Mittwoch, 18. September 2019
Novembermann
Das Beste soll ja zum Schluss kommen, dachte Frau Schrömpel und war gemäßigt frohen Mutes, was ihre Libido betraf, stand sie doch bereits im Herbst ihres Lebens.Vor langer Zeit hatte ihr eine Wahrsagerin ein „spätes Glück“ prophezeit und Frau Schrömpel hatte gefragt: „Wie spät?“ und leider keine Antwort bekommen.
Mit den Jahren war sie auch ohne männlichen Begleiter gut zurecht gekommen und fand: Im deutschen November waren Männer ihres Alters entweder inkontinent, depressiv oder tot. Doch ihre Freundin Ina wollte nicht aufgeben und mokierte, dass Frau Schrömpel sich schon zu lange ohne männlichen Beistand richtig gut gefühlt habe. Es wäre an der Zeit, ernsthaft über eine Kaffeefahrt zum Wallfahrtsort ihres Vertrauens nachzudenken. Sie verfüge jetzt über die charakterliche Reife, um sich mit Glaubensdingen zu beschäftigen. Und mit Männern. Zumindest guten Willen könne sie mal zeigen ...

Frau Schrömpel machte sich also auf den Weg zu einem kleinen Wallfahrtsort ihres Vertrauens. Als erstes besuchte sie eine exklusive Erlebnis-Bestatteria, um dort einen Crematorio zu trinken und sich zu erkundigen, was frau heutzutage so bei der Bestattung so trägt – ihrer eigenen, versteht sich. Die Särge dort sahen so komfortabel aus, dass sie fast wünschte, sie wäre bereits gesund gestorben. Diskret setzte man sie darüber in Kenntnis, das diesjährige Bestattungsmotto für Damen mit Torfatmung laute: „Charmant Sterben“.
Das Fachpersonal riet, sich beizeiten Gedanken zu machen, falls Frau Schrömpel nicht ungeschminkt und im tristen Baumwollnachthemd über den himmlischen Laufsteg schweben wolle. Man gab ihr die Bestatter-Rundschau und eine Preisliste mit auf den Weg. Angesichts der aufgelisteten Kosten erlitt Frau Schrömpel einen monetären Schock.
Ermattet wankte sie ins nächste Café, wo altersmilde Brüder und adipöse Schwestern einträchtig beisammen saßen und Schwarzwälder-Kirsch, Buttercremetorten und Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne verköstigten.
Ihre Freundin Ina war der Ansicht gewesen, dass Cafés in Wallfahrtsorten prädestiniert für die Suche nach einem späten Glück seien. Doch nach kurzem Rundumblick verwarf Frau Schrömpel diesen Gedanken sofort. Die meisten Senioren sahen so aus, als könne der nächste Orgasmus bereits eine Nahtoderfahrung für sie sein. Was nur dann zu tolerieren wäre, wenn man(n) sie als Begünstigte seiner Lebensversicherung eingesetzt hätte …
Der einzige Oralkontakt, an den hier zu denken war, war der mit Herrentorte. Nachdem Frau Schrömpel ungefähr tausend Kalorien intus hatte, fühlte sie sich innerlich gefestigt für den religiösen Teil ihrer Wallfahrt.

Sie hatte die Auswahl zwischen drei katholische Kirchen. Der Einfachheit halber entschied sie sich für die nächstgelegene Erlösungs - GmbH, in der gerade Gottesdienst gefeiert wurde. Devot setzte sie sich in die hinterste Reihe und versuchte in teilnehmender Beobachtung herauszufinden, was die drei Herren im Wallegewand vorne im Kirchenschiff für eine originelle Dramaturgie inszenierten. Vielleicht fehlte es Frau Schrömpel an Andacht, aber beim katholischen Frömmeln fühlte sie sich nicht so recht wohl. Diese Kirchenmusik missfiel ihr, weil der engagierte Jungorganist, der auf der Empore seine Harmagedon - Phantasien vor sich hin improvisierte, sie zu sehr von ihrem inbrünstigen Gebet ablenkte: Lieber Gott, ich habe geraucht, getrunken und Unzucht getrieben: Belohne mich. Beispielsweise: Mit Cuba Gooding … so was in dieser Preisklasse. Der ist übrigens Baptist. Die wissen, was gute Musik ist, Jesus! Wenn James Brown hier singen würde – ich würde mich sofort nackig machen und taufen lassen …
Umnebelt von Weihrauch taumelte Frau Schrömpel Richtung Ausgang. Bevor sie die Tür ins Hier und Jetzt aufriss, überlegte sie kurz, ob sie noch ein Schlückchen … doch das mit dem Weihwasser wurde ihrer Meinung nach auch total überschätzt. Mag sein, dass es die Verdauung förderte, aber sonst …

In der Fußgängerzone betrachtete Frau Schrömpel die Auslagen der Devotionalien-Läden. Heiliger Bimbam, damit könnte sie einen ordentlichen Exorzismus betreiben! Forsch betrat sie ein Geschäft und fragte, ob man auch ihre Schutzheiligen vorrätig habe: St. KiM (Schutzheiliger aller Konten im Minus) und den Heiligen UR (Schutzheiliger aller unbezahlten Rechnungen) – doch die waren nicht im Angebot. Also kaufte sie nur ein Fläschchen Eau de Lourdes – für alle Fälle. Vielleicht half es, wenn man sich in erotischer Stimmung davon ein paar Tröpfchen hinter Ohr und in die Kniekehle tupfte?
Dermaßen beflügelt von lichtvollen Gedanken, hätte sie beinahe den Esoterik-Laden am Ende der Fußgängerzone übersehen. Die trauten sich was: In einem katholischen Wallfahrtsort hinduistische, buddhistische und tantrische Literatur zu verticken! Außerdem hatten sie sehr schöne balinesische Handwerksarbeiten.
Auf der Stelle verguckte sich Frau Schrömpel in einen steinernen Buddha.
„Eine sehr schöne Arbeit – und noch dazu ein Schnäppchen!“ meinte der Verkäufer. Frau Schrömpel zögerte noch: Sah ziemlich schwer aus ... doch würde der steinerne Buddha ihren Wohn-Essbereich enorm aufwerten …Der Verkäufer grätschte verbal in ihre Überlegungen: „Wenn sie den Buddha gleich mitnehmen, gewähre ich Ihnen einen ordentlichen Preisnachlass – und die paar Schritte zum Bahnhof …!“
Frau Schrömpel ließ sich das wuchtige Kunsthandwerk einpacken. Nachdem sie bezahlt hatte, erfolgte die Übergabe. Augenblicklich knickte sie in den Knien ein. Holy Shit, das Ding war schwerer, als sie vermutet hatte! Schwer atmend wuchtete sie das teure Stück aus dem Laden und über die Straße.

Nach etwa zehn Minuten verbissenen Schleppens war sie bereits völlig entkräftet und stellte schwer atmend den schweren Buddha ab, während sie ermattet an einer Hauswand lehnte. Bei einem vorübergehenden Passanten erkundigte sie sich nach dem kürzesten Weg zum Bahnhof. Zwanzig Minuten zu Fuß, schätzt er. Sie bezweifelte, dass sie das überleben wird. Doch ein Taxi zu rufen, wäre blöd, dann hätte sie ja kein Schnäppchen gemacht …
Geiz ist bekanntlich geil, also stemmte sie den steinernen Buddha wieder auf ihre Hüften – zum Glück hat sie an dieser Stelle weiche Polster. Geschätzte Fünfundzwanzig Kilo bohrten sich wieder in ihr Fleisch.
„Komm!“ munterte sie sich auf, „denk an die Yogis. Und die Märtyrer. Und an den Weltfrieden!“
Weitere fünfhundert Meter hielt sie durch. Dann musste sie schweiß überströmt und völlig dehydriert, ihre Last wieder absetzen.

Einatmend weiß ich,
dass Wut ein unangenehmes Gefühl ist.
Ausatmend weiß ich,
dass dieses Gefühl geboren wurde und sterben wird…

Nach dieser kleinen Achtsamkeits - Übung nahm Frau Schrömpel ihre Bürde wieder auf – und damit alle Mühen und Sorgen. Während sie sich abschleppte und ihr der Schweiß den Rücken runter rann, hatte sie Zeit und Muße, über ihr ausschweifendes, lasterhaftes Leben nachzudenken. Kaum hatte sie einen Buddha, da reifte in ihr schon die Erkenntnis: Buddhismus war nichts für Weicheier!
In Sichtweite des Bahnhofs geriet sie ins straucheln. Ausgerechnet vor einer Bäckerei. Neugierig guckten die Kunden im Laden nach draußen, als Frau Schrömpel sich nicht mehr fangen kann, an einen der Stehtische vor der Bäckerei kracht und wie in Zeitlupe mit ihrem Buddha zu Boden geht.
Eine Verkäuferin kam mit einer Tasse Kaffee nach draußen, den sie Frau Schrömpel einflößte. Na prima, jetzt verbrüht man ihr auch noch die Zunge!
„Gangge“, röchelte Frau Schrömpel, “gas hat gut gegan ..!“


Wochen später steckte ihr diese verhunzte Wallfahrt noch in den Knochen, dennoch arbeitete Frau Schrömpel in Duldungsstarre weiter den Plan ihrer Freundin Ina ab, in diesem November noch einen Restlebensabschnittsgefährten abzubekommen. Sie wollte sich nicht nachsagen lassen, sie habe sich kein bisschen bemüht …
Deshalb blieb sie beinhart dabei, weiterhin auf öffentlichen Plätzen zu lustwandeln. Beispielsweise auf Friedhöfen …

In den nächsten Wochen suchte sie öfter den Friedhof ihres Vertrauens auf, als es der geringen Anzahl der von ihr zu Betrauernden angemessen war. Doch wo sonst kann man eines ungebundenen Mannes so leicht habhaft werden wie hier? Ihr fiel kein besser Ort ein, an dem man an frischer Luft die Schönheit völliger Ereignislosigkeit genießen konnte – ohne selbst schon auf Torfatmung umstellen zu müssen. Nur hier und da ein einsamer Novembermann, der die letzte Ruhestätte seiner Liebsten begoss – mit heißen Tränen oder einer grünen Friedhofsgießkanne …
Fast kam es Frau Schrömpel vor, als sei es hier nicht üblich, im November so ausdauernd auf einer Friedhofsbank zu sitzen: mit einer Thermoskanne Glühwein und einer wärmenden Wolldecke um die Füße …
Jedenfalls guckten die Leute nach einiger Zeit komisch. Doch Frau Schrömpel focht das nicht an, für sie war dies längst ein Erlebnis – Friedhof geworden:
Dort hinten, bei den Familiengrabstätten, stand wieder dieser verknöcherte, streng und moralinsauer dreinblickende Mensch, den sie im Stillen „Ritter von der traurigen Gestalt“ nannte. Er machte den Eindruck, als wolle er seine Herzelinde nicht via Auferstehung aus ihrem dunklen Verlies befreit wissen: Mittels massivsten Felsgesteins hatte er dies zu verhindern gewusst; das darauf eingravierte RUHE IN FRIEDEN schien einen unsichtbaren Imperativ zu tragen.
Er macht der Bezeichnung "Novembermann" alle Ehre und legte wuchtige Kränze auf der kalten Marmorplatte über seiner Herzelinde ab. Wenn er sicher war, entsprechendes Publikum zu haben, trug er ein paar Minuten öffentlichkeitswirksamen Kummer zur Schau. Aber wenn er sich unbeobachtet wähnte, blickte er kaltlächelnd auf den Marmor, als sei er dankbar, sie nicht länger aushalten zu müssen: Ihre Manierismen, ihr Gezeter, ihr dummes Geschwätz …

Bei seinem Anblick wurde Frau Schrömpel kalt ums Herz. Hoffnungsvoll blickte sie in die andere Richtung, wo ein praktischer Mensch im Blaumann gerade heimlich zwischen die Blumen etwas Gemüse pflanzen wollte. So bekam das deutsche Sprichwort „die Radieschen von unten besehen“ eine ganz neue Bedeutung …
Dies rief einen beige gekleideten Rentner mit Hut im Pepitamuster auf den Plan, der gerade den Kies neben dem Grab harkte. Seit seine langjährige Gefährtin plötzlich und unerwartet tiefergelegt wurde, war sein Zuhause eine Servicewüste geworden. Neue Kontakte mit anderen Frauen ließen sich nur schwer anbahnen, in seinem Schrebergartenverein hielt man(n) Klitoris für eine wild wuchernde Balkonpflanze und Fellatio für etwas, dass im Winter Blase und Nieren warmhält. Seine Libido lag brach. Das machte ihn reizbar.
„Guter Mann, das sieht aber nicht nach einem Novembergesteck aus, was Sie da pflanzen!“
Es entwickelte sich ein lautstarker Streit, was noch „Friedhofsgebinde“ sei und was nicht und was „Zierkohl“ auf einem Grab zu suchen habe ...
Dadurch fühlte sich der Lustgreis Anton in seiner anregenden Tätigkeit gestört. Im grauen Popeline-Mantel hockte er wochentags zwischen unschuldig-nackten Engelchen und properen Putten und lauerte lüstern hinter hohen Tannen, ob sich die Friedhofsgärtnerin am Nebengrab nicht bücken musste …
Wenn Arthur einen Blick auf ihre prallen Möpse zu sehen bekam, kriegte er Wunschaugen - und interpretierte „liebe dich selbst“ mit der Hand in der Hose …

Nur einen sah Frau Schrömpel heute still und traurig am Grab stehen. Der in die Jahre gekommene Uwe Senkelmann war immer noch untröstlich, dass seine Muddi ihn an einem regnerischen Novembertag im Alter von nicht mal zweiundfünfzig Jahren in der Fußgängerzone von Oer-Erckenschwick alleingelassen hatte. Auf seinen Bubentrost, die Muddi, war kein Verlass mehr: Herzinfarkt. AusdieMaus.
Tja, dachte Frau Schrömpel, während sie fröstelnd ihre Thermoskanne einpackte, wer weiß, vielleicht genießt es manche Muddi, wenn sie mal eine Auszeit bekommt und ihren Buben nicht mehr dauerversorgen muss …
Und während sie ihre Wolldecke zusammenrollte, stellte Frau Schrömpel sich lächelnd vor, wenn dieser Bub den Rosenstock auf Muddis ( schon zu Lebzeiten ausgewählter und teuer bezahlter!) Ruhestätte mal wieder verdorren lassen hat oder das Herz aus Vergissmeinnicht erfolgreich ertränkt, dass seine Muddi von unten die Gänseblümchen durch den Torfmull tritt und grummelt:
„Pass doch auf, du Vollhorst! Das gibt wieder einen Punktabzug in der B-Note von der Friedhofsverwaltung für das 'Grab des Jahres'! Wenn ich deine Frau wäre, hätte ich dich längst verlassen. Aber ich bin deine Mutter – ich muss dich liebhaben …!“

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Montag, 9. September 2019
Statt eines Impressums
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Freitag, 6. September 2019
Die Marc-Uwe-Offenbarung
Oder: ich weiß, wem Bestseller-Autoren ihren Erfolg verdanken



Dunstige Morgennebel steigen langsam im alles überstrahlenden Sonnenlicht auf; frühe Vögel tummeln sich flügelschlagend im Geäst des Baumes vor meinem Fenster, auf der Wiese vor dem Haus karnickeln Hasen, vom Waldesrand her höre ich Hirsche in der Brunft röhren: Ein herrlicher Sommertag, zum Ficken schön …
… und ich kauere seit Tagen ungewaschen hinter heruntergezogenen Jalousien über meinem Laptop und versuche, gefällige Texte zu schreiben. PLING. Der schon wieder …
Nein, nicht mein Handy. Leider. Es ist diese Erscheinung. Die sich Marc-Uwe nennt und meint, er sei meine Muse.
Sein feixender Gesichtsausdruck schwebt in einer 3-D-Prijektion an der Wand entlang zur Zimmerdecke. Mein Miene mäandert von irritiert zu empört.
„Marc-Uwe!“, schreie ich spitz. „Ich sitz' hier aufm Klo – schon mal was von Intimsphäre gehört?“
„Hello, agäin …“, näselt seine Stimme aus dem Off. Die Erscheinung macht ein Peace-Zeichen und schwebt durch die geschlossene Badezimmertür in den Flur: „Dann warte ich draußen. Mach hinne, ich hab' nicht ewig Zeit!“
Langsam mache ich mir Sorgen: Ich bin so was nicht gewöhnt – und ich weiß nicht, ob ein Dialog mit einem Geist noch als Gebet durchgeht oder bereits als Psychose gilt. Ich bin nicht die erste Autorin, die durchdreht … Oh. Mein. Gott.
„Gott ist schon mal 'ne schöne Anrede“, kommentiert Marc-Uwe meine Gedanken von draußen. „Haste was Verwertbares geschrieben, während ich kurz abwesend war?“
„Aufgepasst“, sage ich drohend. „Ich arbeite hier an meinem künstlerischen Durchbruch: Gestern Abend habe ich was Bahnbrechendes im Schreibforum gepostet …“
„Why not“, sagt Marc-Uwe und gähnt herzzerreißend. „Liest aber niemand, oder?“
„Die Resonanz hätte besser sein können“, murmele ich defätistisch und lasse meinen Kopf in Kutschbockhaltung über dem Badezimmer - Flokati hängen. „Und mit in Ruhe kacken wird` s heute wohl auch nichts …“
„Was du brauchst, ist beinharte Kritik“, näselt Marc-Uwe und versucht, einen Musenkuss durchs Schlüsselloch zu pusten. Ich meine es nur gut mit dir. Ich bin ein Schreib-Titan, ein Erfolgmacher - damit endlich mal Kohle verdient wird. Ich hab' Hunger!“
„Ha, eine Erscheinung kann gar nicht hungrig sein!“ rufe ich triumphierend.
„Doch: Machthungrig!“ säuselt es vor der Tür. „Solange du mehr Angst davor hast, Talent zu haben als es nicht zu haben, brauchst du mich!“
„Und du willst eine Muse sein? Inspiriere' mich - wenn du schon mal da bist!“
„Völlig falsche Sichtweise, Darling. Künstler sind Narzissten, die nur um sich selbst kreisen. Ohne mich bist du … intellektuelle Auslegeware!“
„Habe ich es nicht auch so schon schwer genug? Schreiben ist eine einsame Sache … bis heute keinen Cent an meinem Buch verdient … und HEYNE will mich partout nicht verlegen“, greine ich. „Dabei habe ich die mehrfach aufgefordert …“
„ULLSTEIN auch?“
„Jap.“
„Hättste lieber vorneweg auf mich gehört: Ironie und Sarkasmus ist nix für Frauen – Humor und Sozialkritik auch nicht. Das sind Männer-Domänen. Wenn du so weiterschreibst, wirst du bald sehr, sehr einsam sein …“
Hätte, hätte … Fahrradkette! Die „Känguru-Chroniken" sind bereits geschrieben– warum bist du nicht bei Kling geblieben? Eure Zusammenarbeit war offensichtlich erfolgreich …“
„Ich wollte mal wieder eine Frau … verunsichern. Bei euch Mädels macht mir das Demütigen einfach mehr Spaß: Schreib anders! Schreib, wie es MIR gefällt! Du beherrschst ja nicht mal Interpunktion und Grammatik – glaubst du, das wird je was? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Den Respekt des Lesers musst du dir erst hart erarbeiten! Kurzgeschichten: Liest kein Mensch! …
Außerdem kann ich besser mit Verlagen. Ich hab` den pinken Verlegerinnen-Daumen. Mach mich zu deinem Agenten!“
„Was noch alles: Muse, Kritiker, Agent …?“
„Ich verstehe mich als großen Förderer feministischer Schreibkultur und radikal-feministischer Menstruationsprosa …“, schmeichelt Marc-Uwe hinter der Tür.
„Sarkast!“
„Schreib was Verwertbares, Liebelein: Wir haben bald keine Kohle mehr …“
„Wir?“, brülle ich durch die geschlossene Tür. „Kümmerst du dich jetzt auch noch um meine Finanzen oder was?“
„Ab jetzt bist du bei mir im betreuten Schreiben. Sieh mich einfach als dein Alter Ego …“
„Wozu?“
„Ich meine es bereits hinreichend überzeugend dargestellt zu haben: Du brauchst mich. Du bist unsicher. Du bewegst dich auf unbekanntem Terrain. Du glaubst nicht an dich und an das, was du machst. Du willst, das einer kommt, der dir sagt, wo' s langgeht …und das bin ICH!
„Das hier ist mein Leben – und darin bin ich verdammt gut!“ brülle ich mit angeschwollener Halsschlagader.
„Das wäre ja noch schöner – jeder Künstler braucht eine Muse. Und einen Kritiker. Also komm' da jetzt endlich raus, schreib' alles um und biete dein Zeug Verlagen an. Ich will mit dir auf Lese-Tour - durchs Sauerland … Wir werden Auslagen haben. Allein die überteuerte Beerenauslese, die du abends brauchst, um überhaupt Brauchbares in die Tasten zu hauen …“
„Du, du … kommst nicht mit, auf gar keinen Fall kommst du mit ins Hotel!“ kreische ich.
„Ich kann einfach nicht umhin, indirekt meine Vorzüglichkeit zu inszenieren. Aber Größe zwingt zu Toleranz. Muss sich ein Porsche mit einem Golf messen? Kann er machen, muss er aber nicht.“
„Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass mir deine Häme den Sack geht? Ich bin doch kein Projekt, kein Dorf, das einen Brunnen braucht … !“
„Locker bleiben!“, sagt Marc-Uwe. „Du kannst nicht mal vernünftig Texte redigieren …“
„Ha“, sage ich und zerre entnervt eine dreißig Jahre alte Ausgabe des Dudens aus dem Stapel Zeitschriften neben dem WC. Hier, kuckstu: Ich verfüge über ein gerütteltes Maß an Bildung, du Spacken!“
„Typisch“, sagt Marc-Uwe. „Nicht mal` n anständiges Schreibprogramm auf der Festplatte, sich aber über seine Muse mokieren …“
„Ich brauche keine Muse!“ flüstere ich heiser und lehne erschöpft meine heiße Stirn gegen die Wandfliesen. „Erst recht keine, die mich auf dem Klo heimsucht. Ich halte jetzt einfach so lange die Luft an, bis du dich in Luft aufgelöst …ähm … bis du weg bist. Lass mich einfach in Frieden, ja?“
„Wie süß“, säuselt er hinter der Tür. „Bist du wirklich so naiv zu glauben, du könntest es im Alleingang schaffen? Was seid Ihr Schreiberlinge doch für ein eingebildetes Pack: ICH habe dich auserwählt, o Schreibaffine – und jetzt zier` dich nicht so wegen der Küsserei …“
„Du hast Marc-Uwe Kling geküsst? Moahhhh …! “
„Ich bin da nicht genderspezifisch festgelegt“, unterbricht Marc-Uwe. „Was tut man nicht alles für die Kunst – wenn Genie unabhängig sein muss von schnöder Wirklichkeit.“
„Ich will aber nicht von einer Muse geküsst werden …“, antworte ich trotzig. Und vervollständige leise den Satz: „…die schwul ist und Marc-Uwe heißt!“
„Na gut, du willst es nicht anders, dann muss ich wohl deutlicher werden, ich zitiere den Pschyrembel: „Ego und Alter Ego sind zwei miteinander in Widerspruch stehende Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit …“
„Du bist es, der mich hier mit aggressiver Arroganz verfolgt und mir permanent sinnfreie Gespräche aufdrängt! Du bist doch hier das hochgradig neurotische Phänomen!“
„Ah ja?“, fragt er. „Und wer ist mittlerweile so sozial depriviert, dass er glaubt, ein Blog aufmachen zu müssen, um mal Kontakte zu haben, die er nicht aus seiner Selbsthilfegruppe kennt?“
„Du hast mein Blog gelesen?“ lache ich hysterisch und lasse alarmiert die Klopapierrolle aus der Hand fallen.
„Während du gestern Abend rotweinselig über deinem Läppi eingeschnarcht bist …“, sagt Marc-Uwe und rülpst undezent ein wenig Luft auf „…hatte ich Bock, dein Geschreibsel im Netz mal anzuklicken – und zu kommentieren …“
„DU hast also diese hässlichen Kommentare geschrieben? Ich fühle mich so … benutzt“, wispere ich mit zitternder Unterlippe, bevor meine Stimme ganz wegbricht.
„Du wirst wohl kaum einen Therapeuten finden, der dir das abnimmt: Co-Abhängigkeit von einer Erscheinung …da werden die dich gleich fragen, mit wem du sonst noch so sprichst: mit deinem Freund Gott oder so … ICH bin dein HERR, dein MEISTER, Amen“, klingt es pastoral jenseits der Badezimmertür.
Ich könnte wetten, dass Marc-Uwe sich gerade bekreuzigt. Apropos Kreuz …
„Marc-Uwe“, flöte ich. „Ich bräuchte dringend ein Relaxans - damit geht es hier sicher schneller. Würdest du bitte so lieb sein und mir was aus der Küche holen?“
„Was?“ Marc-Uwe klingt genervt.
„Im braunen Tontopf, über der Spüle!“, rufe ich.
Eine Weile ist es still. Dann der erlösende, spitze Schrei …

Ich war mir nicht sicher, ob eine halb vertrocknete Knoblauchknolle ausreichen würde - scheint aber geklappt zu haben.
So. Wo war ich stehengeblieben?
„… und ich kauere seit Tagen ungewaschen hinter heruntergezogenen Jalousien über meinem Laptop und versuche, gefällige Texte zu schreiben …“

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Donnerstag, 5. September 2019
Ehe für alle
„Oha ...“, sagt Robert, als er die Tür öffnet und sie sieht.
„... hoffentlich hab` ich genug Wein aus dem Keller geholt!“
Noch im Türrahmen stehend, beginnt sie schon zu jammern:„Warum muss alles dermaßen kompliziert sein? Ich kann nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, bis Jürgen sich endlich von seiner Frau trennt … hast du Hausschuhe?“
„Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen du das nicht gewollt hast“, sagt er und hängt ihren Mantel auf. „Kannst meine Schlappen haben, sind vorgewärmt!“
Auf Socken schlurft sie schnurstracks in sein Wohnzimmer und lässt sich dort wie einen nassen Sack auf ein rotes Ledersofa fallen.
„Meine Libido war ein leerstehendes Haus - mit nur wenigen beschrifteten Klingelschildern … aber mit der Zeit muss er sich entscheiden. Ich will nicht mehr Teil seines Problems sein – sonder Teil der Lösung! Was gehen mich seine Eheprobleme an? Diese Daueraffäre ist demütigend. Hast du vielleicht größere Gläser – für größeren Kummer?“
Robert und taucht mit dem Kopf in eine Glasvitrine ab, kurze Zeit später hält er zwei voluminöse Rotweingläser in der Hand.
„Manchmal wünschte ich, ich wäre ihm nie begegnet!“ Sie fährt mit den Händen durch ihr dichtes, schwarzes Haar, dann lässt sie den Kopf in ihre Hände sinken, als müsse er die Last dieser Welt verarbeiten.
Robert sucht im Raum nach einem Weinöffner, dabei summt er: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel …“
„Ich glaube nicht, dass du für eine feste Beziehung gemacht bist“, doziert er, als er mit Öffner und Flasche unterm Arm an den Tisch zurückkehrt. Das würdest du auf Dauer langweilig finden: Jeden Abend miteinander einschlafen, jeden morgen nebeneinander aufwachen ...“
„Sagt wer: mein schwuler Freund? Ihr seid doch so was von promisk!“ fällt sie ihm entrüstet ins Wort. Eine Weile war' s nett, die Geliebte zu sein. Doch mit der Zeit legt er dieselbe Anspruchs - und Erwartungshaltung an den Tag wie bei seiner Frau. Das nervt. Inzwischen herrscht bei uns dieselbe distanzlose Vertrautheit wie in einer Ehe. Plötzlich hat man nur noch Sex, der die Verführung umgeht, weil er das Angebot eines Koitus voraussetzt.
Wie ich das hasse, wie er postkoital die Flucht zurück antritt: Zu Ehefrau und Kindern. Wie kränkend das ist! Man fühlt sich so … benutzt“, sagt sie. Hastig greift sie zum Glas und kippt mit bebender Unterlippe einen großen Schluck Rotwein hinunter.
„Verstehe ...“, brummelt Robert und tätschelt ihr tröstend ihre Hand.
„Dabei läuft bei Jürgen und seiner Frau sexuell schon lange nichts mehr“, fährt sie entrüstet fort und greift sich die Chipstüte. „Ich finde es mega Scheiße, wie die in der Öffentlichkeit glücklich verheiratetet mimen …!“
Nachdenklich dreht Robert den Korken der Weinflasche in seiner Hand.
„Was bin ich für ein Volltrottel!“ ruft sie. „ In seine Affäre darf man sich nicht verlieben! Mit der teilt man nur die kleinen, unkomplizierten Fluchten aus dem Alltag …“
„... und von der Ehe!“ ergänzt Robert. „Doch du bist nicht verheiratet. Das macht die Sache kompliziert.“
„Eine kleine, unkomplizierte Liebschaft – das hat Jürgen gesucht. Und jemand, der ihm „Ausgewogenheit“ verschafft. Was immer das für ihn bedeutet …
„Warum reicht dir das nicht mehr: Begehrt zu werden?“
„Ich glaube, ich habe Angst vor dem Alleinsein. Ab einem bestimmten Alter ist Einsamkeit schwer ertragbar: Wenn niemand kommt und niemand geht …“
„Quatsch! fällt Robert ihr ins Wort. „Du siehst gut aus, bist intelligent, eloquent … du kannst immer noch alles haben. Eine Ehe, Kinder … Jede Affäre lockt mit dem Versprechen, dass alle Möglichkeiten zur Befriedigung ausgeschöpft werden können – doch das deprimiert auf Dauer. Typischerweise beendet man die, nachdem einige der Möglichkeiten ausgeschöpft sind und man ahnt: Noch mehr - und es besteht die Gefahr, das man sich überfrisst …“
Du bist es, die seiner lange überdrüssig ist, gib' s zu! Du drängst ihn zu einer Entscheidung, nur damit du das Gefühl haben kannst, die Gewinnerin zu sein. Da läuft doch ein schäbiges, kleines Konkurrenzding mit seiner Ehefrau … mir machst du nichts vor, Schwester.
„Ich kapier' s nicht, warum er so an seinem lauwarmen Eheleben hängt - und an dem Menschen, der darüber nicht deprimiert scheint ...“
„Weil er ein Beziehungsmensch ist – und du nicht?“
„Mein Gott, Robert, ich ertrage diesen Gedanken nicht, dass das ewig so weitergehen könnte!“
„Du willst ihn ernsthaft verlassen?“
„Er ist ein Egoist, wie er im Buche steht. Und ein sozialer Streber: Für bestimmte Positionen hat man verheiratet zu sein. Ich weiß nicht mal, ob er seiner Frau so viel Freiraum lässt, weil er so tolerant ist oder weil sie ihm gleichgültig ist. Und er nur die soziale Fassade braucht: Verheiratet zu sein, Kinder zu haben … Meine Meinung: Sie sind beide soziale Streber. Ihr ist nur sein Einkommen, sein Status wichtig. Und ihr Tennis-Club. Die würde nicht wissen wollen, warum er fremdgeht. Nur: Mit wem. Die ist nicht blöd, die weiß, was läuft: Ehefrauen wittern Konkurrenz, lange bevor die Konkurrenz weiß, dass sie eine ist.
Wenn es einen gutaussehenden Typ gäbe: jung, einfühlsam, ungebunden … einer wie du, Robi – ich wäre weg. So billig und klischeehaft wären meine Gründe, Jürgen den Laufpass zu geben!“

Robert, der im Schneidersitz auf der Couch gegenübersitzt, streckt seine eingeschlafenen Beine aus und versucht, ihren eiskalten, nackten Füßen zu entkommen, die sie ihm unmerklich unter den Po schieben will, um sie zu wärmen. „Und warum beendest du die Sache nicht?“
„Was weiß ich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wohl, weil ich eine Ausrede haben will, dass ich nicht mehr aus meinem Leben mache. Weil es verführerisch ist, nicht mehr suchen zu müssen. Weil Jürgen perfekt dem entspricht, was mir von der Gesellschaft zugebilligt und vom Schicksal zugeführt wurde ...“
„Ach, hör auf: Schicksal!“ protestiert Robert. Zornig starrt er auf den Zierknopf der Ledercouch, als sähe er ihn gerade zum ersten Mal. Er besinnt sich und sieht sie mit schiefem Lächeln an: „Ähm … soll ich uns ein paar Oliven und Schafskäse aus der Küche holen?“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, ist er aufgesprungen und hantiert hausfraulich geschäftig in der offenen Küchenzeile.
Verwundert schaute sie ihm nach und hebt ihre Stimme, dass Robert sie hören kann: „Vielleicht will ich mich ja der Verantwortung entziehen, weil ich mich überfordert fühle. Jeden Morgen der Welt gegenübertreten und Leistung bringen, ist nicht mein Ding. Jürgen scheint das nichts auszumachen – solange er ein Faktotum für Küche und Bett hat, das für sein betreutes Wohnen sorgt ...“
Robert friert in seiner Bewegung ein und starrt sie perplex an: „Das war gemein!“
Sie zuckt mit den Schultern. Und deutet resigniert mit dem Daumen auf sich: „Hast recht: Ich bin das Problem. Ich krieg `s nicht hin, beziehungsmäßig. Ich frage mich: Das war `s? Das war alles? Ich habe Angst, ich verpasse was. Eine tiefere, verbindlichere Art, zu lieben ... “

Robert kehrt mit einem kleinen Tablett, auf dem mehrere Schälchen angerichtet sind, zurück zur Couch:“ Hier, iss!“
„Keiner tröstet mich wie du, Robi! Du verstehst alles. Selbst Jürgen verstehst du besser als ich. Ihr kommt bestens miteinander klar. Manchmal bin ich richtig eifersüchtig auf eure Freundschaft und was euch noch so alles verbindet: Beruf, Segelverein ... übrigens: Danke, dass du am Wochenende mit Jürgen segeln warst! Ich brauchte dieses Wochenende zum Nachdenken!“
„Da nicht für“, murmelt Robert und hält ihr beflissen eine Schale unter die Nase: „Gürkchen …?“
„Nicht ablenken, Freund! Genug von meinem Liebesleben: Jürgen hat gesagt, du willst mir was Wichtiges mitteilen?!“
„Nee, lass, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ...“
„Leg' los, Robi!“
„Ähm … tja … wie du ja weißt, bin ich auch liiert …“
„... und hast mir bis heute nicht mal seinen Namen verraten, Schuft!“
Robert nestelt nervös am Couchknopf. „Das konnte ich nicht … weil er nicht offen schwul ist. Also bis jetzt war er es nicht: Er will sich endlich outen. Und seine Frau verlassen. Wir werden heiraten!“
„Nein!“
„Doch.“
„Und was sagt seine Frau?“
„Die …ähm … weiß es noch nicht.“
„Hä?“
„ Sein Coming - Out ist … kompliziert. Er will niemandem weh tun. Seine Familie soll es zuletzt erfahren. Erstmal will er mit …äh … seiner Geliebten anfangen.“
„Der hat auch noch eine Geliebte?“
„Deswegen hat Jürgen dich ja heute zu mir geschickt ...

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Dienstag, 3. September 2019
Mahlzeit!
Mutter hat mich zum Essen eingeladen. Gewissermaßen. Ich nehme eher an, dass aus ihrer überquellenden Gefriertruhe die unterste eingetupperte Ware raus musste …
Bei unserer letzten gemeinsamen Inspektion dieser Truhe des Grauens schritt ich gerade rigoros zur Tat, um alle Eisblöcke ohne erkennbares Haltbarkeitsdatum zu entsorgen. Doch meine Mutter hat sich dermaßen lautstark in Rage gezetert und theatralisch schützend über ihre Gefriertruhe geworfen - dass die Nachbarn an die Tür geklopft haben, weil sie dachten, Mutter würde geschlagen …
Im Beisein von Zeugen musste ich ihr in die Hand versprechen, dass ich niemals wieder in ihrem wohlgeordnetem Haushalt etwas anrühren und entsorgen werde – es sei denn, sie hat es mir aufgetragen ...
Muss ich erwähnen, wie mich die Nachbarn dabei angesehen haben?
Nachdem Mutter mir mein Versprechen abgerungen hatte, stöhnte und weinte sie noch ein Weilchen publikumswirksam vor sich hin. Als die Nachbarn gegangen waren, trocknete sie ihre Tränen, sah mich beleidigt an und schniefte: „ Lebensmittel schmeißt man doch nicht weg – das hat doch alles Geld gekostet, Kind!“

Nee. Ist klar: Abgelaufene Lebensmittel entsorgt man so: Man bekocht ahnungslose Opfer damit. Engste Verwandte zum Beispiel. Wenn ich bei meiner Mutter zum Essen eingeladen werde, klingeln bei mir die Alarm-Glocken: Es ist wieder so weit! Mutter ist im Keller gewesen und hat ihre Konserven durchgesehen …

Ich bin also zum Essen eingeladen. Quasi. Ich hab' ja keine Wahl. Ich bin ihr Kind, ich muss sie liebhaben ...
Obwohl ich Angst vor der Antwort habe, frage ich – mit Blick auf das, was gerade in der Küche abtaut:„Kann es sein, Mutter, dass du mir wieder deine Resteverwertung als tolle Einladung verkauft hast?“
„Das ist gutes Kalbfleisch, das war teuer !“ entrüstet sie sich. "Und der Fisch ...!"
„Lachs oder Forelle?“
"Ich kann es erst endgültig sagen, wenn der Klumpen abgetaut ist …“
„Igitt, den kannst du alleine essen, Mama!“
Unverhofft wechselte sie zum Frontal-Angriff:„ Früher warst du nicht so heikel mit dem Essen, Frollein!“
Als Kind ist man noch naiv – und glaubt, das die eigene Mutter stets alles richtig macht ...
Meine jetzige Mutter hält mir in larmoyantem Tonfall eine Strafpredigt: Über die Verschwendung von Lebensmitteln im Allgemeinen - und meine im Besonderen …
Ich lege mein Handy auf den Küchentisch, schneide Zwiebeln für das Mittagessen, setzte Nudelwasser auf, gieße Blumen ... Als ich fertig bin, kommt Mutter auch langsam zum Ende: „... und immer war mein Essen gut genug für dich!“Geräuschvolles Schnäuzen ins Taschentuch."Wenn du den Krieg erlebt hättest wie ich, wärst du froh, so gutes Essen zu kriegen! Ihr seid heutzutage alle so verwöhnt ...! Du hast dich verändert, Kind. Und nicht zum Guten!“

Ich reagiere mit schlechtem Gewissen - wie der Pawlowsche Hund mit Speichelfluss. Seit Kindertagen versteht sich meine Mutter darin, auf der Klaviatur meiner Emotionen Tango zu spielen.
„War nicht böse gemeint, Mama. Ich mach` mir einfach Sorgen um deine Gesundheit“ und leise: „... und um meine!“
„Jetzt hör' aber auf: Ich koche seit so vielen Jahren – und weiß, wann Lebensmittel schlecht sind. Zum Beispiel dieses eklige Fleisch, was du mir in diesem Nobelrestaurant andrehen wolltest …“
„Das war ein Dry Aged Steak aus einem Fleischreifeschrank!“ bölke ich entnervt. "Das muss so – und ist sauteuer!“
„Ach was. Das sah aus wie ... Aas. So dunkel und trocken, geh' mir wech!“ antwortet sie ungerührt und kellt mir ungefragt Kartoffelbrei auf meinen Teller.

Sobald ich die Seniorenwohnung meiner Mutter betrete, mutiere ich für sie zur Erstklässlerin: Zur Begrüßung werde ich angeraunzt, die schmutzigen Schuhe auszuziehen – die de facto neu und sauber sind. Kommentarlos werden mir gefilzte Senioren-Puschen vor die nackten Füße geklatscht. Dann erwartet sie, dass ich mich nützlich mache. Aber nicht nützlich, wie ich es gerne würde - sondern so, wie sie es mir vorschreibt.
Der Tisch muss mit ihren grauenhaft kitschigen Platzdeckchen gedeckt werden, mit den „guten“ Gläsern und dem „guten“ Geschirr … während Mutter hausfraulich-geschäftig wie ein aufgezogenes Duracell - Häschen in ihrer Küche herum wuselt. Obwohl sie de facto nur aufgetaute, vorgekochte Lebensmittel warm macht oder Dosen öffnet.

„Und zum Nachtisch gibt `s Vanillepudding!“ ruft sie, Beifall erheischend, aus der Küche. „Den magst du doch so gerne!“
Mein Gott, ich bin fünfzig – und Lactose-Intolerant! denke ich schaudernd.
„Du isst ja gar nichts von dem Gurkensalat, der ist mit saurer Sahne!“ sagt sie und guckt wie eine beleidigte Sterneköchin.
„Ich vertrage keine Sahne, Mama!“
„Seit wann das denn?“
„Seit … immer.“
Sobald ich an Mutters Tisch sitze, erwartet sie, dass ich in Duldungsstarre esse, was auf den Tisch kommt. Wie früher: Pudding mit Haut. Gurkensalat in fetter Sahne – die letzte Woche noch süße Sahne war. Auf dem Kuchen. Der inzwischen zu einem keksartigen Gebilde im Brotkasten zusammengeschrumpft ist. Den gibt es sicher später, zum Kaffee …

Nach dem Essen ist Mutter erschöpft. Und macht keinen Hehl daraus, dass das von den Mühen herrührt, die eine alte Mutter auf sich genommen hat, für ihre Tochter ein Vier-Gänge-Menü zu kochen.
Ich rülpse dezent mein Sodbrennen weg und heuchele satte Zufriedenheit – und das ich gerne den Abwasch mache und nebenher ihr Küchen-Chaos beseitige, das sie beim Kochen veranstaltet hat.
Während Mutter auf der Couch liegt und schnarcht, durchforste ich leise fluchend die Küchenschränke nach dem Spülmittel. Sicher hat sie das wieder versteckt. Weil ich zu viel davon verbrauche, wenn ich spüle. Sagt Mutter …
Auf meiner Suche entdecke ich weitere Lebensmittel-Notfälle: Verschrumpeltes Obst als Fruchtfliegenbrut- und Sterbestätte, eine Tüte hartes, angeschimmeltes Brot … und im Backofen stoße ich auf fett-verkrustete Backbleche ...
Alles muss leise, schnell und unauffällig entsorgt werden. Danach folgt eine Grundreinigung von Mutters Küchenschränken und dem Kühlschrank. Während die Backbleche in der Badewanne einweichen und ihre Kukident - Tabs die Grünalgen im Wasserbehälter der Kaffeemaschine wegsprudeln, schaffe ich es an guten Tagen, noch die Böden zu wischen, Staub zu saugen und zwei Maschinen Wäsche zu waschen …
Bis Mutter sich im Wohnzimmer regt und nach Kaffee verlangt. Als ich ihren harten Kuchen nicht essen mag, sieht sie mich besorgt an und sagt: „Du siehst blass aus, Kind. Das kommt daher, dass du dir nie was Anständiges kochst!“

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Freitag, 30. August 2019
Was ich noch sagen wollte ...
… Ich muss sie warnen vor mir, Frau Redlich. Ab heute umweht mich der unnachahmliche Hauch von Unabhängigkeit: Ich mach` mich selbständig!
Meine letzte Erinnerung an meine Arbeit: Schwierige Arbeitsbedingungen, wenig Sonnenschein der Ermutigung, hoher Verantwortungsdruck, mangelnde Kooperation von Kollegen ... und am Ende Burnout.
Es hat Zeit und eine Reha gebraucht, bis ich eingesehen habe: Man kann alles richtig machen und dennoch scheitern.Ich hätte im Vorfeld Anforderungen verweigern müssen, die de facto Zumutungen waren – und die man mir lange als „Herausforderung“ schöngeredet hatte. Ich habe gekündigt – und bin zu einem „Fall“ für das Jobcenter geworden. Und für Sie ...

Was ich sagen wollte, Frau Redlich: Schon Ihre erste „Einladung zum „Gespräch“ las sich beunruhigend unfreundlich– vor allem der Nachtrag, der mit verheerenden Aussichten auf unliebsame Sanktionen drohte, falls ich Ihren Anweisungen nicht Folge leistete.
Solche Drohgebärden und erpresserische Aufforderungen, die mich einschüchtern und willfährig machen sollen, erreichen bei mir normalerweise das Gegenteil: Aktiven oder passiven Widerstand. Doch ich war auf monetäre Unterstützung angewiesen.
Ich machte gute Mine zum bösen Spiel und kam pünktlich zum vorgegebenen Termin: Angemessen gekleidet und mit allen geforderten Unterlagen.
Sie ließen auf sich warten - und mich über dreißig Minuten schmoren, bis Sie endlich meinen Namen in den Flur bellten. Als ich Ihr Büro betrat, hatten Sie sich hinter ihrem Schreibtisch verschanzt, als sei eine feindliche Übernahme zu befürchteten.
Mit demonstrativer Geschäftigkeit telefonierten Sie und machten sich Notizen. Mit stummer Geste wiesen Sie auf einen Stuhl, auf dem ich in teilnehmender Beobachtung zusehen durfte, wie Sie gerade Wichtigeres zu tun hatten: „Sachbearbeiterin im Kostüm erledigt ihre Arbeit ...“
Als Sie Ihr Telefongespräch endlich beendet hatten, taxierten Sie mich kühl: „So, Frau ...äh …? Erzählen Sie mir mal Ihre Geschichte!“
Mir war nicht zum Märchenerzählen zumute. Wortlos reichte ich Ihnen meine Unterlagen, obenauf das ärztliche Attest, das mir eine Kündigung aus gesundheitlichen Gründen und auf ärztliches Anraten bescheinigte.
Ohne sichtliches Interesse scannten Sie es ein und überflogen meine Schulzeugnisse, Arbeitszeugnisse, Nachweise für Aus- und Weiterbildungen, Lebenslauf: „Erste Berufsausbildung, Abendschule, Studium, hmm …und zuletzt: Umschulung zur Ergotherapeutin. Hhamwerhiernich. Das wird schwierig! Meine Schwägerin, die ist auch Physiotherapeutin ...“
Ich war gerade dabei, Ihnen zu erklären, dass es gravierende Unterschiede in Ausbildungen und Arbeitsfeldern … als Sie mich unterbrachen und unwillig abwinkten:„Ach wissen Sie, ob Sprach-Physio-oder Ergotherapeut: Ich kann hier nicht jeden Beruf kennen. Dazu haben wir unseren Computer!“
Übergangslos spulten Sie einen mürrischen Monolog ab, der aus Dienstanweisungen, Geboten, Verboten und Verpflichtungen bestand, die mich als „Kundin“ betrafen.
Dann reichten Sie mir Stapelweise Formulare, mit denen ich durch stundenlanges Ausfüllen meine „Complience“ zeigen konnte.
Kraft Ihres Amtes und Ihrer Befugnis würden Sie – innerhalb eines zeitlich ausreichenden Rahmens – jeden meiner ordnungsgemäß eingereichten Anträge kontrollieren, weiterleiten, ablegen, umleiten und genehmigen. Oder nicht: Falls meine Anträge nicht ordnungsgemäß ausgefüllt und termingerecht eingereicht …bla, bla.
Beinahe hätte ich Ihnen die Nummer mit der Menschendarstellerin abgekauft: Eine instrumentalisierte Verwaltungs-Fachangestellte als Gralshüterin staatlicher Gelder, die sie vor einem raffgierigen, sozial-schmarotzenden Klientel mit Krallen und Zähnen verteidigen muss.
Aber es gab Zeichen: Eine sorgsam gepflegte Orchidee auf Ihrem Fensterbrett, hübsch eingerahmte Urlaubsbilder, eine kunterbunte Kinderzeichnung an der Wand und Ihre Bürotasse, auf der mit krakeliger Schrift „LIEBLINGSMENSCH“ zu lesen war. Es schien Wesen und Dinge zu geben, die sie mochten. Das war beruhigend.
Sie brummelten etwas von einem „limitierten Zeitfenster“ und „... ist mir jetzt zu viel Gedöns, Ihre vielen Unterlagen, kurz vor der Mittagspause!“ und mit flinken Fingern tippten Sie auf der Tastatur ihres Computers einige Sätze. Mit einem letzten Klick Ihrer Maustaste hatten Sie meinen „Fall“ als : „ … erschienen, eingewiesen, informiert und weitergeleitet ...“ dokumentiert - und mich zu einem einwöchigen “Bewerbungstraining“ angemeldet.

Was ich sagen wollte, Frau Redlich: Ich hab `s nicht verstanden. Warum Sie bei mir Handlungsbedarf für eine solche „Maßnahme“ sahen. Mit Empörung habe ich auf meine Bewerbungsmappe gezeigt – alles tipptopp formuliert, formatiert, ausgedruckt und abgeheftet – die Sie gerade in Augenschein genommen und für gut befunden hatten.
Sie sahen mich kopfschüttelnd an. Wie jemanden, der sich über Geschenke nicht freuen kann. Mit Blick zur Wanduhr schnauften Sie hörbar: „Sie können diese Maßnahme natürlich ablehnen. Doch dann ...“ Ich ahnte, was folgte: „... mache ich Sie aufmerksam, dass dies Sanktionen nach sich zieht ...“
Wie sollte ich mich „aktiv einbringen“, wenn ich nichts kritisch hinterfragen und keine Fehler machen durfte? Menschen, die keine Fehler machen, machen normalerweise auch sonst nichts ...
In Ihrer Wahrnehmungswelt schien ein Mensch ohne Arbeit im günstigsten Fall eine tragische Figur zu sein, die ihre Selbstbestimmung verwirkt hatte. Und mein beruflich-genderspezifisch-politisch-sozialbedingter Burnout schien für Sie eine Arbeitsverweigerung zu sein, mit der ich gerade meine Biografie an die Wand gefahren hatte.
Was Sie nicht bedachten: Wer ausgebrannt ist, muss vorher für etwas gebrannt haben …Zudem litt ich an „0ptimism Bias“ - trotz gegenteiliger Erfahrung das Beste zu erwarten, kurz: Schön blöd zu sein.
Obwohl ich gesundheitlich angeschlagen war, fühlte ich mich ausreichend motiviert, eine neue Stelle zu finden. Das schien nicht ins Raster zu passen, durch das Sie ältere „Kunden“ betrachteten: Als unqualifiziert, unflexibel, träge und eingefahren.
Dabei hatte ich schon bewiesen, dass ich keine Angst vor Veränderung habe: Ich hatte sie sogar mittels Kündigung herbeigeführt. Trotzdem hielten Sie eine Freifahrkarte in die Langzeitarbeitslosigkeit für das Richtige - mit der Sie mich so lange auf Reisen zu „Bewerbungstraings“ (oder) „Ü-50-Maßnahmen“ schicken konnten , wie Sie das als „Wiedereingliederungs-Maßnahme“ schöndokumentieren konnten.
Mit Rasierklingenlächeln legten Sie mir einen vorgefertigten Vertrag zur Unterschrift vor: Ein „gegenseitiges Abkommen“ das mich per Unterschrift zur Teilnahme an jeder von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen verpflichtete. Während ich mit mahlenden Kiefern und zusammengebissenen Zähnen unterschrieb, lobten Sie mich wie eine Erstklässlerin:„Fein, geht doch!“ Anschließend komplimentierten Sie mich nach draußen.

Was ich sagen wollte, Frau Redlich: Was Sie mir in Laufe der Zeit alles an „Ü-50-Maßnahmen“ verkauft haben, waren de facto „Outsourcing-Programme“, mit denen Sie Ihre Vermittlungs-Statistik erhöht haben: Geglückte Kooperationen zwischen Jobcentern und hastig gegründeten Hinterhof-Unternehmen, um mit öffentlichen Mitteln und geringem Aufwand viel Kohle zu machen. Indem man die vom Jobcenter zur Willenlosigkeit Verdammten unter Aufsicht in stickigen Computerräumen zusammenpferchte, wo sie ihre Zeit totschlagen mussten, im Akkord ihren hmpfzigsten Lebenslauf für die hmpfzigste Bewerbung zu schreiben. Zur Abwechslung spielte man „Vorstellungsgespräch“ , brachte uns „Open Office“ und „Business-Niederländisch“ bei – obwohl nicht alle einen Bürojob hatten.
In solchen „Maßnahmen“ kam ich mir vor wie auf der Resterampe bei Big Brother: „Ich bin alt, ich brauche die Kohle. Darum muss ich mich hier zum Vollhorst machen. Trotzdem könnte ich es für möglich halten (mehr Konjunktiv geht nicht) noch lernfähig zu sein ...“
Mein „Business-Coach“ - vor kurzem noch Hausfrau - betrachtete meinen beruflichen Werdegang, Berufserfahrungen, Arbeitsleistungen ... wie einen Kuchen, von dessen Existenz nur noch ein Berg von Erinnerungskrümeln zeugte, die in Zeugnissen und Dokumenten verstreut waren. Je nach „Stellen-Vorschlag“ wurden meine Bewerbungsschreiben „getunt“ oder zusammengestaucht, bis sie jenem Mittelmaß entsprachen, aus dem jede Zeile die Botschaft verkündete : „... überall, rund um die Uhr, unter miesesten Bedingungen, in jedem Bundesland einsetzbar“.Als „Ü-50igerin“ war ich „ausgemusterte Ware“ auf dem Grabbeltisch des Arbeitsmarktes, die an den Mann gebracht werden musste.

Was ich sagen wollte, Frau Redlich: Anderen zuzuschauen, wie sie alles geben und trotzdem verlieren, hat einigen Unterhaltungswert: Im Fernsehen. Auf dem Fußballplatz ...
Im richtigen Leben streben wir nach Sinn in unserem Tun. Bei unserer Arbeit möchten wir das Gefühl haben, dass sie der Gemeinschaft oder auch nur einzelnen Menschen dient und nützt. Während Sie von mir erwarteten, dass ich mich für jede Arbeit „dankbar“ zeigte, begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, ob sich nicht jede Karriereleiter irgendwann von innen anfühlt wie ein Hamsterrad - wenn Arbeitsbedingungen, Vorgesetzte oder Teamarbeit nicht stimmen und die eigene Arbeitszufriedenheit gegen Null geht.
Ich suchte einen Arbeitsplatz, an dem ich mich wohlfühlen und engagiert arbeiten konnte. Ich war bereit, umzuziehen und kreuz und quer durch Deutschland zum Bewerbungsgespräch zu reisen. Ich suchte ein Arbeitsumfeld, das zu mir passte – und nicht umgekehrt. Meine Erfahrung: Eigene Vorstellungen und Wünsche bezüglich seiner Arbeit sind bei Bewerbungsgesprächen eher ein Ausschlusskriterium.
Und Ideen, die nicht vom „Fallmanager“ stammen, wie man seine Situation in eigener Verantwortung verbessern könnte: Ihnen schien es gleichgültig, welche Arbeit ich machte, zu welchen Bedingungen und wo. Sie waren ausschließlich an den Ergebnissen meiner Bemühungen interessiert - und somit an der baldigen Beendigung Ihrer Bemühungen. Das lag nicht in meiner Hand, sondern in der meiner Arbeitgeber in spe. Ich war abhängig, das „ draußen“ irgendetwas passierte, das mich erlöste.
Zum Beispiel von der Art, mit der meine Anträge im Jobcenter kritisch hinterfragt und beargwöhnt wurden:
“ In Ihrem Lebenslauf steht, sie haben Kinder ...“
„Zwei.“
„... und die wohnen wo?“
„In Nordrhein-Westfalen. Warum?“
„Hat mich nur mal interessiert. Mir liegt hier ein Antrag von Ihnen vor: „Übernahme der Reisekosten zu einem Vorstellungsgespräch“ - wo soll das stattfinden?“
„In Mecklenburg-Vorpommern.“
„Aha.“
Ich hab` s anfangs nicht kapiert – bis mir klar wurde, dass Angestellte des Jobcenters Ihre „Kunden“ so lange der Unaufrichtigkeit bezichtigen – bis diese das Gegenteil beweisen können. Zum Beispiel, dass ich mit „Ihrem“ Geld nicht durch die Lande reiste, um meine Kinder zu besuchen, sondern zukünftige Arbeitgeber.
Paranoia ist heilbar. Ich muss das wissen: Ich habe eine medizinisch-therapeutische Ausbildung ... Nein, nicht als Physiotherapeutin, wie Ihre Schwägerin. Ich bin Ergotherapeutin. Googeln Sie das doch mal ... wenn ich weg bin.

Was ich sagen wollte Frau Redlich: Wer anderen Menschen unlautere Absichten unterstellt, muss sich nicht wundern, dass er aus der Perspektive der Abhängigen zum Feind mutiert. Und vor dem muss man sich schützen, rechtfertigen, fliehen – oder angreifen.
Mit einer wohlwollenden Einstellung erreicht man oft mehr. Die meisten ihrer „Kunden“ wollen das Gleiche wie Sie: Eine Arbeitsstelle. Nur eben mit unterschiedlichen Zielvorgaben.
Jedenfalls: Ich bin raus aus diesem Spiel für Erwachsene: „Hab-ich-dich-erwischt-Schweinehund!“

Vorstellungsgespräche „abarbeiten“ zu müssen ist mir ein Gräuel geworden: Meine Talente in einen Raum zu plärren – nur um Ihren Vorgaben zu entsprechen oder von einem dumm-stolzem Vorgesetzten-Blick gestreift zu werden.:“Also, Frau äh...? Wie lange sind Sie denn bereits “arbeitssuchend“? Liebend gerne würde ich da antworten:„Ich mache gerade schwere Zeiten durch. Und in Ihrem Unternehmen bekomme ich endlich eine reelle Chance, neue Arbeitskollegen zu finden, die ich nicht aus dem Entzug oder der Selbsthilfegruppe kenne …“
Was mir bei Bewerbungsgesprächen manchmal gegenüber saß, ähnelte einer peinlichen Jury im TV-Casting: Ein mega cooles Möchtegern-Alpha-Männchen im Sakko, ein wandelndes Helfersyndrom mit Pferdeschwanz und eine kichernde Quotenfrau mit Wallemähne als Deko …Alle vereint in einem ausgeprägten Narzissmus und dem damit verbundenen Machtdünkel, man sei berufen, andere zu beurteilen. Und darf überhöhte Ansprüche an die Bewerber stellen - denen mancher Anwesende fachlich nicht ansatzweise entsprach. Ich sollte durch Gestik und Mimik erkennen lassen, dass ich die Dramaturgie solcher Castings wahnsinnig originell fand: Erst ignorieren sie dich, dann lassen sie dich eine endlose Zeit draußen auf dem Gang warten … bis die Fragerunde endlich startet: „Schön, Frau äh…? Sie schreiben in ihrer Bewerbung, dass Sie auf eine Waldorfschule gegangen sind. Tanzen Sie uns doch einfach mal ihren Namen vor …!“

Was ich sagen wollte, Frau Redlich: Es ist jetzt mal an der Zeit, danke zu sagen:
Für all die traumhaften Jobs, die Sie mir vermasselt haben.
Indem Sie meinen Enthusiasmus mit „Hamwernicht!“ und „Wir-sind-hier-nicht-bei-Wünsch-Dir-Was!“ ausgebremst haben. Das Sie meine Pläne abwürgten und blockierten, indem sie:
- Eingereichte Reisekosten-Anträge „nicht auffinden“ konnten – und stur behaupteten, bei Ihnen sei nie ein Antrag eingegangen.
- Unbezahlte Hospitationen am Arbeitsplatz nicht genehmigten, da der Vorschlag nicht von Ihnen kam.
- Übernachtungskosten für eine Pension nicht anerkannten, trotzdem die Fahrt zum Bewerbungsgespräch über sechs Stunden betrug.
- Sich weigerten, für ein vierwöchiges Probe-Arbeiten die Mehrkosten für Verpflegung zu genehmigen.
- Anstehende Reisekosten für Bewerbungsgespräche grundsätzlich nicht vorab überweisen (wollten).
- Mies bezahlte Stellen im Mindestlohn-Sektor als „angemessen und zumutbar“ erachteten.

Was ich sagen wollte, Frau Redlich: Der Drops ist gelutscht: Der mit dem Jobcenter. Und mit Ihnen. Das feier` ich mit `ner Valium ...
Wir lernen von jenen Menschen am meisten, die uns an unsere Grenzen bringen.
Da haben Sie gute Arbeit geleistet, Frau Redlich.
Durch Sie konnte ich zu mir finden. Indem ich, was in Ihrem System als „unerwünscht“ galt, als Ressource betrachtete: Eigensinn, Authentizität, Offenheit, Empathie … und der Mut, konsequent seinen Weg zu verfolgen, finanzielle Einbußen und das Risiko des Scheiterns in Kauf zu nehmen.
Meine Kündigung habe ich bis heute nicht bereut: Vermutlich eigne ich mich nicht für zu viel Fremdbestimmung. Zuweilen ist ein klarer Schnitt die einzig sinnvolle Lösung: Man kann nicht immer das gleiche tun und jedes mal andere Ergebnisse erwarten.
Ich bin jetzt an dem Punkt meines Lebens angekommen, an dem es nur noch einen Grund gibt, aus dem ich überhaupt noch Dinge tue: Weil ich es wirklich möchte.

Mit altersmildem Blick schaue ich zurück: Fallmanager sind auch Menschen.
Wie viele Berufsjahre haben Sie noch vor sich, Frau Redlich: Zehn, zwanzig ... dreißig Jahre?
Passen Sie gut auf sich auf..
Die Würde ist antastbar - auch Ihre. Stellen Sie sich nur einmal vor, dass Sie eines Tages ausbrennen und nicht mehr funktionieren könnten - und wie Ihr System sie dann ausspucken wird. So dass Sie sich auf der anderen Seite Ihres Schreibtisches wiederfinden und sich sagen hören: „Ich hatte mal Träume - und dann hatte ich Burnout …!“

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Sonntag, 28. Januar 2018
Es muss was Wunderbares sein ...
Bestimmte Menschen verkleiden, wenn sie etwas von anderen wollen, als Geben: Anfangs sind sie noch aufmerksam, charmant, zuvorkommend … dass kein Verdacht einer Manipulation aufkommt. Sie geben sich gerne den Anschein, andere zu verstehen und sich für sie einzusetzen. Sie machen sie glauben, sich für sie aufzuopfern und für sie da zu sein. Mit der Zeit bekommt man das unbestimmte Gefühl, ihnen dafür etwas schuldig zu sein und fühlt sich verpflichtet, etwas für sie tun zu müssen …

Ihre Liebe ist ein Geschäft, eine Ware Liebe, die –bewusst oder unbewusst – manipulativ und geschäftsmäßig benutzt wird, um von anderen zu bekommen, was sie wollen.
Wenn bestimmte Gegenleistungen für Zuwendung erwartet werden, kann dies bereits als Indiz gelten, wie sehr andere in eigennütziger Weise am Zugewinn interessiert sind, der sich durch eine Beziehung ergibt: Aufmerksamkeit, Zuwendung, Loyalität, Bewunderung …
Es fühlt sich manipulativ an, wenn man von ihnen gelobt und auf ein Podest gehoben wird. Man beginnt, sich in ihrer Gegenwart unwohl zu fühlen und sich leise zu fragen, welche Gegenleistung sie von dir verlangen werden: Anpassung, Willfährigkeit, Unterordnung …?

„Wenn du mich liebst, tust du, was ich will!"
Gefährliche Worte, die einer gefährlichen Einstellung entsprechen: Da ist jemand, der alles tun wird, um seine Bedürfnisse und Wünsche anderen gegenüber durchzusetzen. Damit wird die Phase eingeleitet, in der sich jemand das Recht nimmt, andere als Rollen - oder Funktionsträger einzusetzen, die nach seinem Gusto zu „funktionieren“ haben.
Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit versuchen immer, etwas von anderen zu bekommen, indem sie - subtil oder offen - emotionalen Druck ausüben. Ihre stumme Erwartungshaltung ist immer spürbar: Sie erwarten, dass man sich ihnen gegenüber auf eine bestimmte Weise verhalten soll.
Der Preis ihrer Anerkennung ist hoch: Während man versucht, es ihnen recht zu machen, verrät man seine eigenen Wünsche und Interessen und Herz und Seele werden einen kleinen Sprung bekommen.

Der größte Fehler, den Narzissten in Beziehungen machen, ist der zu glauben, andere wandeln nur aus einem einzigen Grund hier auf Erden: Um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – und das auch noch genau so, wie sie es sich vorgestellt haben.

Wenn man beginnt, sich gegen ihre Spielregeln zur Wehr zu setzen, werden sie versuchen, denjenigen eifersüchtig unter ihre Kontrolle zu bringen - ein weiterer kläglicher Versuch, andere dazu zu bewegen, doch noch alles auf ihre Art und Weise zu tun – damit sie sich ein klein wenig sicherer fühlen können.
Manchmal hat man Mitgefühl mit ihnen, denn ihr eifersüchtiges und einnehmendes Verhalten hat den Anschein von Wertschätzung und wirkt nicht ganz so abstoßend wie Manipulation.
Doch ihr Gesichtsausdruck und ihr Verhalten wird schmerzhaft bewusst machen, dass Eifersucht nichts mit Wertschätzung zu tun hat, sondern mit Kontrolle - die eine versteckte Form der Einschüchterung ist.

Ihre unterschwellige Wut und ihr Besitzdenken werden bei anderen zu Ablehnung und Groll führen – und zu unzähligen Machtkämpfen. Je mehr sie versuchen, andere „in die Pflicht“ zu nehmen und ihnen Schuldgefühle einzureden, umso mehr werden andere Menschen versuchen, sich ihnen zu entziehen. Um sich zu schützen, werden sie emotional Unnahbar.
Obwohl langsam klar wird, dass ihre Manipulationen, ihre Eifersucht, ihr Neid und ihr Kontrollwahn fehlgeleitete Versuche sind, mit ihrer Angst umzugehen, wird man sich dagegen zur Wehr setzen müssen - weil es gefährlich ist, Narzissten ohne Gegenwehr einfach zu gestatten, zu manipulieren, zu kontrollieren, andere zu instrumentalisieren und ihr Leben in Besitz zu nehmen.

Irgendwann wird man erwachsen und mutig genug sein, zu erkennen, dass nichts Wunderbares daran ist, so „geliebt“ zu werden.

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Freitag, 26. Januar 2018
Mischpoche
Mischpoche



Wenn Anziehung so funktioniert wie Elektrizität, dann habe ich dauern Licht gemacht - ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das genau funktioniert. Eines ist mir klar geworden: Mit Elektrizität kann man eine Mahlzeit für andere Menschen kochen – oder man kann damit den Menschen selbst kochen …
Als ich lernte, meinen eigenen Wahrnehmungen zu trauen, spürte ich zunächst nur ein undefinierbares, unbestimmtes Sehnen. Mal schien meine Seelenlandschaft ein weites Feld zu sein, mal ein tiefes Wasser, mal eine dunkle Höhle … darunter schwelte eine Höllenangst, dass der gallebittere Grollbrei über den Zwang zur Anpassung eines Tages überkochen und ans Licht kommen könnte.

Als ich damit begann, mich selbst besser wahrzunehmen – statt die Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen anderer und wie ich ihrer Meinung nach sein sollte – begann ich auch, bewusster hin und besser zuzuhören. Zunächst stellte es sich so dar, als sei das, was wir „Familie“ nannten, nur selten ein Hort der Harmonie und des heimeligen Wohlbefindens. Oft waren wir ein erbittertes Streitorchester, das um „Wahrheiten“ stritt, die keine waren, höchstens Beurteilungen einer Wirklichkeit, die jeder anders interpretierte.

Wie jedes Kind hatte ich gelernt, durch Anpassung an die Bedürfnisse und Ideale, Vorstellungen und Rituale, Normen und Werte meiner Primärfamilie mein Überleben zu sichern. In einer Gemeinschaft, die Gehorsam forderte, Aufbegehren unterdrückte und durch Strafen sanktionierte, war ich das jüngste, hilfloseste und schwächste Glied in der Hackordnung. Meine Mutter und ihre Familie wollten ein überangepasstes, „nettes“ Mädchen: Einen „Sonnenschein“ zu ihrer Erbauung, eine brave und dankbare Ablegerin ihrer selbst, nett, fügsam, freundlich und stets zustimmend, altruistisch, eine gute Freundin, eine Hilfe im Alter.
Mein Vater und seine Familie wollten ein erfolgorientiertes, selbstbewusstes, leistungsorientiertes, duchsetzungsfähiges Kind sehen, das sein Abitur machte und es später beruflich nach „oben“ schaffte.
Obwohl beide Werteerwartungen einander diametral entgegengesetzt waren, versuchte ich eine lange Zeit, diesen schwierigen Spagat hinzubekommen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Psychisch und physisch hielt ich die Illusion meiner Zugehörigkeit zur Familie sehr lange aktiv aufrecht - wie die Illusion, bedingungslos geliebt zu werden.

Bei uns Zuhause definierte sich ein Teil der Familie über das, was mal war – bevor Krieg und Schicksal vieles zerstört hatten. Sie hatten immer in der Kleinstadt gelebt und mussten nach dem Krieg nicht mühsam Neues aufbauen – traumatisiert kehrten sie in alte Strukturen zurück und wollte einfach so tun, als sei nichts gewesen …
Der andere Teil hatte im Krieg in Großstädten gelebt und durch Flucht, Heimatlosigkeit, Kriegsverletzung sein altes Leben verloren und musste sich vollkommen neu erfinden und definieren.
Kinder dieser Zeit spürten, dass mit ihren Eltern und Verwandten etwas nicht stimmte – dieses Etwas blieb oft ungesagt, höchst selten wurden Kriegserlebnisse so erzählt wie sie erlebt wurden: Als blanker Horror, als Ausgeliefertsein und als das Unrecht, was Kriege immer sind.
Familien der Nachkriegs-Ära, der Fünfziger Jahre, waren immer noch alte Zweckbündnisse und Überlebensgemeinschaften, gegründet in kriegsbedingter Not; durch Flucht, Vertreibung und wirtschaftliche Abhängigkeit aneinander geklettet.

Man definierte sich über das von anderen Trennende, über etwas, was die eine Gemeinschaft von der anderen unterschied (Bei uns wird nicht in der Küche gegessen, wie bei den Nachbarn! WIR essen im Wohnzimmer!) was trennte (spiel` nicht mit den Schmuddelkindern …!) und abhob (Wir haben ein Auto/einen Fernseher/können es uns leisten, in Urlaub zu fahren ...).
Es war eine Klassengesellschaft, in der jeder abhängig schien von dem, was das jeweilige private oder berufliche Umfeld dachte oder sagte.
Die Hälfte meiner Schulzeit wurde ich von alten Lehrern unterrichtet, die entweder gar nicht oder permanent vom Krieg erzählten. Die letzten Jahre kamen Junglehrer in die Schulen, die den Unterricht ordentlich aufmischten.
Bei ihnen fühlte mich wohler, denn ich war ein Kind der Sechziger und Siebziger Jahre, ich saugte begierig alles Neue auf und war begeistert, wenn man mich aufforderte, mich auszuprobieren. Ich war die erste und einzige in meiner Familie, die gerne lernte.
Mein Vater war sehr jung gestorben, was blieb, war sein Testament: Seine Mädchen sollten das Abitur machen und selbstbewusste, erfolgreiche Frauen werden.
Leider gab es die Persönlichkeit meiner Mutter nicht her, uns dabei entsprechend zu unterstützen.
Ich machte mein Abitur später, an der Abendschule - als ich neugierig genug war, einzugehen, was Musterbrecherinnen und Grenzüberschreiterinnen geschah, wenn sie dem Anpassungsdruck entkommen, größere Freiräume suchten und sich schaffen wollten.

Es hat Jahrzehnte gebraucht und unzählige Auseinandersetzungen mit meiner Familie gekostet, bis ich so viel eigene Kraft entwickelt hatte, mich der Sogwirkung meines Clans und der darin herrschenden Fremd- und Feindbilder zu entziehen. Die Drohung, von der Familie ausgeschlossen zu werden, war mit schrecklichen Überlebens- und Untergangsängsten verbunden. Oft habe ich mich sehr allein gefühlt: Wie auf einem Floß – ohne Ruder und Segel, den Mächten der Finsternis und der Natur hilflos ausgesetzt …

Ich musste schmerzhafte Lektionen lernen. Der kürzeste Weg jenseits ausgetrampelter Pfade führt über die Enttäuschung: Sobald ich versuchte, über den Tellerrand meiner Familie und meines sozialen Umfeldes hinauszuschauen, wurde ich als „verrücktes Huhn“ lächerlich gemacht, als „naiv“ diffamiert oder als „Egoistin“ hingestellt. Das hat weh getan.
Auch jene Zuschreibungen oder Beurteilungen von Lehrern und später Vorgesetzten, die weniger Beschreibungen meiner Fähigkeiten und Talente enthielten sondern Zeugnisse ihrer Vorurteile über Mädchen, Frauen und weibliche Angestellte waren.
Von ihnen wurde ich nur akzeptiert, wenn ich mich als „nützlich“ erwies: Ausnutzbar, ausbeutbar, willfährig. Sie mochten nur jene Eigenschaften an mir, die ihnen behagten – der Rest konnte ihnen gestohlen bleiben, der wurde als "aufmüpfig“ und "eigenwillig" geahndet.

Ich wusste zwar noch nicht, wer ich war und daher nicht immer, was genau ich wollte – doch in einem war ich mir sicher: Diese von anderen als "unerwünscht" bezeichneten Persönlichkeits-Anteile gehörten auch zu mir: Meine unbestimmte Sehnsucht nach einer Bildung und Ausbildung, die positive Herausforderung war, statt Pflichtlektüre und Willfährigkeit, mein Wunsch nach Abenteuern und Entdeckungen, künstlerischem Ausdruck und Erweiterung meines Horizontes …
Niemand schien zu verstehen, dass ich andere Erfahrungen suchte und brauchte, als nur die meiner Familie und ihres sozialen Umfeldes, das bereits definiert hatte, wer ich angeblich war – und wie ich in Zukunft sein würde.

Mir blieb keine Wahl, als die Mauern zu durchbrechen, die sie errichtet hatten und Absagen an sie zu formulieren, an ihre Nachkriegs-Mentalität und die damit verbundenen, autoritären Leitungssysteme, die sie erschaffen hatten, um mich nach ihrem Gusto zu „formen“ und mich ins Korsett ihrer Wertvorstellungen und Wünsche zu pressen.

Prä- und postpubertäre Ablösungsprozesse von der Familie gestalteten sich schmerzhaft, langwierig und zäh. Traurig musste ich einsehen, dass es eine bedingungslose Liebe de facto nicht gab – und ich inzwischen alt genug war, um einzusehen, dass es sie in meiner Familie auch nie geben würde.
Dieses Paradies war verloren, der Weg dorthin für immer versperrt.
Das galt es zu betrauern, anzunehmen und zu akzeptieren.

Unbequeme, schmerzhafte Fragen quälten mich: Was, wenn ich nicht so war, wie andere mich haben wollten? Was geschähe, wenn ich so traurig, verwirrt, ängstlich, einsam, eifersüchtig, wütend …vor ihnen stehen würde, wie ich mich oft im Inneren und Stillen tatsächlich fühlte?
Die Frage drängte sich auf: Was, wenn ich mal nicht die Erfolgreiche, Verständnisvolle, stets Verfügbare, Stille, Souveräne …bin, die ich vorgebe zu sein? Wenn ich ihre Regeln und Gebote, ihre Zuschreibungen und Ansprüche nicht erfülle - werden sie mich dann noch mögen und lieben?

Rebellische Phasen der Abgrenzung begannen und lösten sich ab, als mich traute, mich in „unmögliche“ Freunde zu verlieben, „ungewöhnliche“ Männer zu heiraten, mich vom „Richtigen“ zu trennen und mit den „falschen“ Verhältnisse zu haben.
Als ich begann, auszusprechen und zu formulieren, was mir suspekt schien und verwarf, was andere ungeprüft für gut befanden.
Immer öfter traute ich mich Dinge, die keiner für möglich gehalten hatte – am Wenigsten ich selbst. Neue Wege versprachen oft Weiterentwicklung – und stellten sich im Nachhinein nur als ein weiteres, neues Korsett aus Bildung und Anpassung dar. Doch stets bedeuteten neue Wege auch neue Erfahrungen und andere Wir-Erlebnisse.
Ich war sicher nicht die Mutigste – aber oft die Verzweifeltste, wenn es darum ging, alte
Strukturen und Muster zu durchbrechen.

Indem ich – mittels Hilfe und Unterstützung von Beziehungen und damit verbundenen, neuen Freunden, anderen sozialen Umfeldern - andere Persönlichkeits-Anteile an mir entdeckte und entfaltete, bekam ich den Hauch einer Ahnung: Es gab immer mehr Tiefgang, intellektuelle Fähigkeiten, Fantasie, Kreativität, Eigenwilligkeit, Einzigartigkeit zu entdecken …was sich bisher nicht herausgewagt hatte – aus Angst, umgehend im Keim erstickt, belächelt, totgeschwiegen oder miesgemacht zu werden.

Ich habe verlassen – weil ich zuvor oft verlassen worden bin. Jede Trennung von einem Mann, jede Absage an eine Beziehung, war eine Neuinszenierung des Sterbens alter Persönlichkeitsstrukturen, wie ich sie erlebt hatte, als ich aus meinen Kleinmädchenkleidern und – Träumen herausgewachsen war.
Jedes Alleingelassenwerden fühlte sich an wie Verrat, jeder Treuebruch wie eine Absage an mich, meine Persönlichkeit. Jede Scheidung fühlte sich erst einmal an wie das Scheitern von Beziehungsfähigkeit.
Das Paradies war verloren, dieses Schlaraffenland unbedingter Liebe und Annahme.
Erst später stellte ich fest: Es war nicht mehr nötig. Ich war erwachsen geworden und musste auch nicht mehr „bedingungslos“ geliebt werden.
Es reichte, dass ich so leben konnte, wie ich es wollte, dass ich meine eigenen Gefühle wahrnehmen und zum Ausdruck bringen durfte und konnte – vor allem jene, die meiner Familie oder meinen Ehemännern nicht „genehm“ oder „too much“ waren. All jene Emotionen und Verhaltensweisen, die anderen „unerwünscht“ und von mir als „tabu“ erklärt wurden: Furcht, Schwäche, Kritik, Zweifel, Wut, Trauer, Ohnmacht … und jene, für die ich einst gehänselt, verspottet, verprügelt, angeschrien, ausgelacht, gedemütigt wurde: Angst, Schwäche, Unvermögen, Trotz, Widerstand, Widerworte, Eigensinn …

Als ich mit meiner Familie, meinen Ehemännern, meinen Vorgesetzten … mit dem Verstand sauber abgerechnet hatte, kam auf den Beziehungskonten unterm Strich gleich viel Guthaben wie Schulden heraus. Ich fand: Gut, dann sind wir jetzt quitt, trennen wir uns!
Doch zerstoßene Herzen und alte Wunden heilen anders. Die Seele will nicht aufrechnen, Schuld zuweisen, eine Schuld gegen die andere abwägen – die Seele sehnt sich nach Bewusstwerdung, Versöhnung, Befreiung.
Wirkliche Reflektion und bewusste, ehrliche Innenschau verlangt alles von dir – und es gibt keine Noten dafür. Es gibt keine „richtigen“ Erkenntnisse, keine unzweifelhaften „Wirklichkeiten“ – wir haben immer nur den Erkenntnisstand, den wir jetzt, hier und heute haben.
Altem Leid muss behutsam auf- und nachgespürt werden, lange unterdrückter Schmerz will bewusst angenommen und gefühlt werden: Die Wut und Verzweiflung des missbrauchten, benutzten, alleingelassenen, lieblos und verständnislos behandelten eigenen, inneren Kindes.
Die Scham und Ohnmacht des kleinen Mädchens vor den ehemals starken und übermächtigen Erwachsenen. Empfindungen und Gedanken, Wertesysteme müssen transformiert und erneuert werden – bevor die Eltern alt, zittrig, kleinlaut – oder selbstgerecht, verurteilend, ablehnend, mürrisch und verbockt schweigend vor der erwachsenen Frau stehen.

Empathie mit den eigenen, fehlbaren, schwachen Eltern braucht seine Zeit - bis das Interesse erwacht an der Geschichte der eigenen Eltern, der Tragik und den Traumen ihrer eigenen Kindheit, in der sie, schutzlos wie wir es gewesen sind, selbst ihren übermächtigen Eltern und einer Welt ausgeliefert waren, in der auch sie oft nicht verstanden wurden …
.
Jede Heilung braucht ihre Zeit – und benötigt individuelle Mittel und Methoden.
Meine Heilung begann, als ich mich von der Familie ab – und mir selbst zuwenden konnte. Doch mich selbst zu entdecken hieß immer auch, meine Familie in mir zu entdecken. Wenn ich mich dem allein gelassenen, unterdrückten, mutlosen, tieftraurigen, an falscher Liebe halb erstickten, mundtot gemachten, mich selbst und meinen Gefühlen und Gedanken misstrauenden, inneren Kind näherte, mich emotional und rational mit mir selbst auseinandersetzte – lernte ich auch jene Wesen besser kennen, die meine Familienmitglieder waren. Mit ihnen galt es, meinen Frieden zu machen – und die gemeinsame Vergangenheit aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Ich bin unterwegs, mich selbst zu erkennen:
Die, die ich einst war,
die ich jetzt bin,
die ich sein werde
oder sein könnte –
mit allen ihren Facetten, Stärken, Potentialen, Ressourcen und Defiziten.
Ich bin jetzt das letzte noch lebende Mitglied meiner Primärfamilie. Die Bühne, auf der sich unsere Dramen, Komödien und Tragödien abgespielt haben, ist noch vorhanden - wenn auch die alten Inszenierungen inzwischen verstummt sind.
Nur in meinem Kopf bestehen die erinnerungswerten, schönen Bühnenbilder weiter, in meiner Fantasie und meinen Erinnerungen sind die Akteure immer noch lebendig.
Der Rest ist Geschichte.
Ich lebe noch ein Weilchen und dann sterbe ich auch …

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Dienstag, 23. Januar 2018
Oma Lieschen
Oma Lieschen


Meine ersten Spaziergänge fanden an der Hand meiner Oma statt und meiner ersten Worte lernte ich von ihr. Gut, dass in Niedersachsen so astreines Hochdeutsch gesprochen wurde: Oma Lieschen kannte so tolle Worte wie Bollerwagen, Naseweis, Schlachanfall, Schlachteessen, Schwartemagen, Balkong, Schäselong, Kartong, Ragu Fäng mit Pilze in Worschestersoße …
Mit Oma gemeinsam in die Stadt zu gehen, auf dem Marktplatz einzukaufen oder Verwandte zu besuchen, stellte immer zahlreiche kulinarische Vergnügen in Aussicht: Für Kinder gab es auf dem Wochenmarkt, beim Fleischer, im Milch-und Käseladen, im Reformhaus und beim Kolonialwarenhändler stets Gratis-Kostproben. Falls nicht, wurden geizige Verkäufer eben dazu genötigt:
„Was kosten denn die Kohlraben?“
„Dreißig Pfennig das Stück, Frau Wille.“
„Was, dreißig? Groß sind die ja – bestimmt holzich, nä?“
„Wo denkense hin, Frau Wille: Alles frisch vom Acker und garantiert ganz zart!“
„Na, dann lassense doch mal die Kleine `n Stück probiern, das Kind freut sich.“
„Ja, wen haben wir denn da? Eine kleine Nachzüglerin, Frau Wille?“
„Um Gottes Willen,: das ist Inge ihre Kleine.“
„Und schon so groß!? Wie die Zeit vergeht, nä, Frau Wille?“
„Da sagense was!“

Vom Wochenmarkt aus ging' s weiter, quer durch die Stadt, Verwandte besuchen. Aber Oma wollte erst eine Bratwurst, im Bratwurst-Glöckl essen: „Du hast doch sicher Hunger, nä, Kind? Soll die Omma dir 'ne Bratwurst spendieren?“.
„Biste satt? Gut. Dann gehen wir jetzt nach Tante Alwine. Nee Kind, nich' übern Bäckerwall, wo die Enten sind, das ist „um“ – wir machen 'ne Abkürzung und gehn gleich übern Schulhof vonne Pestalozzi-Schule. Ja, ich weiß, Kind: Ist eigentlich verboten. Aber die Kinder sind ja jetzt nich da.
Siehste: Da oben ist Alwine ihr Küchenfenster! Jetzt rufen wir mal gaanz laut: Alwiiineee!
Komisch: Kuckt keiner. Dann is die wohl kurz wech ... Macht nix: Wir gehen jetzt anne Häger Mauer lang nach Tante Anna: Heute ist Markt, da backt die Anna ..."

Meine ganze Welt war voller Tanten: Meine Oma hatte dreizehn Geschwister - und Tante Anna war die mit dem Plumpsklo auf dem Hof. Vor dem fürchtete ich mich wie vor nichts anderem. Lieber ließ ich es über mich ergehen, öffentlich von meiner Oma über Brennnesseln am Gebüsch abgehalten zu werden, als meinen nackten Po über das stinkende Loch des Grauens im Hof von Tante Annas altem Fachwerkhaus zu halten …
Tante Anna war ganz in Ordnung. Die kochte und backte gerne, wie meine Oma. Aber nur fast so gut. Auch die anderen Schwestern: Tante Emma, Tante Minna, Tante Lina, Tante Martha, Tante Johanne , Tante Alwine waren kinderliebe, lebensfrohe Frauen. Wenn sie nicht gerade untereinander zerstritten waren. Und das kam häufiger vor. Aber Blut war immer dicker als Wasser, also vertrugen sich die Streithennen irgendwann wieder – spätestens aber bei der nächsten Beerdigung.

Wenn es nach meiner Oma gegangen wäre, hätte unsere kleine, heile Welt nur aus Familie bestanden:„Was streunste immer durchs Haus, Kind? Nachbarn sagt man „Guten Tach und guten Wech!“ und klingelt die nich auße Küche.“
„Ich will doch nur Frau Engelhard ihre Wohnung ankucken, Omma!“
„Warum das denn?“
„ Weil es da anders aussieht und anders riecht. Bei Frau Hahnelt, riecht es so schön nach Muckefuck, bei Wasmanns nach Brause …“
„Paperlapapp! Kinder gehören in ihr Kinderzimmer. Du hast so' n schönes Zimmer - und ganz für dich alleine. Wir hatten so was nich früher. Ich musste mit Alwine zusammen schlafen: In ein Bett! Und Morgens, vore Schule, musste ich Schuhe putzen gehen, Eier und Milch hinbringen nach die Villa Stukenbrok …
Geh lieber anne frische Luft, Kind. Warum gehste nich aufn Spielplatz?“
„Ich hab Angst über die Straße …“
„Quatsch: Oma kuckt aus' m Fenster, ob kein Auto kommt.“

Für meine Oma gab es zahlreiche Parallel-Welten, die nebeneinander existierten: Die der Erwachsenen. Die der Kinder. Die der eigenen Familie, des Clans – zu der auch Schwippschwager und angeheiratete Kusinen gehörten. Die der Nachbarn und „Bekannten“, die man aus Vereinen oder von gemeinsamen Unternehmungen her kannte. Die der „Autoritätspersonen“: Ärzte, Pfarrer, Polizisten und Beamte ... Und in jeder dieser Welten galten Regeln, denen man sich anzupassen und entsprechend zu benehmen hatten.
Für meine Mutter gab es neben familiären Verpflichtungen umfangreiche Kontakte mit zahlreichen „Freunden und Freundinnen des Hauses“, die sie regelmäßig traf und mit denen sie gerne feierte – ein Umstand, den meine Oma nicht gerne sah, aber tolerieren musste, wenn sie zusammen mit ihrer Tochter und ihren Kindern wohnen wollte. Freundschaften zu knüpfen, sich ohne triftigen Grund gegenseitig zu besuchen war Omas Sache nicht: Reine Zeitverschwendung und unnötiges Palaver. Wenn sie schon gesellig sein musste, dann nur bei gegebenen Anlässen: Geburtstage, Feiertage, Konfirmationen, Hochzeiten oder Beerdigungen.
Dann lief Oma Lieschen zu Höchstform auf, marschierte bereits in der Frühe, zwischen Tag und Tau los, um der jeweiligen, vom festlichen Anlass betroffenen Hausfrau in der Küche beizustehen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie das Küchenkommando übernommen und wuppte souverän die Beköstigung der Gäste – wobei sie die Hausfrau aus ihrer eigenen Küche heraus komplimentierte, damit die beim Familienfest auch ein wenig mitfeiern konnte. Wenn meine Oma dann spätabends, nach vielen verschwitzten Stunden am Herd, in ihrer Kochschürze von den Gästen ins Wohnzimmer genötigt und mit Applaus und Schnäpschen bedacht wurde, war ihr das Lohn genug.

Bei uns Zuhause war meine Oma – auch wenn sie an der Nähmaschine saß, häkelte oder mit Gobelinstich den Stramin für Kissenbezüge bestickte – gedanklich überwiegend mit Nahrungsbeschaffung und Menüplanung beschäftigt. Samstag Abend, wenn sich die Familienmitglieder vor dem Fernseher versammelten, um gemeinsam den Edgar-Wallace-Krimi zu gucken und alle den Atem anhielten, wenn Elisabeth Flickenschild hinterrücks vom Halstuchmörder gemeuchelt wurde, konnte meine Oma, mitten hinein in spannendste Momente fragen:
„Wollen wir morgen Schnippelbohnen essen?“
„Oma!“ haben wir, aufrichtig empört gerufen. „Das ist doch egal jetzt!“
Dann hat sie mit den Schultern gezuckt und schweigend weiter gestickt. Um eine halbe Stunde später, als der Halstuchmörder inzwischen noch Margot Trooger gemeuchelt hat und nicht klar war, ob Joachim Fuchsberger den Mörder - vielleicht war es Klaus Kinsky - dingfest machen würde, in die spannungsgeladene Stille hinein laut weiterzudenken:
„… ich könnte auch mal wieder Heringsstipp mit Bratkartoffel machen, da hätte ich jetzt mal `n Jipper drauf …!“
„Oma!“ haben wir aufgestöhnt. „Sei doch still - wir wollen wissen, wer der Mörder ist!“
Dann hat sie schweigend ihr Strickzeug zusammengepackt und mit verschränkten Armen und völligem Desinteresse mit geguckt – und ist innerhalb der nächsten zehn Minuten eingeschlafen. Mit zurückgelehntem Kopf und offenem Mund.
Meine Schwester und ich haben zu ihrem Sessel rüber geguckt, uns gegenseitig angestoßen und uns leise darüber abgerollt, wie Oma, vom Schlaf übermannt, aussah – auch meine Mutter grinste und war froh, dass jetzt keiner mehr ihren Fernsehgenuss störte.
Bis meine Oma anfing, zu schnarchen. Mit immer lauter werdendem Geräuschpegel …
Spätestens wenn Herr Köppke mit den Spätnachrichten kam, zuppelte meine Mutter entnervt an Omas Strickjacke: „Geh doch schlafen, Mutter!“
Oma starrte erschrocken in unsere feixenden Gesichter und knurrte verschlafen: „Man wird ja wohl noch seine Augen entspannen dürfen … von wegen Schnarchen: ICH habe NOCH NIE geschnarcht – das wäre ja noch schöner!“
Tief beleidigt räumte sie ihre Sachen zusammen und ist als erste ins Bad. Doch bevor sie anschließend in ihrem Zimmer verschwand, platzte sie nochmal, bereits im Nachthemd, zu uns ins Wohnzimmer:„… und den Vanillepudding hat hat mal wieder keiner von euch im Kühlschrank gestellt, bei dem Wetter! Muss man sich hier um alles kümmern, wenn man schon den ganzen Tach im Garten schuftet, bis man Hexenschuss kricht, weil einem keiner geholfen hat mit den Erdbeeren?“
Und beim Rausgehen hat sie ordentlich mit der Tür geknallt.
Wir saßen dann wie vom Donner gerührt da, der Fernseh-Abend war hin und wir waren wieder Schuld. Oma Lieschen konnte eine Drama-Queen sein, wenn sie beleidigt war. Doch meistens war sie die lebenspraktische, patente Frau, die wir liebten: Kein Schwimmbadbesuch mit der Familie ohne ihre stets prall gefüllten Proviant-Taschen, keine Wanderung ohne dass Oma Kartoffelsalat und Würstchen, Himbeerbrause und Klopapier eingepackt hätte, kein Schulausflug ohne ihre Stullenpakete mit luftgetrockneter Mettwurst und Harzer Roller … und kein Weihnachtsfest ohne Bratenduft aus dem Backofen ...

Bevor das Fest der Liebe anbrach, hatte meine Oma genüsslich wochen - bis monatelang zuvor im Geiste Beschaffung und Zubereitung der Lebensmittel für das Weihnachts-Menü geplant. Heiligabend gab es immer „Puter mit Klöße und Rotkohl“. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Die sie nur selten von innen gesehen hat. Denn sonntags, zur Gottesdienstzeit – und bei allen christlichen Fest - und Feiertagen hat Oma Lieschen in der Küche gestanden. Um unsere Sonntagsbraten, Konfirmations-Hochzeits-Geburtstags-Oster-Pfingst-Beerdigungs-Weihnachtsessen zu kochen.

Dafür hat meine Oma den besten Platz im Himmel und in meinem Herzen verdient.
Wenn in meinem Leben mal einiges aus dem Ruder läuft, ich mich unglücklich, ungeliebt, hilflos, erfolglos - oder ganz großartig, in Feierlaune, überschwänglich glücklich fühle, dann koche ich immer etwas Gutes.
Doch nie schmeckt es so, wie bei Oma Lieschen.

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Donnerstag, 11. Januar 2018
Kaffeefahrt ins Grauen
Ich hatte eine zwielichtige Vergangenheit: Ich war mal vorübergehend fest angestellt. Eines outgeburnten Tages habe ich festgestellt, dass ein Hamsterrad nur von innen aussieht wie eine Karriereleiter. Deshalb habe ich mir mal eine Auszeit gegönnt: Vollzeit.
Gerade, als ich mich daran gewöhnt hatte, grundentspannt im Strudel gesellschaftlicher Zerstreuung mein selbstbestimmtes Leben zu genießen, ereilte mich eine Einladung zu so einer Kaffeefahrt, sponsored by Germanys next Dschobzänta:: Fly with us to Busy-Island ...!

Von fürsorglichen Hulks mit Wachhunden begleitet, wurden wir Nichtganzfreiwilligen einige Tage später zu den Bussen geleitet, die uns zum Flughafen karrten, wo eine NCBA (Never-Come-Back-Airline) damit beauftragt war, uns wieder ins Land der Werktätigen zu fliegen.
Sobald wir über Busy-Island kreisten, informierte uns der Kapitän über Lautsprecher, dass Flüge „sponored by Germanys next Dschobzänta“ keine punktgenaue Landung beinhalten würden. Für Reisegäste auf den billigen Plätzen, die im Burnout-Valley einchecken wollten, stünden Fallschirme an den Notausgängen bereit.
Nette Flugbegleiterinnen gebärdeten uns zu den Ausgängen und verabreichten uns dort einen High-Heel-Arschtritt zum Freiflug …

Ich hatte Glück: Günstige thermische Bedingungen trugen mich direkt vor meine zukünftige Wirkungsstätte. Morgens um acht Uhr in Deutschland: Die Frisur sitzt!
Was ich für den Moderator einer Verkaufsveranstaltung für Senioren-Heizdecken gehalten hatte, wurde mir als Herr Carstens, Chef des Unternehmens vorgestellt. Mit einem Jack-Nicholson-Lächeln erklärte er mir: „Mädchen, du kannst bei mir in einer Nacht fünfhundert Euronen verdienen - oder in meiner Firma dafür einen ganzen Monat arbeiten …!“
Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit. Das Rot seiner Besetzungscouch vertrug sich einfach nicht mit der Farbe meiner Pumps ...
Sofort wurde Herr Cartsens unverbindlich und wollte Zeugnisse sehen. Und wissen, auf welche Formen menschlichen Leids ich mich spezialisiert habe. Er hoffe, dass ich mich im Arbeitsalltag nicht so mädchenhaft anstellen würde wie die anderen Idiotinnen, mit denen er es täglich zu tun habe.
Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken, kreuzte Zeige- und Mittelfinger, lächelte submissiv-gewinnend und sagte:" Passt schon ..."

Daraufhin verlor er schnell sein Interesse an mir und übergab mich dem Abteilungsleiter, Kai-Uwe Hartmann, der mich mit ruppigem Bundeswehrfeldwebelcharme zu einem Rundgang durch seine heimelige Wirkungsstätte nötigte.
In den Fertigungshallen wullakten nur Frauen, schweigend und mit gesenkten Köpfen. Herr Hartmann referierte nach Gutsherrenart, während er im Vorübergehen das eine oder andere gesenkte Köpfchen kraulte: „Einarbeitungszeit für meine Mitarbeiterinnen in der Regel: Zehn Minuten - wenn sie nicht menstruieren: Fünf Minuten. Wuharrr, hahrrr …!
Bei uns wird reingehauen: Ohne Essen, Trinken, Kacken bis zum Feierabend!“
Dann führte er mich meiner zukünftigen Wirkungsstätte zu, der Büro-Etage. Ein Traum in Beige: Ringsum eierschalenfarbene Bürotristesse!

Nachdem mich Hartmann dort meinem Schicksal überlassen hatte, wisperte mir eine Kollegin in spe zu: "Willkommen! Hier sind wir unter uns. Hartmann glänzt meistens durch Abwesenheit und durch als "Besprechung" getarnte Arbeitsflucht. Wenn der mal da ist, bekommt er laufend hysterische Anfälle von Selbstbezogenheit und Selbstgefälligkeit. Weil er so arm dran ist. Origanalton Kai-Uwe:`NUR Schwachköpfe und Schwächlinge um mich herum - und erst die Weiber: Kopf runter und Maul halten!`
Du musst einfach nur die Ohren anlegen und hoffen, dass der an deiner Box vorübergeht und dich nicht für einen Ausritt satteln und ins Geschirr nehmen will!
Aber pass auf die Petra auf - die hat hier die Rolle des Cowgirls übernommen und treibt für Hartmann die Bürostuten zusammen. In vorauseilendem Gehorsam scharrt sie bereits mit den Hufen, wenn sie ihn mit der Peitsche knallen hört. Die Petra, die macht keine halben Sachen. Die führt aus, was Kai-Uwe nur halbherzig begonnen hat. Petra will nicht gemocht werden. Die weiß genau, dass sie in diesem Zirkusrund nur Kai-Uwe Hartmanns breitärschiger Voltigiergaul ist ..."

Das musste ich erstmal sacken lassen. Unauffällig habe ich mich von der Truppe entfernt und bin unerlaubterweise während der Arbeitszeit aufs Klo gegangen. Leider hat Kai-Uwe mich dort aufgespürt.
Doch er war so freundlich, mich nicht sofort beim Oberboss Carstens anzuschwärzen.
Wenn ich mich dafür artig unter seinem Schreibtisch dafür bedanken würde ...

Was soll ich drum herumreden: Ich hab`s getan.
Und ordentlich zu gebissen.
Hat `ne ganze Weile gedauert, bis Herr Hartmann wieder gesprächsfähig war.
Erstmal war er lange draußen - Eis holen. Zum Kühlen ...
Und weil ich mich ein wenig gelangweilt habe, so ganz allein in seinem Büro, habe ich ein wenig an der hausinternen Sprechanlage gespielt:
„Sekretariat Hartmann, Durchsage an alle: Anlässlich seiner Geschlechtsumwandlung gibt Frau Kai-Ute Hartmann allen Angestellten in der Kantine Champagner aus. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten ...“


Alles in allem war das eine super Kaffeefahrt. Die Animateure mit den roten Pappnasen waren echt der Brüller - dass die sich selbst „Jobcoaches“ genannt haben, fand ich sehr, sehr lustig ...


Nachtrag:
Kann mir vielleicht mal jemand sagen, ob ich die Kaffeefahrt-Präsente: Die CD von den Amigos: „Weißt du was du für mich bist?" und die sündhaft teure Heizdecke "Dschobzänta-Träumchen" nun behalten darf – oder ob mir das nächsten Monat von der Grundsicherung als "Zugewinn" abgezogen wird …?

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