.
"Ik will alleen met jou zijn en knuffelen …“
Kuscheln? Das letzte Mal, als man(n) sie zum „kuscheln“ eingeladen hat, da trug sie noch Zöpfe! Was will dieser Typ eigentlich? „Verheiratet“ ist in ihren Augen kein Gütesiegel oder Zeichen, dass jemand kein Ladenhüter ist. Sie ist gerade glücklich geschieden – was sie jetzt ganz und gar nicht braucht, ist ein Fern-Konkurrenzkampf mit einer Bad Tölzer Ehefrau. Sie war selber mal eine. So viel Frauen-Solidarität muss sein.
Andererseits: Wenn er impotent ist … wäre es ja nur ein kleiner Flirt …
Der fiepende Holländer mit der erektilen Dysfunktion versprüht einen Verkäufer-Charme, der sie irritiert. Versonnen schaut sie ihm nach, als er von zwei Frauen aus ihrer Gruppe aus dem innigen Gespräch gerissen und auf die Tanzfläche gezogen wird. Sofort gibt er den gut gelaunten Tanzbär, der sich wendig auf dem Tanzparkett bewegen kann. Ständig schaut er zu ihr hinüber und zwinkert ihr zu. Ein Womanizer, der es darauf anzulegen scheint, bei Frauen gut anzukommen. Ab heute ist sie wohl die Einzige, die ahnt, warum …

Auf dem Heimweg über die Strandpromenade legt er galant seinen Arm um sie. Ihre anschmiegsame Seite fühlt sich wohl und besonders begehrt im Arm eines gutaussehenden Mannes, der charmant um sie wirbt. Seine Aufmerksamkeit tut ihr gut. Schön, wenn das Ego gestreichelt wird …
Eine andere, rationalere Seite rät ihr, auf der Hut zu bleiben.
Er geht sehr langsam, die anderen aus der Gruppe sind bereits weit vorausgegangen. Fürsorglich stellt er den Kragen ihrer Windjacke hoch, damit sie besser vor dem kalten Wind geschützt ist. Dabei flüstert er: „Ik woon al zo lang alleen, voor mij zou het spannend zijn om naakt naast jou te liggen!“
Whow. So etwas hat ihr schon lange keiner mehr gesagt: Dass es für ihn aufregend genug wäre, nackt neben ihr zu liegen. Sie kichert dümmlich. Ihre letzte Affäre war eine Verhängnisvolle und ist schon einige Zeit her. Um ehrlich zu sein: Eine Ewigkeit …

In den folgenden Tagen unternimmt sie mit Jan weitläufige Spaziergänge durch die Dünen. Sie machen Besichtigungstouren mit dem Rad in die nähere Umgebung, nehmen an Rundfahrten um die Insel teil. Seit man sie auf Reduktionskost gesetzt hat, ist sie leicht verführbar. Beispielsweise durch frisch gebackenen Sylter Käsekuchen. „Für ältere Menschen soll Essen ja der neue Sex sein!“ winkt sie lachend den Kellner herbei. Bei Kaffee und Kuchen lässt es sich so schön heftig debattieren: Je wortkarger Jan-Willem sich verteidigt, umso mehr lamentiert sie und regt sich auf. Zum Beispiel über seine lauwarme Ehe: Die sei, so sagt er, nicht so kalt, dass man friere aber auch nie so heiß, dass das Blut in Wallung gerate.
Sie gehört zur sinnenfrohen Fraktion, die entweder eine leidenschaftliche, lebendige Beziehung hat – oder keine. Beides mit Genuss und Überzeugung. Sie kann sich nur in Beziehungen wohlfühlen, in denen es geistige, seelische oder körperliche Übereinstimmung gibt. Deshalb kann sie nicht verstehen, dass Jan stoisch in einer Ehe verharrt, die nur noch ein Nebeneinander statt ein Miteinander ist. Er versucht, seine Inkonsequenz zu verteidigen: Er habe doch seinen gut bezahlten Job, vielseitige Interessen … und die Golfplätze dieser Welt. Warum also gesellschaftliches Ansehen und sozialen Status gefährden? Außerdem wären da ja noch die gemeinsamen Kinder …
Damit bestätigt Jan-Willem nicht nur eines ihrer Vorurteile gegen Kurschatten: Fremdflirtende, verheiratete Männer sind feige.


Nach zwei Wochen Inselkoller werden die beiden von vielen Kurgästen für ein Paar gehalten, weil man sie nur zusammen sieht. Tolles Paar! amüsiert sie sich im Stillen: Ich kann, aber will nicht – er will, aber kann nicht!
Einige Frauen schauen ihnen neidisch hinterher, wenn sie Hand in Hand am windumtosten Meeressaum entlang stapfen oder an einer Fischbude heiße Grogküsse austauschen. Auch das genießt sie inzwischen – mehr als sie zugeben mag. Um einen Mann beneidet zu werden, ist gut fürs Ego.
Außerdem fühlt sie sich in männlicher Gesellschaft wohler als in weiblicher - und es ist schöner, gemeinsam etwas zu unternehmen. Das hat sie sehr vermisst: Wohin sie auch geht – immer ist jemand dabei, mit dem sie sich direkt austauschen kann. Sie ist ein kommunikatives Wesen, sie liebt es, jemanden zum Klönen und Lachen an ihrer Seite zu haben oder, dick eingemummelt im Strandkorb, bei einem Glas Wein miteinander die erste Frühlingssonne zu genießen. Auch Jan-Willem unterhält sich gerne – vor allem mit Frauen. Für ihre Tischnachbarinnen, die sie abends gerne mitnehmen, macht er ebenfalls den gut gelaunten Tanzbär und Unterhalter.
Mit nie gekannter Großzügigkeit gönnt sie ihm seine kleinen Flirts mit anderen Frauen. Sie kann sich ja denken, warum dieser Mann permanent auf der Suche nach Bestätigung und Aufmerksamkeit ist. Da er sie tagsüber immer bevorzugt beflirtet und sich aufmerksam und wertschätzend ihr gegenüber verhält, besteht für sie kaum noch Anlass, allzu misstrauisch zu sein. Obwohl Jans offener Umgang mit seinem Handicap und seine ausdauernde Flirtbereitschaft in ihr auch ambivalente Gefühle wecken. Was will dieser Mann wirklich? Und was will sie? Einerseits will sie nicht zu weit gehen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen oder aufdringlich zu erscheinen. Andererseits bittet er sie jeden Abend, noch mit zu ihm in sein Appartement zu kommen um, wie er es sagt: „Goede nacht“ zu sagen.“
Manchmal fühlt sie sich regelrecht provoziert und herausgefordert, nachzuprüfen, ob seine angebliche Impotenz nicht vielleicht nur eine Erektionsstörung ist – die mit einer bestimmten Sexualpartnerin zu tun hat: Seiner Frau. Vielleicht kann und mag er nur bei seiner Frau nicht (mehr)? Und sie könnte ihm zu einer befriedigenden Sexualität verhelfen … sie, die Sexgöttin: Tschakka!

Eines Abends sinniert sie wieder vor dem Badezimmerspiegel, was Jan-Willem wohl unter "kuscheln" verstehen mag. Ein heißes Vorspiel kann wohl nicht gemeint sein. Kein Mann würde einer Frau erst Appetit machen - um ihr dann den Braten vor der Nase … Allmächtiger, ich denke nur noch ans Essen! Grinsend legt sie etwas Nachtcreme auf. Während sie sich bettfertig macht, überlegt sie, warum Jan wohl jeden Abend solchen Wert darauf legt, dass sie abends noch zu ihm aufs Zimmer kommt. So etwas wünscht man(n) sich doch nur, wenn er auf einer Mission possible ist - nicht auf einer Mission impossible!
Sie ist eine erfahrene Frau – doch hat sie im Urlaub jemals einen Mann auf seinem Zimmer besucht, ohne anschließend Sex mit ihm zu haben? Wenn Jan tatsächlich impotent ist, wäre das ihre erste Erfahrung – mit einem Mann, der ein Handicap hat. Vielleicht der Beginn einer ganz großen Freundschaft?

Sie glaubt, dass die Dinge sich nie so entwickeln, wie man es erwartet. Und erteilt sich dahingehend psychologische Absolution, dass die Suche nach einfühlsamem Verständnis, Zärtlichkeit und Nähe menschlich ist und in Anbetracht der Situation hier niemandem weh tut. Deshalb macht sie sich heute mutig auf den Weg, um ihrem fiependen Holländer an diesem Abend tatsächlich mal „eine gute Nacht" zu wünschen. Kritisch betrachtet sie sich im im Spiegel: Nachthemd, das geht gar nicht! Zu sexy! Sie entscheidet sich für die sportlichere Variante, ihren Jogging-Anzug. Der würde sich auch besser machen, falls ihr auf dem Weg durch die schwach beleuchteten Flure jemand begegnet.

Als sie dann vor Jans Appartement steht, ist sie nervös: Und wenn er doch abgeschlossen hat? Vorsichtig drückt sie die Türklinke. Tatsächlich ist die Tür nicht verschlossen: „Für DICH ist meine Tür immer offen ...!“
Als sie den kleinen Flur seines Appartements betritt, dringt aus dem gegenüberliegenden Raum leise Musik und gedimmtes Licht.
Hoffentlich schläft Jan noch nicht! Auf Zehenspitzen tapst sie auf die angelehnte Tür zu. Sie möchte ihn nicht aufwecken. Falls er schon schläft, wird sie ihm einen Kuss auf …
Was sie nun zu sehen bekommt, trifft sie mit der Wucht eines mittleren Erdbebens.
Dabei bildet der nackte Hintern des fiependen Holländers das Epizentrum. Wem der mächtige Frauenhintern gehört, den er mit beiden Händen umfasst und gerade bearbeitet, ist nicht festzustellen.
Zu hören sind eindeutige weibliche Beifallsbekundungen: “Aaah, jaaa, oh mein Gott, Jaaan ...!“
Sieht ganz danach aus, als sei der Golfer Jan gerade dabei, sein Handicap zu verringern und einzulochen.
Mit total verblüfftem Schamgefühl bleibt sie wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Mit zitternder Unterlippe stammelt sie: "Du … du … Sackgesicht!"“

Als sie mit wild pochendem Herzen eiligst die Flucht ergreift und durch die langen Flure hastet, fasst sie den grimmigen Entschluss, morgen früh bei der rhythmischen Sportgymnastik dermaßen die Keulen zu schwingen und dabei diesen Matjeskopp von einem Holländer versehentlich zu entmannen …

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Sonntag, 4. Februar 2018
Highway to Ayurveda
In letzter Zeit verbreiten sich unter ihren Kollegen immer häufiger arbeitsbedingte Erschöpfungen. Bei sich selbst diagnostiziert sie schlimmere Symptome: Eine generalisierte Arbeitsplatzabneigung bei Annäherung oder Gedanken an ihren Arbeitsplatz oder arbeitsplatzassoziierte Stimuli wie Kollegen, Vorgesetzte ...
Eine Vermeidungstherapie in Form einer längeren Reise und eines zweiwöchigen Wellness - Urlaubes scheinen ihr angebracht: Sündhaft teuer und in der meditativen Abgeschiedenheit eines Ayurveda-Reservats: Man gönnt sich ja sonst nichts!
Aus dem verrückten Treiben dauernder Geschäftigkeit zieht es sie in die „Erlebnisregion Elbtalaue Wendland, eine einmalige Urlaubslandschaft mit Elberadweg und fünf ausgezeichneten Wanderwegen …“
Indische Naturheilkunde und auch das Wendland sind für sie bisher unbekanntes Terrain. Sie gibt dem Wendland dem echten, wahren Ayurveda in Indien den Vorzug, weil sie befürchtet, das übervölkerte Indien könne sie vermutlich nervlich als auch finanziell komplett ruinieren.
Ob durch Alltagsgeschäfte gleichgültig geworden oder im Sturm und Drang des Anfängergeistes - bucht sie im Voraus das volle Programm: Von Stirnguss bis Synchronmassage, inklusive strengster Entschlackungsdiät: All you can Ayurveda, sozusagen.
Ein klitzekleines bisschen Panik wird auch dabei gewesen sein, in völliger Ereignislosigkeit einfach nur brachzuliegen. Der Hochglanzprospekt informiert: Keine Annehmlichkeiten einer nahegelegenen Zivilisation. Handys, Smartphones, Laptops nicht erwünscht. Kein TV, kein Alkohol, kein Tabak, kein Naschwerk - nur Einzelzimmer ohne nennenswerten Ausblick. Dafür aber Einläufe, Glaubersalz und Ingwer-Tee gratis so viel man möchte - oder kann ...


Als sie als einziger Reisegast an einem menschenleeren, verrottenden Bahnhofsgebäude aussteigt, ahnt sie, dass diese spezielle Mischung aus bäuerlicher Struktur mit Kartoffelanbau, so weit das Auge blicken kann und altindischer Gesundheitslehre eine Herausforderung sein wird.
Zunächst scheint es erst einmal darum zu gehen, hier draußen in der Pampa einfach nur zu überleben. Die Erkältung, die sie seit Wochen mit sich herumschlleppt, hüllt sie ein in eine Art Duldungsstarre. Sie fühlt sich matt, müde und marode - eigentlich ist ihr jetzt mehr nach einer Woche betreutem Wohnen auf der mütterlichen Couch (dazu: Kohlrouladen in Rotweinsauce mit Erbsenpüree, Vanillepudding mit Amaretto-Kirsche)zumute ist – und nicht mehr nach Darmsanierung, Entschlackung und Entsagung …

Das Ayurveda-Reservat besteht aus einem Rundlingsdorf aus mehreren sanierten, reetgedeckten Bauernhäusern. Nach dem Einchecken betrachtet sie ihr holzvertäfeltes Gästezimmer, das an eine Sauna erinnert, in die man Bett, Schrank, Stuhl, Tisch geschoben hat: Kein gemütlicher Schnickschnack, nur blankgeputzte Nichtrauchersiute.
Unmotiviert packt sie ihren Koffer aus und sortiert das Medikamentensortiment auf ihren Nachttisch: Grippolan-Erkältungstropfen, Rhinozid- Nasensalbe, Medi-Day-and-Night-Erkältungssaft extra-strong, Broncholind-Hustentropfen, Fung-Kuh-Heilpflanzenöl … alles schnell noch auf der Hinreise am Umsteigebahnhof in einer überfüllten Apotheke geordert. Normalerweise nimmt sie nur wenig Medikamente – aber jetzt fühlt sie sich außerstande, den Strapazen des Ayuveda ohne chemische Keule entgegenzusehen.
Da sie kurz vor Ostern gebucht hat, stehen ihr noch zwei Feiertage zur Verfügung, an denen sie sich erholen kann. Sie will jetzt nur noch schlafen …!
Vorher muss sie aber noch an der Rezeption ihre Anwendungstermine checken – dort angekommen, erfährt sie, dass man ihr zum Empfang gleich die Wohltat eines Heb-Senkeinlaufs auf ihrem Zimmer zukommen lassen möchte. Verschreckt fragt sie nach Alternativen. Mit einem warmen Lächeln wird ihr ein Tütchen Glaubersalz gereicht:“ Bitte in reichlich Wasser auflösen und in kleinen Schlucken trinken. Die Lösung bindet im Darm durch Osmose Wasser, wodurch sich der Flüssigkeitsanteil stark erhöht. Je nach Stärke der Dosis, werden Sie in ein bis drei Stunden einen mehr oder weniger starken Drang verspüren …“
Wieder auf ihrem Zimmer, ist sie heilfroh, einer demütigenden Prozedur entkommen zu sein. Nicht ahnend, dass das gallebitter schmeckende Zeug, das sie stattdessen einnimmt, sie die nächsten vierundzwanzig Stunden mehrmals den Erfinder, „diesen gottverdammten Johann Rudolf Glauber!“ zur Hölle wünschen lässt.

Am nächsten Morgen sieht sie sich genötigt, der Ayurveda-Ärztin einen Antrittsbesuch zu machen – nachdem ihr im Frühstücksraum schlecht geworden ist. Ob das die Räucherstäbchen, die gutturalen indischen Gesänge oder das Reissüppchen mit Zimt verursacht haben, ist schwer zu sagen. Vielleicht ist sie auch wegen des akuten Schlafmangels einfach nur überdreht. Oder etwas dehydriert: Das Glaubersalz hat sie die ganze Nacht wach gehalten - bis sie schließlich entkräftet auf der Badematte eingenickt war.
Die indische Ärztin im purpurroten Sari fühlt Puls, misst Blutdruck, wirft einen Blick in Rachen, Ohren und Pupillen und verordnet im schönsten Pidgin-Englisch: „You have to drrrink a lot of Ingwerrrtea. Not eating, only drrrinking. If you want, you can have a Synchrrronmassage today …
Dann entlässt die junge Ärztin sie mit einem warmen Lächeln und Händedruck in die Feiertage - zu aufwendigeren medizinischen Maßnahmen ist sie nicht Willens oder in der Lage.

Ohne Kraft zur Gegenwehr schlurft die schwächelnde Patientin in Duldungsstarre zurück in ihre holzgetäfelte Saunasuite. Dort krümmt sie sich in embyonaler Haltung unter ihrer Bettdecke zusammen. Wenn ihr kraftloser Blick auf die Toilettentür fällt, summt sie das Mantra: Ommmmmmichmussssssssssnichtschonwiederommmmm …!
Auf dem Rückweg vom Örtchen des Grauens krampft ihr Gedärm, ihr Brustkorb schmerzt, der Husten bellt und ihr Kopf droht fast zu zerplatzen.
Mit dem Ingwer-Tee aus der Thermoskanne spült sie eine Handvoll Medikamente runter, die sie wahllos einwirft – dabei stellt sie fest, dass sie den Geschmack von Ingwer nicht ausstehen kann. Anschließend fällt sie in wirre Fieberträume, aus denen sie schweißgebadet und mit Wick-Medinight-Brodem im ausgedörrten Mund aufwacht.
Es klopft an ihrer Tür: „Zur Synchronmassage, bitte!“.

Im Jogginganzug, der ihr um das zitternde Gebein schlottert, wankt sie zum Nachbargebäude. Dort warten bereits zwei tatkräftige Wendländerinnen darauf, sie synchron zu massieren: Splitternackt. Das mag sie noch weniger, als kannenweise Ingwer-Tee zu trinken: Sich vor bekleidetem Publikum auszuziehen. Außerdem ist der Raum wintertaghell ausgeleuchtet und erscheint ihr eiskalt. Ihre Haut sieht aus wie die eines bratfertigen Huhnes.
Im Hintergrund intonieren indische Frauensingtimmen einen katzenhaften Singsang, während die Masseurinnen ihre Haut mit warmem Öl einmarinieren: Handwarmer Ölregen dröppelt über Hautfalten und fließt in sämtliche Vertiefungen. Sämig schmatzend wird von warmen Frauenhänden synchron eingearbeitet. Leider muss sie permanent husten und bekommt kaum Luft: Wohlige Regression sieht irgendwie anders aus ...!
Zu mehr Hingabe ist sie jedoch nicht in der Lage, obwohl sie nach Kräften bemüht ist, eine Entspannung zu forcieren. Sie möchte die beiden Masseurinnen nicht um das Erlebnis betrügen, sie ins Kraulkoma zu streicheln. Mit aller Kraft reißt sie sich zusammen und täuscht Wohlbefinden vor: Hier ein wohliges Stöhnen, dort ein leises Seufzen …
Nach gefühlten Stunden lässt man von ihr ab und geleitet die glitschig-ölig Nackte unter die Dusche.

Wie sie danach auf ihr Zimmer gekommen ist, daran kann sie sich nicht erinnern, als sie gegen dreiundzwanzig Uhr abends aufwacht. Sie liegt jedenfalls im Bett. Und droht zu ersticken. Ihr Unterbewusstsein hat sie nur geweckt, damit sie bei vollem Bewusstsein den Löffel abgeben kann.
Mit zitternder Hand greift sie zum Medikamentendepot auf dem Nachttisch und spült ihre restlichen Pillen mit viel heißem Ingwertee, in den sie drei Tropfen japanisches Heilpflanzenöl getropft hat, hinunter.
Beunruhigt tastet sie ihren Puls - obwohl das nicht nötig wäre, denn ihr Herz klopft fühlbar und in beunruhigend-rasantem Stakkato.
Nachdem sie ihr verschwitztes Nachthemd gewechselt hat, beginnt sie erbärmlich zu frieren … So zittert sie sich in das Morgengrauen, inzwischen ist es Karfreitag und sie ist sich sicher: Ihr letzter.

Etwas Ähnliches vermutet auch der ärztliche Notdienst, den sie im Morgengrauen herbeitelefoniert: Atemnot, Schweißausbrüche im Wechsel mit Schüttelfrost und Tachykardie: Verdacht auf Herzinfarkt!

Nach etlichen Untersuchungen gibt es im Krankenhaus am nächsten Tag Entwarnung:"Nur eine Lungenentzündung“, versucht der Oberarzt zu beruhigen. „Sie bleiben noch eine Woche bei uns - das kriegen wir schon in den Griff!“
„Und was wird aus meinem sündhaft teuren Ayurveda-Urlaub?“, krächzt sie in einem letzten Aufbegehren, müde und erschöpft von der ganzen Aufregung.
„Ayurveda – hier bei uns, im Wendland?“ wundert sich der Oberarzt
„Und alles im Voraus bezahlt:" jammert sie. "Ayurveda-Stirnguss, Kapha-Diät, Yoga, Meditation, Synchronmassagen, Ayurveda-Blütenessenzen-Bäder …“
Der Oberarzt dreht sich zur Stationsschwester um und grinst perfide: “Schwester Ursula: Unsere Patientin hier hat Ayurveda gebucht. Das kriegen wir doch wohl auch hin: Steht nicht im Abstellraum noch so eine alte, verrostete Zinkwanne …?“

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Sonntag, 28. Januar 2018
Es muss was Wunderbares sein ...
Bestimmte Menschen verkleiden, wenn sie etwas von anderen wollen, als Geben: Anfangs geben sie sich so charmant, zuvorkommend, aufmerksam … dass der Verdacht einer Manipulation nicht aufkommt. Im Gegenteil, sie können sich sehr gut den Anschein geben und dir das Gefühl vermitteln, dich zu verstehen und sich für dich einzusetzen, wie niemand sonst. Sie können dich glauben machen, sich für dich aufzuopfern und nur für dich da zu sein.
Mit der Zeit wirst du das unbestimmte Gefühl haben, ihnen etwas schuldig zu sein und dich verpflichtet fühlen, im Gegenzug auch etwas für sie tun zu müssen …

Denn ihre Liebe ist ein Geschäft, eine Ware Liebe, die –bewusst oder unbewusst – manipulativ und geschäftsmäßig benutzt wird, um von anderen zu bekommen, was sie wollen.
Wenn bestimmte Gegenleistungen für Zuwendung erwartet werden, kann dies bereits als Indiz gelten, wie sehr andere in eigennütziger Weise am Zugewinn interessiert sind, der sich durch eine Beziehung ergibt: Aufmerksamkeit, Zuwendung, Loyalität, Bewunderung …
Es wird sich manipulativ anfühlen, wenn man dir auf eine bestimmte Art schmeichelt und dich lobt, indem man dich auf ein Podest hebt. Du beginnst, dich in ihrer Gegenwart unwohl zu fühlen – weil du dich im Stillen fragst, welche Gegenleistung sie wohl von dir verlangen werden: Anpassung, Willfährigkeit, Unterordnung …?

„Wenn du mich liebst, tust du, was ich will!"
Das sind gefährliche Worte, die einer gefährlichen Einstellung entsprechen: Da ist jemand, der alles tun wird, um seine Bedürfnisse und Wünsche dir gegenüber durchzusetzen. Damit wird die Phase eingeleitet, in der sich jemand das Recht nimmt, dich als Rollen - oder Funktionsträger einzusetzen, der nach seinem Gusto zu „funktionieren“ hat.
Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit versuchen immer, etwas von anderen zu bekommen, indem sie - subtil oder offen - emotionalen Druck ausüben. Ihre stumme Erwartungshaltung ist immer spürbar: sie erwarten, dass man sich ihnen gegenüber auf eine bestimmte Weise verhalten soll.
Der Preis ihrer Anerkennung ist hoch: Während du versuchst, es ihnen recht zu machen, verrätst du dich, deine Wünsche und Interessen - immer dann wird dein Herz einen kleinen Sprung bekommen.

Der größte Fehler, den Narzissten in Beziehungen machen, ist der zu glauben, andere wandeln nur aus einem einzigen Grund hier auf Erden: um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – und das auch noch genau so, wie sie es sich vorgestellt haben.

Wenn du beginnst, dich gegen ihre Spielregeln zur Wehr zu setzen, werden sie versuchen, dich eifersüchtig unter ihre Kontrolle zu bringen - ein weiterer kläglicher Versuch, dich dazu zu bewegen, doch noch alles auf ihre Art und Weise zu tun – damit sie sich ein klein wenig sicherer fühlen können.
Manchmal wirst du Mitgefühl haben mit ihnen, denn ihr eifersüchtiges und einnehmendes Verhalten hat den Anschein von Wertschätzung und wirkt nicht ganz so abstoßend wie Manipulation.
Doch manchmal wird dir ihr Gesichtsausdruck und ihr Verhalten schmerzhaft bewusst machen, dass Eifersucht nichts mit Wertschätzung zu tun hat, sondern mit Kontrolle - und eine versteckte Form der Einschüchterung ist.

Ihre unterschwellige Wut und ihr Besitzdenken werden bei dir zu Ablehnung und Groll führen – und zu unzähligen Machtkämpfen. Je mehr sie versuchen, dich „in die Pflicht“ zu nehmen und dir Schuldgefühle einzureden, umso mehr wirst du versuchen, dich ihnen zu entziehen. Um dich zu schützen, wirst du ihnen gegenüber emotional Unnahbar.
Obwohl dir langsam klar wird, dass ihre Manipulationen, ihre Eifersucht, ihr Neid und ihr Kontrollwahn fehlgeleitete Versuche sind, mit ihrer Angst umzugehen, wirst du dich dagegen zur Wehr setzen müssen: Weil du es anderen nicht gestatten solltest, dich zu manipulieren, zu kontrollieren, dich zu instrumentalisieren und dein Leben in Besitz zu nehmen.

Das wird dein Glück und ihr Unglück sein in eurer Beziehung: Irgendwann wirst du erwachsen und mutig genug sein, zu erkennen, dass nichts Wunderbares daran ist, so „geliebt“ zu werden.

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Samstag, 27. Januar 2018
Frauenzimmer
Hin und wieder lege ich Wert klarzustellen: Ich bin ganz anders. Damit das mal klar ist.
Jedenfalls bin ich nicht so eine „Wünsch-dir-was-Else“ wie meine Kollegin: Dieser Lehrerinnen-Typ, der mit dem Gesicht verhütet, ausdrucksarm dreinschaut wie Knäckebrot und in Dienstbesprechungen mit einem Rasierklingenlächeln sagt: „ICH hätte mir mehr a, b,c … und weniger ... x, y ,z von Euch gewünscht!“
Booah.
Warum können solche Frauen nicht dazu stehen, dass sie zu allem und jedem eine Anspruchs - und Erwartungshaltung haben?
Warum positionieren die sich nicht unmissverständlich und sagen nie offen ihre Meinung?
Stattdessen kultivieren sie eine sinnfreie Phrasendrescherei - zu Geschehnissen, die bereits vergangen und daher ohnehin unabänderlich sind, indem sie verbal herumeiern: „Ich hätte mir mehr/weniger/kein/ein/ ... gewünscht!“

Wenn frau schon etwas zu sagen hat: Bitte klar und deutlich. Beispielsweise: „Manchmal kommt es eben doch auf die Größe an …“ oder: „Dein Ding ist zu groß – für jemanden, der nicht damit umgehen kann.“
Und nicht postkoital rumsülzen „Ich hätte mir an entscheidender Stelle ein klitzekleines bisschen mehr … äh … „Substanz“ gewünscht.“
Und dann per SMS Schluss machen. Mit Smilies: „… und lass uns Freunde bleiben, ja?“

Frauen sollten sich auch abgewöhnen, in Kritikgesprächen permanent zu lächeln.
Und Frauenseminarfloskeln von sich zu geben, diese unerträgliche Seichtigkeit des Schleims: „Ich hätte mir da mehr Initiative und Engagement gewünscht …“
Hmpf.

Ich höre ihn bereits, den Sturm der Entrüstung: Huch. Wie gemein ist das denn?!
Ich kann noch viel gemeiner: Meine beste Freundin ist eine „Hab-keinen-Hunger-Helga“: Immer auf Diät, wenn ich mit ihr Essen gehen will.
Und kaum, dass ich meine Bestellung bei der Servicekraft aufgegeben habe, sagt sie: „Es macht mir ü-ber-haupt-nichts aus, dass du dir ausgerechnet heute, wo ich nichts essen darf, dieses superleckere, superteure Gericht bestellt hast, das ich auch soo gerne mag, ährlich ...!“
Die mir die gute Stimmung und die Vorfreude auf das Schlemmen und den Rotweinrausch vermiest und tapfer und lustlos in ihrem kleinen Salat herumstochert und mit stillem Wasser „Stösschen“ macht.
Und sobald mein Teller serviert wird, gierig guckt. Oder neidisch.
Oder traurig …
Und das mit einer Penetranz, bis ich genervt frage: „Mal probieren?“
Die dann gierig die besten Stücke von meinem Lendenbraten auf ihren Teller bugsiert, sämtliche Garnelen und die drei Jacobsmuscheln aus meinem Gemüse-Arragement pickt, die Spargelköpfe auf meinem Teller abzutzelt, den gesamten Inhalt des Brotkorbes in meine Sauce tunkt, jede meiner Pommes einzeln und mit Fingern von meinem Teller klaut, sich final auch noch mehr als die Hälfte meines Desserts reinschlenzt und dann seufzt: „Booah. Was habe ich heute einen kleinen Magen, ich schaffe ja nicht mal mehr meinen Salat – möchtest du den nicht auch noch aufessen? Wär` doch schade drum …!“

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Freitag, 26. Januar 2018
Mischpoche
Mischpoche



Wenn Anziehung so funktioniert wie Elektrizität, dann habe ich dauern Licht gemacht - ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das genau funktioniert. Eines ist mir klar geworden: Mit Elektrizität kann man eine Mahlzeit für andere Menschen kochen – oder man kann damit den Menschen selbst kochen …
Als ich lernte, meinen eigenen Wahrnehmungen zu trauen, spürte ich zunächst nur ein undefinierbares, unbestimmtes Sehnen. Mal schien meine Seelenlandschaft ein weites Feld zu sein, mal ein tiefes Wasser, mal eine dunkle Höhle … darunter schwelte eine Höllenangst, dass der gallebittere Grollbrei über den Zwang zur Anpassung eines Tages überkochen und ans Licht kommen könnte.

Als ich damit begann, mich selbst besser wahrzunehmen – statt die Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen anderer und wie ich ihrer Meinung nach sein sollte – begann ich auch, bewusster hin und besser zuzuhören. Zunächst stellte es sich so dar, als sei das, was wir „Familie“ nannten, nur selten ein Hort der Harmonie und des heimeligen Wohlbefindens. Oft waren wir ein erbittertes Streitorchester, das um „Wahrheiten“ stritt, die keine waren, höchstens Beurteilungen einer Wirklichkeit, die jeder anders interpretierte.

Wie jedes Kind hatte ich gelernt, durch Anpassung an die Bedürfnisse und Ideale, Vorstellungen und Rituale, Normen und Werte meiner Primärfamilie mein Überleben zu sichern. In einer Gemeinschaft, die Gehorsam forderte, Aufbegehren unterdrückte und durch Strafen sanktionierte, war ich das jüngste, hilfloseste und schwächste Glied in der Hackordnung. Meine Mutter und ihre Familie wollten ein überangepasstes, „nettes“ Mädchen: Einen „Sonnenschein“ zu ihrer Erbauung, eine brave und dankbare Ablegerin ihrer selbst, nett, fügsam, freundlich und stets zustimmend, altruistisch, eine gute Freundin, eine Hilfe im Alter.
Mein Vater und seine Familie wollten ein erfolgorientiertes, selbstbewusstes, leistungsorientiertes, duchsetzungsfähiges Kind sehen, das sein Abitur machte und es später beruflich nach „oben“ schaffte.
Obwohl beide Werteerwartungen einander diametral entgegengesetzt waren, versuchte ich eine lange Zeit, diesen schwierigen Spagat hinzubekommen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Psychisch und physisch hielt ich die Illusion meiner Zugehörigkeit zur Familie sehr lange aktiv aufrecht - wie die Illusion, bedingungslos geliebt zu werden.

Bei uns Zuhause definierte sich ein Teil der Familie über das, was mal war – bevor Krieg und Schicksal vieles zerstört hatten. Sie hatten immer in der Kleinstadt gelebt und mussten nach dem Krieg nicht mühsam Neues aufbauen – traumatisiert kehrten sie in alte Strukturen zurück und wollte einfach so tun, als sei nichts gewesen …
Der andere Teil hatte im Krieg in Großstädten gelebt und durch Flucht, Heimatlosigkeit, Kriegsverletzung sein altes Leben verloren und musste sich vollkommen neu erfinden und definieren.
Kinder dieser Zeit spürten, dass mit ihren Eltern und Verwandten etwas nicht stimmte – dieses Etwas blieb oft ungesagt, höchst selten wurden Kriegserlebnisse so erzählt wie sie erlebt wurden: Als blanker Horror, als Ausgeliefertsein und als das Unrecht, was Kriege immer sind.
Familien der Nachkriegs-Ära, der Fünfziger Jahre, waren immer noch alte Zweckbündnisse und Überlebensgemeinschaften, gegründet in kriegsbedingter Not; durch Flucht, Vertreibung und wirtschaftliche Abhängigkeit aneinander geklettet.

Man definierte sich über das von anderen Trennende, über etwas, was die eine Gemeinschaft von der anderen unterschied (Bei uns wird nicht in der Küche gegessen, wie bei den Nachbarn! WIR essen im Wohnzimmer!) was trennte (spiel` nicht mit den Schmuddelkindern …!) und abhob (Wir haben ein Auto/einen Fernseher/können es uns leisten, in Urlaub zu fahren ...).
Es war eine Klassengesellschaft, in der jeder abhängig schien von dem, was das jeweilige private oder berufliche Umfeld dachte oder sagte.
Die Hälfte meiner Schulzeit wurde ich von alten Lehrern unterrichtet, die entweder gar nicht oder permanent vom Krieg erzählten. Die letzten Jahre kamen Junglehrer in die Schulen, die den Unterricht ordentlich aufmischten.
Bei ihnen fühlte mich wohler, denn ich war ein Kind der Sechziger und Siebziger Jahre, ich saugte begierig alles Neue auf und war begeistert, wenn man mich aufforderte, mich auszuprobieren. Ich war die erste und einzige in meiner Familie, die gerne lernte.
Mein Vater war sehr jung gestorben, was blieb, war sein Testament: Seine Mädchen sollten das Abitur machen und selbstbewusste, erfolgreiche Frauen werden.
Leider gab es die Persönlichkeit meiner Mutter nicht her, uns dabei entsprechend zu unterstützen.
Ich machte mein Abitur später, an der Abendschule - als ich neugierig genug war, einzugehen, was Musterbrecherinnen und Grenzüberschreiterinnen geschah, wenn sie dem Anpassungsdruck entkommen, größere Freiräume suchten und sich schaffen wollten.

Es hat Jahrzehnte gebraucht und unzählige Auseinandersetzungen mit meiner Familie gekostet, bis ich so viel eigene Kraft entwickelt hatte, mich der Sogwirkung meines Clans und der darin herrschenden Fremd- und Feindbilder zu entziehen. Die Drohung, von der Familie ausgeschlossen zu werden, war mit schrecklichen Überlebens- und Untergangsängsten verbunden. Oft habe ich mich sehr allein gefühlt: Wie auf einem Floß – ohne Ruder und Segel, den Mächten der Finsternis und der Natur hilflos ausgesetzt …

Ich musste schmerzhafte Lektionen lernen. Der kürzeste Weg jenseits ausgetrampelter Pfade führt über die Enttäuschung: Sobald ich versuchte, über den Tellerrand meiner Familie und meines sozialen Umfeldes hinauszuschauen, wurde ich als „verrücktes Huhn“ lächerlich gemacht, als „naiv“ diffamiert oder als „Egoistin“ hingestellt. Das hat weh getan.
Auch jene Zuschreibungen oder Beurteilungen von Lehrern und später Vorgesetzten, die weniger Beschreibungen meiner Fähigkeiten und Talente enthielten sondern Zeugnisse ihrer Vorurteile über Mädchen, Frauen und weibliche Angestellte waren.
Von ihnen wurde ich nur akzeptiert, wenn ich mich als „nützlich“ erwies: Ausnutzbar, ausbeutbar, willfährig. Sie mochten nur jene Eigenschaften an mir, die ihnen behagten – der Rest konnte ihnen gestohlen bleiben, der wurde als "aufmüpfig“ und "eigenwillig" geahndet.

Ich wusste zwar noch nicht, wer ich war und daher nicht immer, was genau ich wollte – doch in einem war ich mir sicher: Diese von anderen als "unerwünscht" bezeichneten Persönlichkeits-Anteile gehörten auch zu mir: Meine unbestimmte Sehnsucht nach einer Bildung und Ausbildung, die positive Herausforderung war, statt Pflichtlektüre und Willfährigkeit, mein Wunsch nach Abenteuern und Entdeckungen, künstlerischem Ausdruck und Erweiterung meines Horizontes …
Niemand schien zu verstehen, dass ich andere Erfahrungen suchte und brauchte, als nur die meiner Familie und ihres sozialen Umfeldes, das bereits definiert hatte, wer ich angeblich war – und wie ich in Zukunft sein würde.

Mir blieb keine Wahl, als die Mauern zu durchbrechen, die sie errichtet hatten und Absagen an sie zu formulieren, an ihre Nachkriegs-Mentalität und die damit verbundenen, autoritären Leitungssysteme, die sie erschaffen hatten, um mich nach ihrem Gusto zu „formen“ und mich ins Korsett ihrer Wertvorstellungen und Wünsche zu pressen.

Prä- und postpubertäre Ablösungsprozesse von der Familie gestalteten sich schmerzhaft, langwierig und zäh. Traurig musste ich einsehen, dass es eine bedingungslose Liebe de facto nicht gab – und ich inzwischen alt genug war, um einzusehen, dass es sie in meiner Familie auch nie geben würde.
Dieses Paradies war verloren, der Weg dorthin für immer versperrt.
Das galt es zu betrauern, anzunehmen und zu akzeptieren.

Unbequeme, schmerzhafte Fragen quälten mich: Was, wenn ich nicht so war, wie andere mich haben wollten? Was geschähe, wenn ich so traurig, verwirrt, ängstlich, einsam, eifersüchtig, wütend …vor ihnen stehen würde, wie ich mich oft im Inneren und Stillen tatsächlich fühlte?
Die Frage drängte sich auf: Was, wenn ich mal nicht die Erfolgreiche, Verständnisvolle, stets Verfügbare, Stille, Souveräne …bin, die ich vorgebe zu sein? Wenn ich ihre Regeln und Gebote, ihre Zuschreibungen und Ansprüche nicht erfülle - werden sie mich dann noch mögen und lieben?

Rebellische Phasen der Abgrenzung begannen und lösten sich ab, als mich traute, mich in „unmögliche“ Freunde zu verlieben, „ungewöhnliche“ Männer zu heiraten, mich vom „Richtigen“ zu trennen und mit den „falschen“ Verhältnisse zu haben.
Als ich begann, auszusprechen und zu formulieren, was mir suspekt schien und verwarf, was andere ungeprüft für gut befanden.
Immer öfter traute ich mich Dinge, die keiner für möglich gehalten hatte – am Wenigsten ich selbst. Neue Wege versprachen oft Weiterentwicklung – und stellten sich im Nachhinein nur als ein weiteres, neues Korsett aus Bildung und Anpassung dar. Doch stets bedeuteten neue Wege auch neue Erfahrungen und andere Wir-Erlebnisse.
Ich war sicher nicht die Mutigste – aber oft die Verzweifeltste, wenn es darum ging, alte
Strukturen und Muster zu durchbrechen.

Indem ich – mittels Hilfe und Unterstützung von Beziehungen und damit verbundenen, neuen Freunden, anderen sozialen Umfeldern - andere Persönlichkeits-Anteile an mir entdeckte und entfaltete, bekam ich den Hauch einer Ahnung: Es gab immer mehr Tiefgang, intellektuelle Fähigkeiten, Fantasie, Kreativität, Eigenwilligkeit, Einzigartigkeit zu entdecken …was sich bisher nicht herausgewagt hatte – aus Angst, umgehend im Keim erstickt, belächelt, totgeschwiegen oder miesgemacht zu werden.

Ich habe verlassen – weil ich zuvor oft verlassen worden bin. Jede Trennung von einem Mann, jede Absage an eine Beziehung, war eine Neuinszenierung des Sterbens alter Persönlichkeitsstrukturen, wie ich sie erlebt hatte, als ich aus meinen Kleinmädchenkleidern und – Träumen herausgewachsen war.
Jedes Alleingelassenwerden fühlte sich an wie Verrat, jeder Treuebruch wie eine Absage an mich, meine Persönlichkeit. Jede Scheidung fühlte sich erst einmal an wie das Scheitern von Beziehungsfähigkeit.
Das Paradies war verloren, dieses Schlaraffenland unbedingter Liebe und Annahme.
Erst später stellte ich fest: Es war nicht mehr nötig. Ich war erwachsen geworden und musste auch nicht mehr „bedingungslos“ geliebt werden.
Es reichte, dass ich so leben konnte, wie ich es wollte, dass ich meine eigenen Gefühle wahrnehmen und zum Ausdruck bringen durfte und konnte – vor allem jene, die meiner Familie oder meinen Ehemännern nicht „genehm“ oder „too much“ waren. All jene Emotionen und Verhaltensweisen, die anderen „unerwünscht“ und von mir als „tabu“ erklärt wurden: Furcht, Schwäche, Kritik, Zweifel, Wut, Trauer, Ohnmacht … und jene, für die ich einst gehänselt, verspottet, verprügelt, angeschrien, ausgelacht, gedemütigt wurde: Angst, Schwäche, Unvermögen, Trotz, Widerstand, Widerworte, Eigensinn …

Als ich mit meiner Familie, meinen Ehemännern, meinen Vorgesetzten … mit dem Verstand sauber abgerechnet hatte, kam auf den Beziehungskonten unterm Strich gleich viel Guthaben wie Schulden heraus. Ich fand: Gut, dann sind wir jetzt quitt, trennen wir uns!
Doch zerstoßene Herzen und alte Wunden heilen anders. Die Seele will nicht aufrechnen, Schuld zuweisen, eine Schuld gegen die andere abwägen – die Seele sehnt sich nach Bewusstwerdung, Versöhnung, Befreiung.
Wirkliche Reflektion und bewusste, ehrliche Innenschau verlangt alles von dir – und es gibt keine Noten dafür. Es gibt keine „richtigen“ Erkenntnisse, keine unzweifelhaften „Wirklichkeiten“ – wir haben immer nur den Erkenntnisstand, den wir jetzt, hier und heute haben.
Altem Leid muss behutsam auf- und nachgespürt werden, lange unterdrückter Schmerz will bewusst angenommen und gefühlt werden: Die Wut und Verzweiflung des missbrauchten, benutzten, alleingelassenen, lieblos und verständnislos behandelten eigenen, inneren Kindes.
Die Scham und Ohnmacht des kleinen Mädchens vor den ehemals starken und übermächtigen Erwachsenen. Empfindungen und Gedanken, Wertesysteme müssen transformiert und erneuert werden – bevor die Eltern alt, zittrig, kleinlaut – oder selbstgerecht, verurteilend, ablehnend, mürrisch und verbockt schweigend vor der erwachsenen Frau stehen.

Empathie mit den eigenen, fehlbaren, schwachen Eltern braucht seine Zeit - bis das Interesse erwacht an der Geschichte der eigenen Eltern, der Tragik und den Traumen ihrer eigenen Kindheit, in der sie, schutzlos wie wir es gewesen sind, selbst ihren übermächtigen Eltern und einer Welt ausgeliefert waren, in der auch sie oft nicht verstanden wurden …
.
Jede Heilung braucht ihre Zeit – und benötigt individuelle Mittel und Methoden.
Meine Heilung begann, als ich mich von der Familie ab – und mir selbst zuwenden konnte. Doch mich selbst zu entdecken hieß immer auch, meine Familie in mir zu entdecken. Wenn ich mich dem allein gelassenen, unterdrückten, mutlosen, tieftraurigen, an falscher Liebe halb erstickten, mundtot gemachten, mich selbst und meinen Gefühlen und Gedanken misstrauenden, inneren Kind näherte, mich emotional und rational mit mir selbst auseinandersetzte – lernte ich auch jene Wesen besser kennen, die meine Familienmitglieder waren. Mit ihnen galt es, meinen Frieden zu machen – und die gemeinsame Vergangenheit aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Ich bin unterwegs, mich selbst zu erkennen:
Die, die ich einst war,
die ich jetzt bin,
die ich sein werde
oder sein könnte –
mit allen ihren Facetten, Stärken, Potentialen, Ressourcen und Defiziten.
Ich bin jetzt das letzte noch lebende Mitglied meiner Primärfamilie. Die Bühne, auf der sich unsere Dramen, Komödien und Tragödien abgespielt haben, ist noch vorhanden - wenn auch die alten Inszenierungen inzwischen verstummt sind.
Nur in meinem Kopf bestehen die erinnerungswerten, schönen Bühnenbilder weiter, in meiner Fantasie und meinen Erinnerungen sind die Akteure immer noch lebendig.
Der Rest ist Geschichte.
Ich lebe noch ein Weilchen und dann sterbe ich auch …

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Donnerstag, 25. Januar 2018
Hangover
Nach dem Aufwachen funktionierte noch alles auf Autopilot: Zähne putzen, duschen, anziehen - wie es sich für einen normalen Freitag den Dreizehnten gehörte. Der jähe Absturz ihres Betriebssystems übermannte sie erst am Frühstückstisch. Beim ersten schleppenden Gedankengang ihres Brummschädels umwehte sie der Hauch einer Ahnung, dass es ihr gestern gelungen war, einen Fehler apokalyptischen Ausmaßes zu begehen.
Reuevoll schluchzte sie sich mich durch das Morgengrauen, bis sie sich in einer Art trotziger Restwürde aufraffen konnte, ihren Arbeitskollegen anzurufen.
"Also …", begann sie ihre Verteidigung, „ …glaubst du etwa, ich hätte gestern einfach mal Lust auf eine kleine Tragödie überschaubaren Ausmaßes gehabt?"
Der Kollege meinte:“ Lass dich mal `ne zeitlang krank schreiben, bis Gras über die Sache gewachsen ist: Ein Jahr lang oder zwei ...!"
Nun brauchte sie dringend ein Attest, eine Absolution. Noch besser: Ein anderes Leben, eine andere Stadt …

Was sollte sie nur ihrem Hausarzt sagen: Dass die emotionale Klimaanlage, die bisher alle bei Laune gehalten hatte, plötzlich ein Leck bekommen hat? Dass sie zugunsten ihres Harmoniebedürfnisses zu lange Stillschweigen bewahrt, ausgehalten und Unmut eingelagert hatte? Dass sie gestern an akuter Affektinkontinenz litt? Dass sie „mit der Gesamtsituation“ nicht mehr klargekommen ist …?

Beispielsweise damit, die Geliebte eines verheirateten Mannes zu sein. Dem sie „Ausgewogenheit verschafft“ - wie er es nennt. Vermutlich hat er sie in seinem Filofax als „A-Punkt“ abgespeichert - unter all den anderen Egofucks seines erfolgreichen Businesslebens …
Als er gestern Abend wieder turnusmäßig vorbeischauen wollte, hatte sie bereits einen Scheißtag hinter sich. Eigentlich war ihr nicht mehr danach, ihm jetzt auch noch einen enthusiasmierten Empfang in Strapsen, High Heels und roter Rose zwischen den Zähnen zu bereiten. Stattdessen zog sie sogar ernsthaft in Erwägung, ihm lieber einen Geschenkgutschein für den Puff unter der Tür durchzuschieben. Also hat sie erfolgreich versucht, ihre Gram in Prosecco ertränken …
Als es dann an der Tür klingelte, war sie sehr albern und hat mit Greisinnen-Stimme durch die Gegensprech-Anlage gekichert: „Ist da mein Schnackseln auf Rädern? Nur hereinspaziert, junger Mann …!“
Ihr Galan fand das ü-ber-haupt nicht lustig. Wohl auch deshalb, weil ihre Nachbarin - eine hinter anderen Mietern herspionierende Kampfseniorin - neben ihm gestanden und alles mit angehört hat.
Bereits am frühen Morgen hatte die im Treppenhaus herumgekeift: "Sie haben gestern wieder nicht den Flur gewischt, junge Dame! Ich sehe hier noch die Tapsen von meinem Bruno!"
Sie hat geantwortet, dass sie auf dem Weg zur Arbeit sei und jetzt keine Zeit für Belanglosigkeiten habe. Außerdem sei sie dafür, dass dicke, alte Frauen keine kleinen Hunde mehr anschaffen dürften, die zwischen ein Brötchen passten …

Im Büro angekommen, wartete bereits die nächste Zumutung auf sie: Der Azubi kam mit einer Liebesbotschaft des Müllbeauftragten, Hausmeister Krause: DER HAUSMÜLL WURDE WIEDER NICHT ORDNUNGSGEMÄSS GETRENNT!
Die scharfen Krallen der Banalität legten sich wieder um ihren Hals. Sie hat nur geseufzt:„Was haste wieder angestellt, Junge? Kondome in die Biotonne verklappt?“
„Wieso ich? Was weiß denn ich, wie man Müll trennt?“
„Solltest du aber wissen: MÜ - HÜLL. Comprende?“
Ihr sonst chronisch missgestimmte Kollege hat so etwas wie ein Lächeln initiiert. Vielleicht machten ihn ja heute seine neuen Medikamente so verspielt …?

In der Mittagspause ist sie noch schnell bei ihrer Mutter vorbei. Die hatte, wie immer, gleich wieder etwas an ihr auszusetzen: Deine Frisur, dieser Rock … einfach un-mög-lich, Kind! Aber passt zu dir!“
Entnervt hatte sie ihre Mutter gefragt: “Gibt es eigentlich irgendetwas an mir, das deine Zustimmung findet, Mama?“
Doch ihre Mutter hat nur gelächelt:" Ich bin deine Mutter. Ich MUSS dich liebhaben…!“
Dann ist sie ihr mit ihren larmoyanten Monologen wieder dermaßen auf den Keks gegangen, dass sie schon eine diskrete Sterbehilfe mit einem ihrer handbestickten Sofakissen in Erwägung gezogen hat. Statt des Vollzugs ist sie lieber schnell zu ihrer Freundin Ina geflüchtet, ein Kübelchen Misslaunigkeit austauschen.
Und während sie gerade dabei war, Ina den ganzen Mist zu erzählen, war die fortwährend mit ihrem Smartphone beschäftigt, empfing SMSen und checkte ihre Mails. Sie hätte auch sagen können: „Laber ruhig weiter, Liebelein – hier kommt gerade was wirklich Interessantes!“
Dass sie ihr das Teil kurzerhand aus der Hand geschlagen hat, war ihr hinterher auch echt peinlich. Die halten aber auch echt nichts aus, diese Dinger …!

Wieder ins Büro zurückgekehrt, diesem Schandasialand der Eintracht, hat sie schnell im Internet ihre Nachrichten bei ELUTE - PARTNER gecheckt: „Dönermitalles“ wollte sie kennenlernen! Oha. Was macht frau mit einer Cyber-Bekanntschaft? Bringen beide ihre Laptops mit in die Kneipe, setzen sich nebeneinander und tippen drauflos …?
Sie hat also geantwortet: „Kein Interesse“ und gedacht: Was soll ich mit einem BaK (Besser als keiner)? Was ich brauche, ist ein BeP (beziehungsfähiger Partner) – doch wo gibt es so was heute noch?
Während sie sich für die Dienstbesprechung vorbereitet hat, summte ihr Handy: Ein weiteres Mitglied ihrer dysfunktionalen Familie wollte Aufmerksamkeit: Ihre Schwester. Die war da in etwas hineingeraten: Ihre Ehe. Mit einem neurotischen Fremdgänger, der alles schnackselte, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Die Schwester heulte – und sie versuchte, sie zu trösten. Alles wie immer. Nur heute bat sie zum Schluss: Ruf ihn doch bitte mal ans Telefon …!
Das Gespräch mit ihrem Schwager war kurz. Sie hatte nicht vor, mit diesem Blödmann zu kämpfen:
Kämpfe nie mit einem Schwein.
Dabei werden beide schmutzig – doch nur dem Schwein gefällt das.
Deshalb hat sie nur mit der Aussicht gewunken, ihm bei ihrem nächsten Besuch heiter ins Gemächt zu treten und die kleine Konversation mit den freundlichen Worten beendet:“ … und jetzt entschuldigst du dich gefälligst bei meiner Schwester, du Arsch!“

Eine Stunde später, im heiteren Strudel ihres Arbeitstages: Dienstbesprechung. Dieses nette Plauderstündchen ihres Vorgesetzten konnte man echt knicken: Sein Ersprochenes entbehrte mal wieder jeder Grundlage. Während er so in den üblichen Parametern männlicher Dominanz dahergelabert kam, schrieb ihre Sehnsucht mit Leuchtschrift an die Wände ihrer Seele: HALT ENDLICH DEINE KLAPPE!
Und später hat sie sich den Spaß gemacht, ihm vor versammelter Mannschaft zu widersprechen. Schließlich war sie so damit beschäftigt, Recht zu haben, dass sie ihm am Ende ganz freundschaftlich gesagt hat, sie habe keinen Bock mehr darauf, sich seine Zumutungen als „Herausforderungen“ schönreden zu lassen.

Von ihren Kollegen hat sie nicht gerade eine Solidaritäts-Polonaise erwartet – aber dass die alle so penetrant geschwiegen haben …
Ihr Chef hat ihr dann geraten, sie solle doch mal ihre „Anspruchs- und Erwartungshaltung“ genauer überprüfen …

Diesem Vorschlag ist sie später, am Abend, auch brav gefolgt: Man nehme schwelende Konflikte und tunke sie in Alkohol: Ein Fläschchen Prosecco am frühen Abend, bevor der Galan kam, danach ein Fläschchen Schabau, während er bei ihr war -und später noch ein Schlummertrunk, nachdem er weg war …
Bezüglich ihrer Anspruchs- und Erwartungshaltung war auch ohne viel Grübeln sonnenklar: Wie kleinlich von ihr, nicht mehr in Duldungsstarre und ohne den Sonnenschein der Ermutigung im Hamsterrad ihres Chefs strampeln zu wollen! Und wie aufmüpfig und zickig von ihr, auf Gefälligkeitssex mit verheirateten Männern keinen Bock mehr zu haben! Einfach widerlich unsensibel von ihr, nicht zu akzeptieren, dass die Freundin ihr Smartphone als besten Freund betrachtete, nicht sie …und wie kaltherzig und undankbar von ihr, der besten aller Mütter nicht zuhören zu wollen, wie die sich zum hundertsten Mal über dieselben Lappalien beklagte …

Ihren diesbezüglichen Erkenntnisgewinn musste sie nach Mitternacht unbedingt noch in Form längerer Mails an die nähere und entferntere Verwandtschaft, an ihren Lover – und an ihren Vorgesetzten zum Ausdruck bringen: „… zudem halte ich mich schon zu lange im Dunstkreis patriarchalen Deppentums auf, dass ich es vorziehe, meine Trennungskompetenzen dahingehend zu erweitern, dass Sie mich jetzt mal können: Kreuzweise! ICH kann JEDERZEIT und ÜBERALL eine bessere Arbeit finden …!“
Und dann hat sie, trunken vor Wonne, aus Versehen auf "senden" gedrückt ...

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Dienstag, 23. Januar 2018
Oma Lieschen
Meine ersten Spaziergänge und der damit verbundene Spracherwerb fanden an der Hand meiner Oma statt. Gut, dass wir in Niedersachsen so astreines Hochdeutsch gesprochen haben: Oma Lieschen kannte so tolle Worte wie Bollerwagen, Naseweis, Schlachanfall, Schlachteessen, Schwartemagen, Balkong, Schäselong, Kartong, Ragu Fäng mit Pilze und Worschestersoße …
Mit meiner Oma gemeinsam in die Stadt zu gehen, auf dem Marktplatz einzukaufen oder Verwandte zu besuchen, stellte immer zahlreiche kulinarische Vergnügen in Aussicht: Für Kinder gab es auf dem Wochenmarkt, beim Fleischer, im Milch-und Käseladen, im Reformhaus und beim Kolonialwarenhändler stets Gratis-Kostproben. Falls nicht, wurden geizige Verkäufer eben dazu genötigt:
„Was kosten denn die Kohlraben?“
„Dreißig Pfennig das Stück, Frau Wille.“
„Was, dreißig? Groß sind die ja – aber bestimmt holzich …“
„Nee, Frau Wille: Alles frisch vom Acker und garantiert ganz zart!“
„Na, dann lassense doch mal die Kleine `n Stück probiern, das Kind freut sich.“
„Ja, wen haben wir denn da? Ihre kleine Nachzüglerin, Frau Wille?“
„Um Gottes Willen, wo denkense hin: Das ist meine Tochter ihre Kleine.“
„Und schon so groß! Wie die Zeit vergeht, nä, Frau Wille?“
„Da sagense was!“

Vom Wochenmarkt aus gingen wir weiter, quer durch die Stadt, Verwandte besuchen. Aber erst gab`s eine Bratwurst, im Bratwurst-Glöckl.
„Biste satt, Kind? Gut. Dann gehen wir jetzt nach Tante Alwine. Nee Kind, nich`übern Bäckerwall, wo die Enten sind, das ist „um“ – wir machen `ne Abkürzung und gehn gleich übern Schulhof vonne Pestalozzi-Schule. Ja, ich weiß, Kind: Ist eigentlich verboten. Aber die Kinder sind ja jetzt nich da.
Siehste: Da oben ist Alwine ihr Küchenfenster! Jetzt rufen wir mal gaanz laut: Alwiiineee!
Komisch: Kuckt keiner. Dann is die wohl kurz wech ... Macht nix: Wir gehen jetzt anne Häger Mauer lang nach Tante Anna: Heute ist Markt, da backt die Anna immer ..."

Meine ganze Welt war voller Tanten: Meine Oma hatte dreizehn Geschwister - und Tante Anna war die mit dem Plumpsklo auf dem Hof. Vor dem fürchtete ich mich wie vor nichts anderem. Lieber ließ ich es über mich ergehen, öffentlich von meiner Oma über Brennnesseln am Gebüsch abgehalten zu werden, als meinen nackten Po über das stinkende Loch des Grauens im Hof von Tante Annas altem Fachwerkhaus zu halten …
Tante Anna an sich war ganz in Ordnung. Die kochte und backte auch gerne, wie meine Oma. Aber nur fast so gut. Auch alle anderen Schwestern: Tante Emma, Tante Minna, Tante Lina, Tante Martha, Tante Johanne , Tante Alwine waren kinderliebe, lebensfrohe Frauen. Wenn sie nicht gerade untereinander zerstritten waren. Und das kam häufiger vor. Aber Blut war immer dicker als Wasser, also vertrugen sich die Streithennen irgendwann wieder – spätestens aber bei der nächsten Beerdigung.

Wenn es nach meiner Oma gegangen wäre, hätte unsere kleine, heile Welt nur aus Familie bestanden:
„Was streunste immer durchs Haus, Kind? Nachbarn sagt man „Guten Tach und guten Wech!“ und klingelt die nich auße Küche.“
„Ich will doch nur Frau Engelhard ihre Wohnung ankucken, Omma!“
„Warum das denn?“
„ Weil`s da anders aussieht und riecht wie bei uns. Bei Frau Hahnelt, da riecht`s nach Muckefuck, wenn man reinkommt …“
„Paperlapapp! Kinder gehören ins Kinderzimmer. Sei froh, dass du so`n schönes Zimmer hast - und ganz für dich alleine. Früher gab `s so was nich. Zu meiner Zeit, als ich klein war, hab` ich mit meine Schwester zusammen geschlafen: In ein Bett! Und Morgens, vor der Schule, musste ich Schuhe putzen gehen, Eier und Milch hinbringen nach die Reichen …
Geh lieber anne frische Luft, Kind. Warum gehste nich aufn Spielplatz?“
„Ich hab Angst über die Straße …“
„Quatsch: Oma kuckt ausm Fenster, ob kein Auto kommt.“

Für meine Oma gab es zahlreiche Parallel-Welten, die nebeneinander existierten: Die der Erwachsenen. Die der Kinder. Die der eigenen Familie, des Clans – zu der auch Schwippschwager und angeheiratete Kusinen gehörten. Die der Nachbarn und „Bekannten“, die man aus Vereinen oder von gemeinsamen Unternehmungen her kannte. Die der „Autoritätspersonen“: Der Ärzte, Pfarrer, Polizisten und Beamten ... Und in jeder dieser Welten galten Regeln, denen wir uns anzupassen und uns entsprechend zu benehmen hatten.
Für meine Mutter gab es neben familiären Verpflichtungen noch umfangreiche Kontakte mit zahlreichen „Freunden und Freundinnen des Hauses“, die sie regelmäßig traf und mit denen sie gerne feierte – ein Umstand, den meine Oma nicht gerne sah, aber tolerieren musste, wenn sie zusammen mit ihrer Tochter und ihren Kindern wohnen wollte. Freundschaften zu knüpfen, sich ohne triftigen Grund gegenseitig zu besuchen war Omas Sache nicht: Reine Zeitverschwendung und unnötiges Palaver. Wenn sie schon gesellig sein musste, dann nur bei gegebenen Anlässen: Geburtstage, Feiertage, Konfirmationen, Hochzeiten oder Beerdigungen.
Dann lief Oma Lieschen zu Höchstform auf, marschierte bereits in der Frühe, zwischen Tag und Tau los, um der jeweiligen, vom festlichen Anlass betroffenen Hausfrau in der Küche beizustehen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie das Küchenkommando übernommen und wuppte souverän die Beköstigung der Gäste – wobei sie die Hausfrau aus ihrer eigenen Küche herauskomplimentierte, damit die beim Familienfest auch ein wenig mitfeiern konnte. Wenn meine Oma dann spätabends, nach vielen verschwitzten Stunden am Herd, in ihrer Kochschürze von den Gästen ins Wohnzimmer genötigt und mit Applaus und Schnäpschen bedacht wurde, war ihr das Lohn genug.

Auch bei uns Zuhause war meine Oma – auch wenn sie an der Nähmaschine saß, häkelte oder mit Gobelinstich Stramin für Kissenbezüge bestickte – gedanklich überwiegend mit Nahrungsbeschaffung und Menüplanung beschäftigt.
Samstag Abends, wenn sich die Familienmitglieder vor dem Fernseher versammellten, um gemeinsam den Edgar-Wallace-Krimi zu gucken und alle den Atem anhielten, wenn Elisabeth Flickenschild hinterrücks vom Halstuchmörder gemeuchelt wurde, konnte meine Oma, mitten hinein in den spannendsten Moment fragen:
„Wollen wir morgen mal Schnippelbohnen essen?“
„Omma!“ haben wir, aufrichtig empört gerufen. „Das ist doch schnurzpiepegal jetzt!“
Dann hat sie mit den Schultern gezuckt und schweigend weitergestickt. Um eine halbe Stunde später, als der Halstuchmörder inzwischen noch Margot Trooger gemeuchelt hatte und nicht klar war, ob Joachim Fuchsberger den Mörder - vielleicht war es Klaus Kinsky - dingfest machen würde, in die spannungsgeladene Stille hinein laut weiterzudenken:
„… ich könnte auch mal wieder Heringsstipp mit Bratkachtoffel machen, da hätte ich jetzt mal `n Jipper drauf …!“
„Omma!“ haben wir aufgestöhnt. „Wir wollen jetzt lieber wissen, wer der Mörder ist!“
Dann hat sie schweigend ihr Stickzeug zusammengepackt und mit verschränkten Armen und völligem Desinteresse mitgeguckt – und ist innerhalb der nächsten zehn Minuten eingeschlafen. Mit zurückgelehntem Kopf und offenem Mund.
Meine Schwester und ich haben zu ihrem Sessel rübergeguckt, uns gegenseitig angestoßen und uns leise darüber abgerollt, wie Oma vom Schlaf übermannt wurde – während meine Mutter froh war, dass jetzt keiner mehr ihren Fernsehgenuss störte.
Bis meine Oma anfing, zu schnarchen. Mit immer lauter werdendem Geräuschpegel …
Spätestens wenn Herr Köppke mit den Spätnachrichten kam, zuppelte meine Mutter entnervt an Omas Strickjacke: „Wach` auf und geh schlafen, Mutter!“
Oma starrte dann erschrocken in unsere feixenden Gesichter und war angegrätzt: „Man wird ja wohl noch seine Augen entspannen dürfen … von wegen Schnarchen: ICH habe NOCH NIE geschnarcht – das wäre ja noch schöner!“
Tiefbeleidigt hat sie dann ihre Sachen zusammengeräumt und ist als erste ins Bad. Doch bevor sie anschließend in ihrem Zimmer verschwunden ist, platzte sie nochmal, bereits im Nachthemd, zu uns ins Wohnzimmer:
„… und den Vanillepudding könnt Ihr auch vergessen: der ist sauer! Warum hat den keiner im Kühlschrank gestellt, bei dem Wetter? Muss man sich hier um alles kümmern, wenn man schon den ganzen Tach im Garten geschuftet hat, bis man Hexenschuss kricht, weil einem keiner geholfen hat mit den Erdbeeren?“ Und beim Rausgehen hat sie ordentlich mit der Tür geknallt.
Wir saßen dann alle da wie vom Donner gerührt und hatten mal wieder an allem Schuld.

Oma Lieschen konnte eine Drama-Queen sein, wenn sie beleidigt war. Doch meistens war sie eine lebenspraktische, patente Frau: Kein Schwimmbadbesuch mit der Familie ohne ihre stets prall gefüllten Proviant-Taschen, keine Wanderung ohne dass meine Oma Kartoffelsalat und Würstchen, Himbeerbrause und Klopapier eingepackt hätte, kein Schulausflug ohne ihre Stullenpakete mit luftgetrockneter Mettwurst und Harzer Roller … und kein Weihnachtsfest ohne Putenduft aus dem Backofen ...

Bevor das Fest der Liebe starten konnte, plante meine Oma genüsslich wochen - bis monatelang zuvor im Geiste Beschaffung, Zubereitung und Menues für das Weihnachtsfest. Und obwohl sie diverse Möglichkeiten abwog, durchdachte und plante – Heiligabend gab es immer „Puter mit Klöße und Rotkohl“.
Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
Die sie vermutlich von innen selten gesehen hat. Denn sonntags, zur Gottesdienstzeit – und bei allen christlichen Fest -und Feiertagen stand Oma Lieschen in der Küche. Um unsere Sonntagsbraten, Konfirmations-Hochzeits-Geburtstags-Oster-Pfingst-Beerdigungs-Weihnachtsessen zu kochen.

Dafür hat meine Oma den besten Platz im Himmel – und in meinem Herzen verdient.
Wenn in meinem Leben mal einiges aus dem Ruder gelaufen ist, ich mich unglücklich, ungeliebt, hilflos, erfolglos - oder mal ganz großartig, in Feierlaune, überschwänglich glücklich gefühlt habe, dann half es immer, etwas Gutes zu kochen.
Von meiner Oma habe ich mir so einiges abgeguckt und gelernt, später kam Neues dazu - aber nie hat es so gut geschmeckt wie bei Omi Lieschen.

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Montag, 22. Januar 2018
Wind Of Change
Eigentlich hat sie ü-ber-haupt kein Problem damit. Vielleicht ein bisschen Übergewicht und ein klitzekleines Alkoholproblem … und auch erst, seit ihre Gynäkologin beim Ultraschall fröhlich festgestellt hat: „Hier kann man es schon ganz deutlich sehen!“
„Was?“ hat sie, einigermaßen beunruhigt, gefragt.
„Das Schild an ihren Ovarien: SALE – ALLES MUSS RAUS!“
Schön, dass es noch Frauen gibt, die so viel Humor haben.
„Heutzutage ist das Klimakterium keine große Sache mehr“, hat ihre Gynäkologin gesagt und ihr verständnisvoll wie ein Dealer eine Packung Hormon-Gel über ihren Schreibtisch zugeschoben. „Eine lebenslange Hormon-Ersatztherapie, etlichen Packungen Antidepressiva - - und schon bald sind Sie nicht mehr wiederzuerkennen …“

Noch am selben Tag hat sie sich in der Volkshochschule angemeldet. Für die Kurse „Sinnliches Beckenbodentraining“ und "Postmenopausale Lyrik des 20. Jahrhunderts".
Danach hat sie die örtliche Stadtbibliothek unauffällig nach einschlägiger Ratgeberliteratur für prä - und postmenopausale Frauen durchkämmt.
Wenn sie den Erkenntnissen der Schnellschreiberinnen von Ratgeber-Literatur Glauben schenken mag, gibt es in den Wechseljahren angeblich tausend neue Chancen zu entdecken. Dabei beschleicht sie der Verdacht, dass dies mit derselben Dreistigkeit dahergelogen kommt wie: Nach der Entbindung hat man alle Schmerzen sofort vergessen. Ihre Mutter erinnert sich heute noch en Detail sämtlicher unter der Geburt erlittenen Qualen – auch wenn sie inzwischen vergessen hat, wie ihre Tochter heißt.

In den Jahren des Wechsels soll sie also die Göttin in sich entdecken. Oder die weise Frau. Was aber, wenn sie stattdessen eine verwaiste Frau vorfindet - oder eine Vergreiste? So eine hässliche, alte Schachtel, die von kleinen Mädchen gefragt wird: „Oma, stinkst du so, weil du so allein bist und niemand dich liebhat …?“
Was, wenn sie nach und nach zu einem Golden Girl mit lila Haaren mutiert, das sich durch diverse Laken schwitzt, schwarze Haare von Oberlippe und Kinn zupft und die junge Kassiererin bei ROSSMANN anfaucht: „Halten sie meine Tena Ladys und mein Gleitgel extra so hoch, junge Dame, damit hier jeder in der Schlange mitkriegt, was sie da über den Scanner ziehen?“

Sie hat die Wahl: Ob sie, wie eine alternde Diva, ihre Träume in Alkohol ertränkt oder wie eine gestandene Feministin fröhlich Wechseljahrespartys feiert. Ob sie die Push-Ups, figurformende Schlüpfer, Schminke und Haarfärbemittel anschafft – oder verbrennt.
Den Bleistifttest unterm Busen macht sie lieber nicht mehr - und ihren Ganzkörperspiegel verhängt sie mit schwarzen Tüchern …
Was ihre körperliche Ertüchtigung „Fuffzich plus“ betrifft, fühlt sie sich nicht genügend motiviert, sich in wandverspiegelten Muckibuden demütigen zu lassen, dass ihr junge, wildfremde Männer dabei zuschauen können, wie sie beim Pilates das vom „Power House“ gebildete Zentrum so verzweifelt wie vergeblich anzuspannen versucht und dabei Grimassen schneidet. Oder sich von einem Folterinstrument, das sich „Beinpresse“ nennt, die Beine zur Blutgrätsche spreizen zu lassen. Für diese Art öffentlicher Selbstoptimierung ist sie nicht zu haben – und nicht mehr optimistisch genug, zu glauben, hier den gutmütigen und schlichten Hulk zu finden, der ihre Vita finanzieren möchte.
Wenn sie schon von Hulks träumt, dann davon, sich Mariah-Careyesk auf ihrem Sofa zu drapieren, stundenlang zu schlemmen, zu trinken, sich zu unterhalten - und zwischendurch von halbnackten Bodybuildern zum WC getragen zu werden …

Wenn sie dem unaufhörlichen Verfall und der Erschlaffung ihres Bindegewebes etwas Positives abringen soll, dann dieses: Flirten soll im Alter deutlich unstrapaziöser sein. Sie muss nicht mehr auf High Heels ihren Mr. Lover-Lover auf der Tanzfläche mit einer kompletten Choreo und shakiraesken Shimmys umzappeln. Als Silver Lady darf sie jetzt schön relaxed sitzenbleiben und ihn wie eine argentinische Tango-Tänzerin mit Blicken zum Liebesdienst heranwinken.
Sie muss auch nicht mehr zu seiner Luststeigerung einen Strip in Lack und Leder hinlegen oder an der Stange turnen. Stattdessen darf sie nach opulentem Essen den oberen Hosenknopf öffnen und einer entspannten Zeit der Verdauung entgegensehen.
Älter werden soll außerdem den Vorteil haben, mit Entschiedenheit zu wissen, was sie nicht mehr will: Nackte Sockenträger mit Flusen im Bauchnabel. Verheiratete Liebhaber, die mit postkoitalen Bettfluchten brillieren …

Ab jetzt guckt sie nur noch RTL, Sat1 … dort ist sie jetzt Zielgruppe. Und erfährt im Trash -TV: Nicht Heirat, sondern Scheidung muss sich heutzutage lohnen: Reiche Itwoman treffen sich mit anderem Dörrobst an den Stränden Schwarzafrikas und winken dem Oberkellner des Lebens: Dasselbe noch einmal – diesmal nur ohne Udo, Günther oder Jürgen …!
Den Batchelor schaut sie nur noch in seniorengerechter Besetzung: Hagen, ein graumelierter Lustgreis mit schlecht sitzendem Haartoupet und Fritz-Walter-Gedächtnishosen. Beim Wein bevorzugt er ein reifes Bouquet von großer Feinheit, edlem Gemüt und weichem Körper, der trocken, warm kräftig und gradlinig daherkommt. Seine letzten Hosen bekommen: Uta, die manisch-depressive Frührentnerin. Helga, eine am Helfersyndrom outgeburnte - und Birte, die natürlich geschrumpelte Bio – Bäuerin ...

Was bleibt also einer klugen und reifen Frau - außer einer Mischung aus Feminismus und Alkoholismus? Ein Leben lang hat sie selbst für fällige Wechsel gesorgt. Auf einen „Wind of Change“ in ihren Zellen könnte sie liebend gern verzichten. Ihre Trennungskompetenzen hat sie ordentlich entwickelt – was braucht sie jetzt noch Möpse, die nicht mehr keck am gewohnten Platz hervorlugen, sondern sich auf Selbstfindungstrip nach Osten, Westen oder Süden befinden?
Es ist ein verdammter Mist: Kaum hat man als Frau im Oberstübchen mal alles schön beieinander, bricht einem der Rest weiter unten schon wieder zusammen!

Und sollte mal wieder einer dieser Telefon-Verkäufer anrufen: „Herzlichen Glückwunsch, Frau S. - sie haben gewonnen!“, wird sie mit Greisinnenstimme antworten: „… und ich möchte mit Ihnen über Gott reden!“
Und dann holt sie ihre Trillerpfeife und pfeift so laut sie kann "Wind of Change" …

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Sonntag, 21. Januar 2018
Unter Piratenflagge
„Wann sind wir endlich Zuhause, Mama?“

„Es dauert noch ein Weilchen, Schatz. Ungefähr eine halbe Stunde - wenn es keine Baustelle auf der Autobahn gibt und wir weiterhin gut durchkommen …“

„Menno. Mir ist langweilig …“

„War ein langer Nachmittag bei Tante Käthe. Ich weiß, Schatz!“

„Tante Käthe will mich immer küssen ... und die riecht so komisch.“

„4711 - ein Duftwasser, das etwas aus der Mode ist. Tante Käthe ist schon sehr alt, weißt du ...“

„… und der doofe Köter ist auch alt - und der hat mich gebissen!“

„Ach komm, der hat dich nur ein bisschen gezwickt. Der hat doch kaum noch Zähne!

„Wie alt ist der denn?“

„Keine Ahnung. Kommt mir vor, als hätte Tante Käthe den schon seit Ewigkeiten. Der Hund hat sicher seine zwölf bis dreizehn Jahre auf dem Buckel …“

„Der stinkt ausm Maul.“

„Da hast du recht. Mit den Jahren wird das immer schlimmer. Vermutlich Zahnstein …und Milben hat er wohl auch. Kratzt sich dauernd. Wird ja auch nie gewaschen …“

„Nieniemals?“

„Tante Käthe befürchtet wohl, dass sich ihr kleiner, sauteurer Rassehund erkälten könnte.“

„Was is `n der für `ne Rasse, Mama?“

„Ein Chihuahua.“

„Und war der teuer?“

„Oh ja. Der hat sogar einen Stammbaum, so was bekommt man nur beim Züchter. Tante Käthe ist dafür extra ins Ausland gereist … dorthin, wo sie mit Onkel Alfred immer Urlaub gemacht hat. Der Hund ist ein Andenken an ihren Mann, verstehst du?“

„Egal. Nächste Woche fahre ich jedenfalls nicht mehr mit.“

„Was soll ich machen, Schatz? Tante Käthe wird langsam gebrechlich. Sie hat ein großes Haus, dann das Riesengrundstück, der Garten und der Pool …“

„Ich fahr` trotzdem nicht mehr mit.“

„Hör´ endlich auf zu moppern, Schatz: Ich bin es, die dort aufräumen und saubermachen muss – während du den ganzen Nachmittag mit deinen Schiffen am Pool spielen darfst. Stell` dir mal vor: Eines Tages erben wir vielleicht den Pool und das große Haus – wenn wir uns jetzt regelmäßig um Tante Käthe und ihren Hund kümmern …“

„Findest du denn das Haus von Tante Käthe schön, Mama?“

„Oh ja. Sehr schön.“

„…“

„Mama?“

„Ja, Schatz?“

„Wir müssen zurückfahren.“

„Wieso das denn?“

„Weil … ich hab` was vergessen - im Pool ...“

„Das doch wohl nicht dein Ernst: Wir sind gleich Zuhause!“

„Ist aber wichtig.“

„Ich fahre jetzt nicht wegen irgendeiner Lappalie zurück, junger Mann!“

„Menno.“

„Von mir aus kannst du ruhig weiter beleidigt gucken: Wir kehren nicht um - Basta!“

„…“

„Darf ich wenigstens was fragen?“

„Und das wäre …?“

„Mein Piratenschiff – kann das sinken?“

„Wenn du das nicht mit Blei beladen hast, wird das sicher so lange im Pool herumdümpeln, bis wir wieder hinfahren …“

„Und wann fahren wir wieder hin?“

„Mal sehen. Wenn ich Zeit habe ... in einer Woche, vielleicht.“

„Mama?“

„Was?“

„Können Schiwawas eigentlich schwimmen …?“

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