Dienstag, 23. Januar 2018
Oma Lieschen
Oma Lieschen


Meine ersten Spaziergänge fanden an der Hand meiner Oma statt und meiner ersten Worte lernte ich von ihr. Gut, dass in Niedersachsen so astreines Hochdeutsch gesprochen wurde: Oma Lieschen kannte so tolle Worte wie Bollerwagen, Naseweis, Schlachanfall, Schlachteessen, Schwartemagen, Balkong, Schäselong, Kartong, Ragu Fäng mit Pilze in Worschestersoße …
Mit Oma gemeinsam in die Stadt zu gehen, auf dem Marktplatz einzukaufen oder Verwandte zu besuchen, stellte immer zahlreiche kulinarische Vergnügen in Aussicht: Für Kinder gab es auf dem Wochenmarkt, beim Fleischer, im Milch-und Käseladen, im Reformhaus und beim Kolonialwarenhändler stets Gratis-Kostproben. Falls nicht, wurden geizige Verkäufer eben dazu genötigt:
„Was kosten denn die Kohlraben?“
„Dreißig Pfennig das Stück, Frau Wille.“
„Was, dreißig? Groß sind die ja – bestimmt holzich, nä?“
„Wo denkense hin, Frau Wille: Alles frisch vom Acker und garantiert ganz zart!“
„Na, dann lassense doch mal die Kleine `n Stück probiern, das Kind freut sich.“
„Ja, wen haben wir denn da? Eine kleine Nachzüglerin, Frau Wille?“
„Um Gottes Willen,: das ist Inge ihre Kleine.“
„Und schon so groß!? Wie die Zeit vergeht, nä, Frau Wille?“
„Da sagense was!“

Vom Wochenmarkt aus ging' s weiter, quer durch die Stadt, Verwandte besuchen. Aber Oma wollte erst eine Bratwurst, im Bratwurst-Glöckl essen: „Du hast doch sicher Hunger, nä, Kind? Soll die Omma dir 'ne Bratwurst spendieren?“.
„Biste satt? Gut. Dann gehen wir jetzt nach Tante Alwine. Nee Kind, nich' übern Bäckerwall, wo die Enten sind, das ist „um“ – wir machen 'ne Abkürzung und gehn gleich übern Schulhof vonne Pestalozzi-Schule. Ja, ich weiß, Kind: Ist eigentlich verboten. Aber die Kinder sind ja jetzt nich da.
Siehste: Da oben ist Alwine ihr Küchenfenster! Jetzt rufen wir mal gaanz laut: Alwiiineee!
Komisch: Kuckt keiner. Dann is die wohl kurz wech ... Macht nix: Wir gehen jetzt anne Häger Mauer lang nach Tante Anna: Heute ist Markt, da backt die Anna ..."

Meine ganze Welt war voller Tanten: Meine Oma hatte dreizehn Geschwister - und Tante Anna war die mit dem Plumpsklo auf dem Hof. Vor dem fürchtete ich mich wie vor nichts anderem. Lieber ließ ich es über mich ergehen, öffentlich von meiner Oma über Brennnesseln am Gebüsch abgehalten zu werden, als meinen nackten Po über das stinkende Loch des Grauens im Hof von Tante Annas altem Fachwerkhaus zu halten …
Tante Anna war ganz in Ordnung. Die kochte und backte gerne, wie meine Oma. Aber nur fast so gut. Auch die anderen Schwestern: Tante Emma, Tante Minna, Tante Lina, Tante Martha, Tante Johanne , Tante Alwine waren kinderliebe, lebensfrohe Frauen. Wenn sie nicht gerade untereinander zerstritten waren. Und das kam häufiger vor. Aber Blut war immer dicker als Wasser, also vertrugen sich die Streithennen irgendwann wieder – spätestens aber bei der nächsten Beerdigung.

Wenn es nach meiner Oma gegangen wäre, hätte unsere kleine, heile Welt nur aus Familie bestanden:„Was streunste immer durchs Haus, Kind? Nachbarn sagt man „Guten Tach und guten Wech!“ und klingelt die nich auße Küche.“
„Ich will doch nur Frau Engelhard ihre Wohnung ankucken, Omma!“
„Warum das denn?“
„ Weil es da anders aussieht und anders riecht. Bei Frau Hahnelt, riecht es so schön nach Muckefuck, bei Wasmanns nach Brause …“
„Paperlapapp! Kinder gehören in ihr Kinderzimmer. Du hast so' n schönes Zimmer - und ganz für dich alleine. Wir hatten so was nich früher. Ich musste mit Alwine zusammen schlafen: In ein Bett! Und Morgens, vore Schule, musste ich Schuhe putzen gehen, Eier und Milch hinbringen nach die Villa Stukenbrok …
Geh lieber anne frische Luft, Kind. Warum gehste nich aufn Spielplatz?“
„Ich hab Angst über die Straße …“
„Quatsch: Oma kuckt aus' m Fenster, ob kein Auto kommt.“

Für meine Oma gab es zahlreiche Parallel-Welten, die nebeneinander existierten: Die der Erwachsenen. Die der Kinder. Die der eigenen Familie, des Clans – zu der auch Schwippschwager und angeheiratete Kusinen gehörten. Die der Nachbarn und „Bekannten“, die man aus Vereinen oder von gemeinsamen Unternehmungen her kannte. Die der „Autoritätspersonen“: Ärzte, Pfarrer, Polizisten und Beamte ... Und in jeder dieser Welten galten Regeln, denen man sich anzupassen und entsprechend zu benehmen hatten.
Für meine Mutter gab es neben familiären Verpflichtungen umfangreiche Kontakte mit zahlreichen „Freunden und Freundinnen des Hauses“, die sie regelmäßig traf und mit denen sie gerne feierte – ein Umstand, den meine Oma nicht gerne sah, aber tolerieren musste, wenn sie zusammen mit ihrer Tochter und ihren Kindern wohnen wollte. Freundschaften zu knüpfen, sich ohne triftigen Grund gegenseitig zu besuchen war Omas Sache nicht: Reine Zeitverschwendung und unnötiges Palaver. Wenn sie schon gesellig sein musste, dann nur bei gegebenen Anlässen: Geburtstage, Feiertage, Konfirmationen, Hochzeiten oder Beerdigungen.
Dann lief Oma Lieschen zu Höchstform auf, marschierte bereits in der Frühe, zwischen Tag und Tau los, um der jeweiligen, vom festlichen Anlass betroffenen Hausfrau in der Küche beizustehen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie das Küchenkommando übernommen und wuppte souverän die Beköstigung der Gäste – wobei sie die Hausfrau aus ihrer eigenen Küche heraus komplimentierte, damit die beim Familienfest auch ein wenig mitfeiern konnte. Wenn meine Oma dann spätabends, nach vielen verschwitzten Stunden am Herd, in ihrer Kochschürze von den Gästen ins Wohnzimmer genötigt und mit Applaus und Schnäpschen bedacht wurde, war ihr das Lohn genug.

Bei uns Zuhause war meine Oma – auch wenn sie an der Nähmaschine saß, häkelte oder mit Gobelinstich den Stramin für Kissenbezüge bestickte – gedanklich überwiegend mit Nahrungsbeschaffung und Menüplanung beschäftigt. Samstag Abend, wenn sich die Familienmitglieder vor dem Fernseher versammelten, um gemeinsam den Edgar-Wallace-Krimi zu gucken und alle den Atem anhielten, wenn Elisabeth Flickenschild hinterrücks vom Halstuchmörder gemeuchelt wurde, konnte meine Oma, mitten hinein in spannendste Momente fragen:
„Wollen wir morgen Schnippelbohnen essen?“
„Oma!“ haben wir, aufrichtig empört gerufen. „Das ist doch egal jetzt!“
Dann hat sie mit den Schultern gezuckt und schweigend weiter gestickt. Um eine halbe Stunde später, als der Halstuchmörder inzwischen noch Margot Trooger gemeuchelt hat und nicht klar war, ob Joachim Fuchsberger den Mörder - vielleicht war es Klaus Kinsky - dingfest machen würde, in die spannungsgeladene Stille hinein laut weiterzudenken:
„… ich könnte auch mal wieder Heringsstipp mit Bratkartoffel machen, da hätte ich jetzt mal `n Jipper drauf …!“
„Oma!“ haben wir aufgestöhnt. „Sei doch still - wir wollen wissen, wer der Mörder ist!“
Dann hat sie schweigend ihr Strickzeug zusammengepackt und mit verschränkten Armen und völligem Desinteresse mit geguckt – und ist innerhalb der nächsten zehn Minuten eingeschlafen. Mit zurückgelehntem Kopf und offenem Mund.
Meine Schwester und ich haben zu ihrem Sessel rüber geguckt, uns gegenseitig angestoßen und uns leise darüber abgerollt, wie Oma, vom Schlaf übermannt, aussah – auch meine Mutter grinste und war froh, dass jetzt keiner mehr ihren Fernsehgenuss störte.
Bis meine Oma anfing, zu schnarchen. Mit immer lauter werdendem Geräuschpegel …
Spätestens wenn Herr Köppke mit den Spätnachrichten kam, zuppelte meine Mutter entnervt an Omas Strickjacke: „Geh doch schlafen, Mutter!“
Oma starrte erschrocken in unsere feixenden Gesichter und knurrte verschlafen: „Man wird ja wohl noch seine Augen entspannen dürfen … von wegen Schnarchen: ICH habe NOCH NIE geschnarcht – das wäre ja noch schöner!“
Tief beleidigt räumte sie ihre Sachen zusammen und ist als erste ins Bad. Doch bevor sie anschließend in ihrem Zimmer verschwand, platzte sie nochmal, bereits im Nachthemd, zu uns ins Wohnzimmer:„… und den Vanillepudding hat hat mal wieder keiner von euch im Kühlschrank gestellt, bei dem Wetter! Muss man sich hier um alles kümmern, wenn man schon den ganzen Tach im Garten schuftet, bis man Hexenschuss kricht, weil einem keiner geholfen hat mit den Erdbeeren?“
Und beim Rausgehen hat sie ordentlich mit der Tür geknallt.
Wir saßen dann wie vom Donner gerührt da, der Fernseh-Abend war hin und wir waren wieder Schuld. Oma Lieschen konnte eine Drama-Queen sein, wenn sie beleidigt war. Doch meistens war sie die lebenspraktische, patente Frau, die wir liebten: Kein Schwimmbadbesuch mit der Familie ohne ihre stets prall gefüllten Proviant-Taschen, keine Wanderung ohne dass Oma Kartoffelsalat und Würstchen, Himbeerbrause und Klopapier eingepackt hätte, kein Schulausflug ohne ihre Stullenpakete mit luftgetrockneter Mettwurst und Harzer Roller … und kein Weihnachtsfest ohne Bratenduft aus dem Backofen ...

Bevor das Fest der Liebe anbrach, hatte meine Oma genüsslich wochen - bis monatelang zuvor im Geiste Beschaffung und Zubereitung der Lebensmittel für das Weihnachts-Menü geplant. Heiligabend gab es immer „Puter mit Klöße und Rotkohl“. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Die sie nur selten von innen gesehen hat. Denn sonntags, zur Gottesdienstzeit – und bei allen christlichen Fest - und Feiertagen hat Oma Lieschen in der Küche gestanden. Um unsere Sonntagsbraten, Konfirmations-Hochzeits-Geburtstags-Oster-Pfingst-Beerdigungs-Weihnachtsessen zu kochen.

Dafür hat meine Oma den besten Platz im Himmel und in meinem Herzen verdient.
Wenn in meinem Leben mal einiges aus dem Ruder läuft, ich mich unglücklich, ungeliebt, hilflos, erfolglos - oder ganz großartig, in Feierlaune, überschwänglich glücklich fühle, dann koche ich immer etwas Gutes.
Doch nie schmeckt es so, wie bei Oma Lieschen.

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