Donnerstag, 5. September 2019
Ehe für alle
„Oha ...“, sagt Robert, als er die Tür öffnet und sie sieht.
„... hoffentlich hab` ich genug Wein aus dem Keller geholt!“
Noch im Türrahmen stehend, beginnt sie schon zu jammern:„Warum muss alles dermaßen kompliziert sein? Ich kann nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, bis Jürgen sich endlich von seiner Frau trennt … hast du Hausschuhe?“
„Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen du das nicht gewollt hast“, sagt er und hängt ihren Mantel auf. „Kannst meine Schlappen haben, sind vorgewärmt!“
Auf Socken schlurft sie schnurstracks in sein Wohnzimmer und lässt sich dort wie einen nassen Sack auf ein rotes Ledersofa fallen.
„Meine Libido war ein leerstehendes Haus - mit nur wenigen beschrifteten Klingelschildern … aber mit der Zeit muss er sich entscheiden. Ich will nicht mehr Teil seines Problems sein – sonder Teil der Lösung! Was gehen mich seine Eheprobleme an? Diese Daueraffäre ist demütigend. Hast du vielleicht größere Gläser – für größeren Kummer?“
Robert und taucht mit dem Kopf in eine Glasvitrine ab, kurze Zeit später hält er zwei voluminöse Rotweingläser in der Hand.
„Manchmal wünschte ich, ich wäre ihm nie begegnet!“ Sie fährt mit den Händen durch ihr dichtes, schwarzes Haar, dann lässt sie den Kopf in ihre Hände sinken, als müsse er die Last dieser Welt verarbeiten.
Robert sucht im Raum nach einem Weinöffner, dabei summt er: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel …“
„Ich glaube nicht, dass du für eine feste Beziehung gemacht bist“, doziert er, als er mit Öffner und Flasche unterm Arm an den Tisch zurückkehrt. Das würdest du auf Dauer langweilig finden: Jeden Abend miteinander einschlafen, jeden morgen nebeneinander aufwachen ...“
„Sagt wer: mein schwuler Freund? Ihr seid doch so was von promisk!“ fällt sie ihm entrüstet ins Wort. Eine Weile war' s nett, die Geliebte zu sein. Doch mit der Zeit legt er dieselbe Anspruchs - und Erwartungshaltung an den Tag wie bei seiner Frau. Das nervt. Inzwischen herrscht bei uns dieselbe distanzlose Vertrautheit wie in einer Ehe. Plötzlich hat man nur noch Sex, der die Verführung umgeht, weil er das Angebot eines Koitus voraussetzt.
Wie ich das hasse, wie er postkoital die Flucht zurück antritt: Zu Ehefrau und Kindern. Wie kränkend das ist! Man fühlt sich so … benutzt“, sagt sie. Hastig greift sie zum Glas und kippt mit bebender Unterlippe einen großen Schluck Rotwein hinunter.
„Verstehe ...“, brummelt Robert und tätschelt ihr tröstend ihre Hand.
„Dabei läuft bei Jürgen und seiner Frau sexuell schon lange nichts mehr“, fährt sie entrüstet fort und greift sich die Chipstüte. „Ich finde es mega Scheiße, wie die in der Öffentlichkeit glücklich verheiratetet mimen …!“
Nachdenklich dreht Robert den Korken der Weinflasche in seiner Hand.
„Was bin ich für ein Volltrottel!“ ruft sie. „ In seine Affäre darf man sich nicht verlieben! Mit der teilt man nur die kleinen, unkomplizierten Fluchten aus dem Alltag …“
„... und von der Ehe!“ ergänzt Robert. „Doch du bist nicht verheiratet. Das macht die Sache kompliziert.“
„Eine kleine, unkomplizierte Liebschaft – das hat Jürgen gesucht. Und jemand, der ihm „Ausgewogenheit“ verschafft. Was immer das für ihn bedeutet …
„Warum reicht dir das nicht mehr: Begehrt zu werden?“
„Ich glaube, ich habe Angst vor dem Alleinsein. Ab einem bestimmten Alter ist Einsamkeit schwer ertragbar: Wenn niemand kommt und niemand geht …“
„Quatsch! fällt Robert ihr ins Wort. „Du siehst gut aus, bist intelligent, eloquent … du kannst immer noch alles haben. Eine Ehe, Kinder … Jede Affäre lockt mit dem Versprechen, dass alle Möglichkeiten zur Befriedigung ausgeschöpft werden können – doch das deprimiert auf Dauer. Typischerweise beendet man die, nachdem einige der Möglichkeiten ausgeschöpft sind und man ahnt: Noch mehr - und es besteht die Gefahr, das man sich überfrisst …“
Du bist es, die seiner lange überdrüssig ist, gib' s zu! Du drängst ihn zu einer Entscheidung, nur damit du das Gefühl haben kannst, die Gewinnerin zu sein. Da läuft doch ein schäbiges, kleines Konkurrenzding mit seiner Ehefrau … mir machst du nichts vor, Schwester.
„Ich kapier' s nicht, warum er so an seinem lauwarmen Eheleben hängt - und an dem Menschen, der darüber nicht deprimiert scheint ...“
„Weil er ein Beziehungsmensch ist – und du nicht?“
„Mein Gott, Robert, ich ertrage diesen Gedanken nicht, dass das ewig so weitergehen könnte!“
„Du willst ihn ernsthaft verlassen?“
„Er ist ein Egoist, wie er im Buche steht. Und ein sozialer Streber: Für bestimmte Positionen hat man verheiratet zu sein. Ich weiß nicht mal, ob er seiner Frau so viel Freiraum lässt, weil er so tolerant ist oder weil sie ihm gleichgültig ist. Und er nur die soziale Fassade braucht: Verheiratet zu sein, Kinder zu haben … Meine Meinung: Sie sind beide soziale Streber. Ihr ist nur sein Einkommen, sein Status wichtig. Und ihr Tennis-Club. Die würde nicht wissen wollen, warum er fremdgeht. Nur: Mit wem. Die ist nicht blöd, die weiß, was läuft: Ehefrauen wittern Konkurrenz, lange bevor die Konkurrenz weiß, dass sie eine ist.
Wenn es einen gutaussehenden Typ gäbe: jung, einfühlsam, ungebunden … einer wie du, Robi – ich wäre weg. So billig und klischeehaft wären meine Gründe, Jürgen den Laufpass zu geben!“

Robert, der im Schneidersitz auf der Couch gegenübersitzt, streckt seine eingeschlafenen Beine aus und versucht, ihren eiskalten, nackten Füßen zu entkommen, die sie ihm unmerklich unter den Po schieben will, um sie zu wärmen. „Und warum beendest du die Sache nicht?“
„Was weiß ich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wohl, weil ich eine Ausrede haben will, dass ich nicht mehr aus meinem Leben mache. Weil es verführerisch ist, nicht mehr suchen zu müssen. Weil Jürgen perfekt dem entspricht, was mir von der Gesellschaft zugebilligt und vom Schicksal zugeführt wurde ...“
„Ach, hör auf: Schicksal!“ protestiert Robert. Zornig starrt er auf den Zierknopf der Ledercouch, als sähe er ihn gerade zum ersten Mal. Er besinnt sich und sieht sie mit schiefem Lächeln an: „Ähm … soll ich uns ein paar Oliven und Schafskäse aus der Küche holen?“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, ist er aufgesprungen und hantiert hausfraulich geschäftig in der offenen Küchenzeile.
Verwundert schaute sie ihm nach und hebt ihre Stimme, dass Robert sie hören kann: „Vielleicht will ich mich ja der Verantwortung entziehen, weil ich mich überfordert fühle. Jeden Morgen der Welt gegenübertreten und Leistung bringen, ist nicht mein Ding. Jürgen scheint das nichts auszumachen – solange er ein Faktotum für Küche und Bett hat, das für sein betreutes Wohnen sorgt ...“
Robert friert in seiner Bewegung ein und starrt sie perplex an: „Das war gemein!“
Sie zuckt mit den Schultern. Und deutet resigniert mit dem Daumen auf sich: „Hast recht: Ich bin das Problem. Ich krieg `s nicht hin, beziehungsmäßig. Ich frage mich: Das war `s? Das war alles? Ich habe Angst, ich verpasse was. Eine tiefere, verbindlichere Art, zu lieben ... “

Robert kehrt mit einem kleinen Tablett, auf dem mehrere Schälchen angerichtet sind, zurück zur Couch:“ Hier, iss!“
„Keiner tröstet mich wie du, Robi! Du verstehst alles. Selbst Jürgen verstehst du besser als ich. Ihr kommt bestens miteinander klar. Manchmal bin ich richtig eifersüchtig auf eure Freundschaft und was euch noch so alles verbindet: Beruf, Segelverein ... übrigens: Danke, dass du am Wochenende mit Jürgen segeln warst! Ich brauchte dieses Wochenende zum Nachdenken!“
„Da nicht für“, murmelt Robert und hält ihr beflissen eine Schale unter die Nase: „Gürkchen …?“
„Nicht ablenken, Freund! Genug von meinem Liebesleben: Jürgen hat gesagt, du willst mir was Wichtiges mitteilen?!“
„Nee, lass, ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ...“
„Leg' los, Robi!“
„Ähm … tja … wie du ja weißt, bin ich auch liiert …“
„... und hast mir bis heute nicht mal seinen Namen verraten, Schuft!“
Robert nestelt nervös am Couchknopf. „Das konnte ich nicht … weil er nicht offen schwul ist. Also bis jetzt war er es nicht: Er will sich endlich outen. Und seine Frau verlassen. Wir werden heiraten!“
„Nein!“
„Doch.“
„Und was sagt seine Frau?“
„Die …ähm … weiß es noch nicht.“
„Hä?“
„ Sein Coming - Out ist … kompliziert. Er will niemandem weh tun. Seine Familie soll es zuletzt erfahren. Erstmal will er mit …äh … seiner Geliebten anfangen.“
„Der hat auch noch eine Geliebte?“
„Deswegen hat Jürgen dich ja heute zu mir geschickt ...

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Clever und flott geschrieben. Hat nur ein großes Manko. Der plot twist wird schon in der Überschrift verraten.

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Oha. Tatsächlich!
Muss mir wohl oder übel eine andere Überschrift ausdenken.
Danke für den Hinweis!
Ähm ... Vorschläge?

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