Donnerstag, 11. Januar 2018
Kaffeefahrt ins Grauen
Ich hatte eine zwielichtige Vergangenheit: Ich war mal vorübergehend fest angestellt. Eines outgeburnten Tages habe ich festgestellt, dass ein Hamsterrad nur von innen aussieht wie eine Karriereleiter. Deshalb habe ich mir mal eine Auszeit gegönnt: Vollzeit.
Gerade, als ich mich daran gewöhnt hatte, grundentspannt im Strudel gesellschaftlicher Zerstreuung mein selbstbestimmtes Leben zu genießen, ereilte mich eine Einladung zu so einer Kaffeefahrt, sponsored by Germanys next Dschobzänta:: Fly with us to Busy-Island ...!

Von fürsorglichen Hulks mit Wachhunden begleitet, wurden wir Nichtganzfreiwilligen einige Tage später zu den Bussen geleitet, die uns zum Flughafen karrten, wo eine NCBA (Never-Come-Back-Airline) damit beauftragt war, uns wieder ins Land der Werktätigen zu fliegen.
Sobald wir über Busy-Island kreisten, informierte uns der Kapitän über Lautsprecher, dass Flüge „sponored by Germanys next Dschobzänta“ keine punktgenaue Landung beinhalten würden. Für Reisegäste auf den billigen Plätzen, die im Burnout-Valley einchecken wollten, stünden Fallschirme an den Notausgängen bereit.
Nette Flugbegleiterinnen gebärdeten uns zu den Ausgängen und verabreichten uns dort einen High-Heel-Arschtritt zum Freiflug …

Ich hatte Glück: Günstige thermische Bedingungen trugen mich direkt vor meine zukünftige Wirkungsstätte. Morgens um acht Uhr in Deutschland: Die Frisur sitzt!
Was ich für den Moderator einer Verkaufsveranstaltung für Senioren-Heizdecken gehalten hatte, wurde mir als Herr Carstens, Chef des Unternehmens vorgestellt. Mit einem Jack-Nicholson-Lächeln erklärte er mir: „Mädchen, du kannst bei mir in einer Nacht fünfhundert Euronen verdienen - oder in meiner Firma dafür einen ganzen Monat arbeiten …!“
Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit. Das Rot seiner Besetzungscouch vertrug sich einfach nicht mit der Farbe meiner Pumps ...
Sofort wurde Herr Cartsens unverbindlich und wollte Zeugnisse sehen. Und wissen, auf welche Formen menschlichen Leids ich mich spezialisiert habe. Er hoffe, dass ich mich im Arbeitsalltag nicht so mädchenhaft anstellen würde wie die anderen Idiotinnen, mit denen er es täglich zu tun habe.
Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken, kreuzte Zeige- und Mittelfinger, lächelte submissiv-gewinnend und sagte:" Passt schon ..."

Daraufhin verlor er schnell sein Interesse an mir und übergab mich dem Abteilungsleiter, Kai-Uwe Hartmann, der mich mit ruppigem Bundeswehrfeldwebelcharme zu einem Rundgang durch seine heimelige Wirkungsstätte nötigte.
In den Fertigungshallen wullakten nur Frauen, schweigend und mit gesenkten Köpfen. Herr Hartmann referierte nach Gutsherrenart, während er im Vorübergehen das eine oder andere gesenkte Köpfchen kraulte: „Einarbeitungszeit für meine Mitarbeiterinnen in der Regel: Zehn Minuten - wenn sie nicht menstruieren: Fünf Minuten. Wuharrr, hahrrr …!
Bei uns wird reingehauen: Ohne Essen, Trinken, Kacken bis zum Feierabend!“
Dann führte er mich meiner zukünftigen Wirkungsstätte zu, der Büro-Etage. Ein Traum in Beige: Ringsum eierschalenfarbene Bürotristesse!

Nachdem mich Hartmann dort meinem Schicksal überlassen hatte, wisperte mir eine Kollegin in spe zu: "Willkommen! Hier sind wir unter uns. Hartmann glänzt meistens durch Abwesenheit und durch als "Besprechung" getarnte Arbeitsflucht. Wenn der mal da ist, bekommt er laufend hysterische Anfälle von Selbstbezogenheit und Selbstgefälligkeit. Weil er so arm dran ist. Origanalton Kai-Uwe:`NUR Schwachköpfe und Schwächlinge um mich herum - und erst die Weiber: Kopf runter und Maul halten!`
Du musst einfach nur die Ohren anlegen und hoffen, dass der an deiner Box vorübergeht und dich nicht für einen Ausritt satteln und ins Geschirr nehmen will!
Aber pass auf die Petra auf - die hat hier die Rolle des Cowgirls übernommen und treibt für Hartmann die Bürostuten zusammen. In vorauseilendem Gehorsam scharrt sie bereits mit den Hufen, wenn sie ihn mit der Peitsche knallen hört. Die Petra, die macht keine halben Sachen. Die führt aus, was Kai-Uwe nur halbherzig begonnen hat. Petra will nicht gemocht werden. Die weiß genau, dass sie in diesem Zirkusrund nur Kai-Uwe Hartmanns breitärschiger Voltigiergaul ist ..."

Das musste ich erstmal sacken lassen. Unauffällig habe ich mich von der Truppe entfernt und bin unerlaubterweise während der Arbeitszeit aufs Klo gegangen. Leider hat Kai-Uwe mich dort aufgespürt.
Doch er war so freundlich, mich nicht sofort beim Oberboss Carstens anzuschwärzen.
Wenn ich mich dafür artig unter seinem Schreibtisch dafür bedanken würde ...

Was soll ich drum herumreden: Ich hab`s getan.
Und ordentlich zu gebissen.
Hat `ne ganze Weile gedauert, bis Herr Hartmann wieder gesprächsfähig war.
Erstmal war er lange draußen - Eis holen. Zum Kühlen ...
Und weil ich mich ein wenig gelangweilt habe, so ganz allein in seinem Büro, habe ich ein wenig an der hausinternen Sprechanlage gespielt:
„Sekretariat Hartmann, Durchsage an alle: Anlässlich seiner Geschlechtsumwandlung gibt Frau Kai-Ute Hartmann allen Angestellten in der Kantine Champagner aus. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten ...“


Alles in allem war das eine super Kaffeefahrt. Die Animateure mit den roten Pappnasen waren echt der Brüller - dass die sich selbst „Jobcoaches“ genannt haben, fand ich sehr, sehr lustig ...


Nachtrag:
Kann mir vielleicht mal jemand sagen, ob ich die Kaffeefahrt-Präsente: Die CD von den Amigos: „Weißt du was du für mich bist?" und die sündhaft teure Heizdecke "Dschobzänta-Träumchen" nun behalten darf – oder ob mir das nächsten Monat von der Grundsicherung als "Zugewinn" abgezogen wird …?

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