Dienstag, 3. September 2019
Mahlzeit!
Mutter hat mich zum Essen eingeladen. Gewissermaßen. Ich nehme eher an, dass aus ihrer überquellenden Gefriertruhe die unterste eingetupperte Ware raus musste …
Bei unserer letzten gemeinsamen Inspektion dieser Truhe des Grauens schritt ich gerade rigoros zur Tat, um alle Eisblöcke ohne erkennbares Haltbarkeitsdatum zu entsorgen. Doch meine Mutter hat sich dermaßen lautstark in Rage gezetert und theatralisch schützend über ihre Gefriertruhe geworfen - dass die Nachbarn an die Tür geklopft haben, weil sie dachten, Mutter würde geschlagen …
Im Beisein von Zeugen musste ich ihr in die Hand versprechen, dass ich niemals wieder in ihrem wohlgeordnetem Haushalt etwas anrühren und entsorgen werde – es sei denn, sie hat es mir aufgetragen ...
Muss ich erwähnen, wie mich die Nachbarn dabei angesehen haben?
Nachdem Mutter mir mein Versprechen abgerungen hatte, stöhnte und weinte sie noch ein Weilchen publikumswirksam vor sich hin. Als die Nachbarn gegangen waren, trocknete sie ihre Tränen, sah mich beleidigt an und schniefte: „ Lebensmittel schmeißt man doch nicht weg – das hat doch alles Geld gekostet, Kind!“

Nee. Ist klar: Abgelaufene Lebensmittel entsorgt man so: Man bekocht ahnungslose Opfer damit. Engste Verwandte zum Beispiel. Wenn ich bei meiner Mutter zum Essen eingeladen werde, klingeln bei mir die Alarm-Glocken: Es ist wieder so weit! Mutter ist im Keller gewesen und hat ihre Konserven durchgesehen …

Ich bin also zum Essen eingeladen. Quasi. Ich hab' ja keine Wahl. Ich bin ihr Kind, ich muss sie liebhaben ...
Obwohl ich Angst vor der Antwort habe, frage ich – mit Blick auf das, was gerade in der Küche abtaut:„Kann es sein, Mutter, dass du mir wieder deine Resteverwertung als tolle Einladung verkauft hast?“
„Das ist gutes Kalbfleisch, das war teuer !“ entrüstet sie sich. "Und der Fisch ...!"
„Lachs oder Forelle?“
"Ich kann es erst endgültig sagen, wenn der Klumpen abgetaut ist …“
„Igitt, den kannst du alleine essen, Mama!“
Unverhofft wechselte sie zum Frontal-Angriff:„ Früher warst du nicht so heikel mit dem Essen, Frollein!“
Als Kind ist man noch naiv – und glaubt, das die eigene Mutter stets alles richtig macht ...
Meine jetzige Mutter hält mir in larmoyantem Tonfall eine Strafpredigt: Über die Verschwendung von Lebensmitteln im Allgemeinen - und meine im Besonderen …
Ich lege mein Handy auf den Küchentisch, schneide Zwiebeln für das Mittagessen, setzte Nudelwasser auf, gieße Blumen ... Als ich fertig bin, kommt Mutter auch langsam zum Ende: „... und immer war mein Essen gut genug für dich!“Geräuschvolles Schnäuzen ins Taschentuch."Wenn du den Krieg erlebt hättest wie ich, wärst du froh, so gutes Essen zu kriegen! Ihr seid heutzutage alle so verwöhnt ...! Du hast dich verändert, Kind. Und nicht zum Guten!“

Ich reagiere mit schlechtem Gewissen - wie der Pawlowsche Hund mit Speichelfluss. Seit Kindertagen versteht sich meine Mutter darin, auf der Klaviatur meiner Emotionen Tango zu spielen.
„War nicht böse gemeint, Mama. Ich mach` mir einfach Sorgen um deine Gesundheit“ und leise: „... und um meine!“
„Jetzt hör' aber auf: Ich koche seit so vielen Jahren – und weiß, wann Lebensmittel schlecht sind. Zum Beispiel dieses eklige Fleisch, was du mir in diesem Nobelrestaurant andrehen wolltest …“
„Das war ein Dry Aged Steak aus einem Fleischreifeschrank!“ bölke ich entnervt. "Das muss so – und ist sauteuer!“
„Ach was. Das sah aus wie ... Aas. So dunkel und trocken, geh' mir wech!“ antwortet sie ungerührt und kellt mir ungefragt Kartoffelbrei auf meinen Teller.

Sobald ich die Seniorenwohnung meiner Mutter betrete, mutiere ich für sie zur Erstklässlerin: Zur Begrüßung werde ich angeraunzt, die schmutzigen Schuhe auszuziehen – die de facto neu und sauber sind. Kommentarlos werden mir gefilzte Senioren-Puschen vor die nackten Füße geklatscht. Dann erwartet sie, dass ich mich nützlich mache. Aber nicht nützlich, wie ich es gerne würde - sondern so, wie sie es mir vorschreibt.
Der Tisch muss mit ihren grauenhaft kitschigen Platzdeckchen gedeckt werden, mit den „guten“ Gläsern und dem „guten“ Geschirr … während Mutter hausfraulich-geschäftig wie ein aufgezogenes Duracell - Häschen in ihrer Küche herum wuselt. Obwohl sie de facto nur aufgetaute, vorgekochte Lebensmittel warm macht oder Dosen öffnet.

„Und zum Nachtisch gibt `s Vanillepudding!“ ruft sie, Beifall erheischend, aus der Küche. „Den magst du doch so gerne!“
Mein Gott, ich bin fünfzig – und Lactose-Intolerant! denke ich schaudernd.
„Du isst ja gar nichts von dem Gurkensalat, der ist mit saurer Sahne!“ sagt sie und guckt wie eine beleidigte Sterneköchin.
„Ich vertrage keine Sahne, Mama!“
„Seit wann das denn?“
„Seit … immer.“
Sobald ich an Mutters Tisch sitze, erwartet sie, dass ich in Duldungsstarre esse, was auf den Tisch kommt. Wie früher: Pudding mit Haut. Gurkensalat in fetter Sahne – die letzte Woche noch süße Sahne war. Auf dem Kuchen. Der inzwischen zu einem keksartigen Gebilde im Brotkasten zusammengeschrumpft ist. Den gibt es sicher später, zum Kaffee …

Nach dem Essen ist Mutter erschöpft. Und macht keinen Hehl daraus, dass das von den Mühen herrührt, die eine alte Mutter auf sich genommen hat, für ihre Tochter ein Vier-Gänge-Menü zu kochen.
Ich rülpse dezent mein Sodbrennen weg und heuchele satte Zufriedenheit – und das ich gerne den Abwasch mache und nebenher ihr Küchen-Chaos beseitige, das sie beim Kochen veranstaltet hat.
Während Mutter auf der Couch liegt und schnarcht, durchforste ich leise fluchend die Küchenschränke nach dem Spülmittel. Sicher hat sie das wieder versteckt. Weil ich zu viel davon verbrauche, wenn ich spüle. Sagt Mutter …
Auf meiner Suche entdecke ich weitere Lebensmittel-Notfälle: Verschrumpeltes Obst als Fruchtfliegenbrut- und Sterbestätte, eine Tüte hartes, angeschimmeltes Brot … und im Backofen stoße ich auf fett-verkrustete Backbleche ...
Alles muss leise, schnell und unauffällig entsorgt werden. Danach folgt eine Grundreinigung von Mutters Küchenschränken und dem Kühlschrank. Während die Backbleche in der Badewanne einweichen und ihre Kukident - Tabs die Grünalgen im Wasserbehälter der Kaffeemaschine wegsprudeln, schaffe ich es an guten Tagen, noch die Böden zu wischen, Staub zu saugen und zwei Maschinen Wäsche zu waschen …
Bis Mutter sich im Wohnzimmer regt und nach Kaffee verlangt. Als ich ihren harten Kuchen nicht essen mag, sieht sie mich besorgt an und sagt: „Du siehst blass aus, Kind. Das kommt daher, dass du dir nie was Anständiges kochst!“

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