Freitag, 26. Januar 2018
Mischpoche
Mischpoche



Wenn Anziehung so funktioniert wie Elektrizität, dann habe ich dauern Licht gemacht - ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das genau funktioniert. Eines ist mir klar geworden: Mit Elektrizität kann man eine Mahlzeit für andere Menschen kochen – oder man kann damit den Menschen selbst kochen …
Als ich lernte, meinen eigenen Wahrnehmungen zu trauen, spürte ich zunächst nur ein undefinierbares, unbestimmtes Sehnen. Mal schien meine Seelenlandschaft ein weites Feld zu sein, mal ein tiefes Wasser, mal eine dunkle Höhle … darunter schwelte eine Höllenangst, dass der gallebittere Grollbrei über den Zwang zur Anpassung eines Tages überkochen und ans Licht kommen könnte.

Als ich damit begann, mich selbst besser wahrzunehmen – statt die Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen anderer und wie ich ihrer Meinung nach sein sollte – begann ich auch, bewusster hin und besser zuzuhören. Zunächst stellte es sich so dar, als sei das, was wir „Familie“ nannten, nur selten ein Hort der Harmonie und des heimeligen Wohlbefindens. Oft waren wir ein erbittertes Streitorchester, das um „Wahrheiten“ stritt, die keine waren, höchstens Beurteilungen einer Wirklichkeit, die jeder anders interpretierte.

Wie jedes Kind hatte ich gelernt, durch Anpassung an die Bedürfnisse und Ideale, Vorstellungen und Rituale, Normen und Werte meiner Primärfamilie mein Überleben zu sichern. In einer Gemeinschaft, die Gehorsam forderte, Aufbegehren unterdrückte und durch Strafen sanktionierte, war ich das jüngste, hilfloseste und schwächste Glied in der Hackordnung. Meine Mutter und ihre Familie wollten ein überangepasstes, „nettes“ Mädchen: Einen „Sonnenschein“ zu ihrer Erbauung, eine brave und dankbare Ablegerin ihrer selbst, nett, fügsam, freundlich und stets zustimmend, altruistisch, eine gute Freundin, eine Hilfe im Alter.
Mein Vater und seine Familie wollten ein erfolgorientiertes, selbstbewusstes, leistungsorientiertes, duchsetzungsfähiges Kind sehen, das sein Abitur machte und es später beruflich nach „oben“ schaffte.
Obwohl beide Werteerwartungen einander diametral entgegengesetzt waren, versuchte ich eine lange Zeit, diesen schwierigen Spagat hinzubekommen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Psychisch und physisch hielt ich die Illusion meiner Zugehörigkeit zur Familie sehr lange aktiv aufrecht - wie die Illusion, bedingungslos geliebt zu werden.

Bei uns Zuhause definierte sich ein Teil der Familie über das, was mal war – bevor Krieg und Schicksal vieles zerstört hatten. Sie hatten immer in der Kleinstadt gelebt und mussten nach dem Krieg nicht mühsam Neues aufbauen – traumatisiert kehrten sie in alte Strukturen zurück und wollte einfach so tun, als sei nichts gewesen …
Der andere Teil hatte im Krieg in Großstädten gelebt und durch Flucht, Heimatlosigkeit, Kriegsverletzung sein altes Leben verloren und musste sich vollkommen neu erfinden und definieren.
Kinder dieser Zeit spürten, dass mit ihren Eltern und Verwandten etwas nicht stimmte – dieses Etwas blieb oft ungesagt, höchst selten wurden Kriegserlebnisse so erzählt wie sie erlebt wurden: Als blanker Horror, als Ausgeliefertsein und als das Unrecht, was Kriege immer sind.
Familien der Nachkriegs-Ära, der Fünfziger Jahre, waren immer noch alte Zweckbündnisse und Überlebensgemeinschaften, gegründet in kriegsbedingter Not; durch Flucht, Vertreibung und wirtschaftliche Abhängigkeit aneinander geklettet.

Man definierte sich über das von anderen Trennende, über etwas, was die eine Gemeinschaft von der anderen unterschied (Bei uns wird nicht in der Küche gegessen, wie bei den Nachbarn! WIR essen im Wohnzimmer!) was trennte (spiel` nicht mit den Schmuddelkindern …!) und abhob (Wir haben ein Auto/einen Fernseher/können es uns leisten, in Urlaub zu fahren ...).
Es war eine Klassengesellschaft, in der jeder abhängig schien von dem, was das jeweilige private oder berufliche Umfeld dachte oder sagte.
Die Hälfte meiner Schulzeit wurde ich von alten Lehrern unterrichtet, die entweder gar nicht oder permanent vom Krieg erzählten. Die letzten Jahre kamen Junglehrer in die Schulen, die den Unterricht ordentlich aufmischten.
Bei ihnen fühlte mich wohler, denn ich war ein Kind der Sechziger und Siebziger Jahre, ich saugte begierig alles Neue auf und war begeistert, wenn man mich aufforderte, mich auszuprobieren. Ich war die erste und einzige in meiner Familie, die gerne lernte.
Mein Vater war sehr jung gestorben, was blieb, war sein Testament: Seine Mädchen sollten das Abitur machen und selbstbewusste, erfolgreiche Frauen werden.
Leider gab es die Persönlichkeit meiner Mutter nicht her, uns dabei entsprechend zu unterstützen.
Ich machte mein Abitur später, an der Abendschule - als ich neugierig genug war, einzugehen, was Musterbrecherinnen und Grenzüberschreiterinnen geschah, wenn sie dem Anpassungsdruck entkommen, größere Freiräume suchten und sich schaffen wollten.

Es hat Jahrzehnte gebraucht und unzählige Auseinandersetzungen mit meiner Familie gekostet, bis ich so viel eigene Kraft entwickelt hatte, mich der Sogwirkung meines Clans und der darin herrschenden Fremd- und Feindbilder zu entziehen. Die Drohung, von der Familie ausgeschlossen zu werden, war mit schrecklichen Überlebens- und Untergangsängsten verbunden. Oft habe ich mich sehr allein gefühlt: Wie auf einem Floß – ohne Ruder und Segel, den Mächten der Finsternis und der Natur hilflos ausgesetzt …

Ich musste schmerzhafte Lektionen lernen. Der kürzeste Weg jenseits ausgetrampelter Pfade führt über die Enttäuschung: Sobald ich versuchte, über den Tellerrand meiner Familie und meines sozialen Umfeldes hinauszuschauen, wurde ich als „verrücktes Huhn“ lächerlich gemacht, als „naiv“ diffamiert oder als „Egoistin“ hingestellt. Das hat weh getan.
Auch jene Zuschreibungen oder Beurteilungen von Lehrern und später Vorgesetzten, die weniger Beschreibungen meiner Fähigkeiten und Talente enthielten sondern Zeugnisse ihrer Vorurteile über Mädchen, Frauen und weibliche Angestellte waren.
Von ihnen wurde ich nur akzeptiert, wenn ich mich als „nützlich“ erwies: Ausnutzbar, ausbeutbar, willfährig. Sie mochten nur jene Eigenschaften an mir, die ihnen behagten – der Rest konnte ihnen gestohlen bleiben, der wurde als "aufmüpfig“ und "eigenwillig" geahndet.

Ich wusste zwar noch nicht, wer ich war und daher nicht immer, was genau ich wollte – doch in einem war ich mir sicher: Diese von anderen als "unerwünscht" bezeichneten Persönlichkeits-Anteile gehörten auch zu mir: Meine unbestimmte Sehnsucht nach einer Bildung und Ausbildung, die positive Herausforderung war, statt Pflichtlektüre und Willfährigkeit, mein Wunsch nach Abenteuern und Entdeckungen, künstlerischem Ausdruck und Erweiterung meines Horizontes …
Niemand schien zu verstehen, dass ich andere Erfahrungen suchte und brauchte, als nur die meiner Familie und ihres sozialen Umfeldes, das bereits definiert hatte, wer ich angeblich war – und wie ich in Zukunft sein würde.

Mir blieb keine Wahl, als die Mauern zu durchbrechen, die sie errichtet hatten und Absagen an sie zu formulieren, an ihre Nachkriegs-Mentalität und die damit verbundenen, autoritären Leitungssysteme, die sie erschaffen hatten, um mich nach ihrem Gusto zu „formen“ und mich ins Korsett ihrer Wertvorstellungen und Wünsche zu pressen.

Prä- und postpubertäre Ablösungsprozesse von der Familie gestalteten sich schmerzhaft, langwierig und zäh. Traurig musste ich einsehen, dass es eine bedingungslose Liebe de facto nicht gab – und ich inzwischen alt genug war, um einzusehen, dass es sie in meiner Familie auch nie geben würde.
Dieses Paradies war verloren, der Weg dorthin für immer versperrt.
Das galt es zu betrauern, anzunehmen und zu akzeptieren.

Unbequeme, schmerzhafte Fragen quälten mich: Was, wenn ich nicht so war, wie andere mich haben wollten? Was geschähe, wenn ich so traurig, verwirrt, ängstlich, einsam, eifersüchtig, wütend …vor ihnen stehen würde, wie ich mich oft im Inneren und Stillen tatsächlich fühlte?
Die Frage drängte sich auf: Was, wenn ich mal nicht die Erfolgreiche, Verständnisvolle, stets Verfügbare, Stille, Souveräne …bin, die ich vorgebe zu sein? Wenn ich ihre Regeln und Gebote, ihre Zuschreibungen und Ansprüche nicht erfülle - werden sie mich dann noch mögen und lieben?

Rebellische Phasen der Abgrenzung begannen und lösten sich ab, als mich traute, mich in „unmögliche“ Freunde zu verlieben, „ungewöhnliche“ Männer zu heiraten, mich vom „Richtigen“ zu trennen und mit den „falschen“ Verhältnisse zu haben.
Als ich begann, auszusprechen und zu formulieren, was mir suspekt schien und verwarf, was andere ungeprüft für gut befanden.
Immer öfter traute ich mich Dinge, die keiner für möglich gehalten hatte – am Wenigsten ich selbst. Neue Wege versprachen oft Weiterentwicklung – und stellten sich im Nachhinein nur als ein weiteres, neues Korsett aus Bildung und Anpassung dar. Doch stets bedeuteten neue Wege auch neue Erfahrungen und andere Wir-Erlebnisse.
Ich war sicher nicht die Mutigste – aber oft die Verzweifeltste, wenn es darum ging, alte
Strukturen und Muster zu durchbrechen.

Indem ich – mittels Hilfe und Unterstützung von Beziehungen und damit verbundenen, neuen Freunden, anderen sozialen Umfeldern - andere Persönlichkeits-Anteile an mir entdeckte und entfaltete, bekam ich den Hauch einer Ahnung: Es gab immer mehr Tiefgang, intellektuelle Fähigkeiten, Fantasie, Kreativität, Eigenwilligkeit, Einzigartigkeit zu entdecken …was sich bisher nicht herausgewagt hatte – aus Angst, umgehend im Keim erstickt, belächelt, totgeschwiegen oder miesgemacht zu werden.

Ich habe verlassen – weil ich zuvor oft verlassen worden bin. Jede Trennung von einem Mann, jede Absage an eine Beziehung, war eine Neuinszenierung des Sterbens alter Persönlichkeitsstrukturen, wie ich sie erlebt hatte, als ich aus meinen Kleinmädchenkleidern und – Träumen herausgewachsen war.
Jedes Alleingelassenwerden fühlte sich an wie Verrat, jeder Treuebruch wie eine Absage an mich, meine Persönlichkeit. Jede Scheidung fühlte sich erst einmal an wie das Scheitern von Beziehungsfähigkeit.
Das Paradies war verloren, dieses Schlaraffenland unbedingter Liebe und Annahme.
Erst später stellte ich fest: Es war nicht mehr nötig. Ich war erwachsen geworden und musste auch nicht mehr „bedingungslos“ geliebt werden.
Es reichte, dass ich so leben konnte, wie ich es wollte, dass ich meine eigenen Gefühle wahrnehmen und zum Ausdruck bringen durfte und konnte – vor allem jene, die meiner Familie oder meinen Ehemännern nicht „genehm“ oder „too much“ waren. All jene Emotionen und Verhaltensweisen, die anderen „unerwünscht“ und von mir als „tabu“ erklärt wurden: Furcht, Schwäche, Kritik, Zweifel, Wut, Trauer, Ohnmacht … und jene, für die ich einst gehänselt, verspottet, verprügelt, angeschrien, ausgelacht, gedemütigt wurde: Angst, Schwäche, Unvermögen, Trotz, Widerstand, Widerworte, Eigensinn …

Als ich mit meiner Familie, meinen Ehemännern, meinen Vorgesetzten … mit dem Verstand sauber abgerechnet hatte, kam auf den Beziehungskonten unterm Strich gleich viel Guthaben wie Schulden heraus. Ich fand: Gut, dann sind wir jetzt quitt, trennen wir uns!
Doch zerstoßene Herzen und alte Wunden heilen anders. Die Seele will nicht aufrechnen, Schuld zuweisen, eine Schuld gegen die andere abwägen – die Seele sehnt sich nach Bewusstwerdung, Versöhnung, Befreiung.
Wirkliche Reflektion und bewusste, ehrliche Innenschau verlangt alles von dir – und es gibt keine Noten dafür. Es gibt keine „richtigen“ Erkenntnisse, keine unzweifelhaften „Wirklichkeiten“ – wir haben immer nur den Erkenntnisstand, den wir jetzt, hier und heute haben.
Altem Leid muss behutsam auf- und nachgespürt werden, lange unterdrückter Schmerz will bewusst angenommen und gefühlt werden: Die Wut und Verzweiflung des missbrauchten, benutzten, alleingelassenen, lieblos und verständnislos behandelten eigenen, inneren Kindes.
Die Scham und Ohnmacht des kleinen Mädchens vor den ehemals starken und übermächtigen Erwachsenen. Empfindungen und Gedanken, Wertesysteme müssen transformiert und erneuert werden – bevor die Eltern alt, zittrig, kleinlaut – oder selbstgerecht, verurteilend, ablehnend, mürrisch und verbockt schweigend vor der erwachsenen Frau stehen.

Empathie mit den eigenen, fehlbaren, schwachen Eltern braucht seine Zeit - bis das Interesse erwacht an der Geschichte der eigenen Eltern, der Tragik und den Traumen ihrer eigenen Kindheit, in der sie, schutzlos wie wir es gewesen sind, selbst ihren übermächtigen Eltern und einer Welt ausgeliefert waren, in der auch sie oft nicht verstanden wurden …
.
Jede Heilung braucht ihre Zeit – und benötigt individuelle Mittel und Methoden.
Meine Heilung begann, als ich mich von der Familie ab – und mir selbst zuwenden konnte. Doch mich selbst zu entdecken hieß immer auch, meine Familie in mir zu entdecken. Wenn ich mich dem allein gelassenen, unterdrückten, mutlosen, tieftraurigen, an falscher Liebe halb erstickten, mundtot gemachten, mich selbst und meinen Gefühlen und Gedanken misstrauenden, inneren Kind näherte, mich emotional und rational mit mir selbst auseinandersetzte – lernte ich auch jene Wesen besser kennen, die meine Familienmitglieder waren. Mit ihnen galt es, meinen Frieden zu machen – und die gemeinsame Vergangenheit aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Ich bin unterwegs, mich selbst zu erkennen:
Die, die ich einst war,
die ich jetzt bin,
die ich sein werde
oder sein könnte –
mit allen ihren Facetten, Stärken, Potentialen, Ressourcen und Defiziten.
Ich bin jetzt das letzte noch lebende Mitglied meiner Primärfamilie. Die Bühne, auf der sich unsere Dramen, Komödien und Tragödien abgespielt haben, ist noch vorhanden - wenn auch die alten Inszenierungen inzwischen verstummt sind.
Nur in meinem Kopf bestehen die erinnerungswerten, schönen Bühnenbilder weiter, in meiner Fantasie und meinen Erinnerungen sind die Akteure immer noch lebendig.
Der Rest ist Geschichte.
Ich lebe noch ein Weilchen und dann sterbe ich auch …

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Was für ein schöner und berührender Text! Vielen Dank dafür.

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Sehr gerne
Ich gehe bewusst (wieder) das Wagnis ein, ein Blog zu erstellen, in dem ich auch Autobiografisches veröffentliche.
Ich freue mich sehr über Dein feed-back.

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Ich kann mich Frau Fabry nur anschließen, herzlichen Dank.

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